Prähistorischer Urahn des Nilpferds entdeckt

Fast vier Meter groß und 265 Millionen Jahre alt – Forschende haben den bislang unbekannten Lalieudorhynchus gandi beschrieben, ein reptilienartiger Pflanzenfresser mit uns vertrauten Verwandten.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 4. Aug. 2022, 08:55 MESZ
Illustration von Lalieudorhynchus gandi in einem Fluss: Das Aussehen ähnelt einem stämmigen Reptil.

Aufgrund seines hohen Körpergewichts von mehreren hundert Kilogramm und seinen porösen Knochen hat Lalieudorhynchus gandi vermutlich wie in dieser Illustration dargestellt einen großen Teil seines Lebens im Wasser verbracht – eine Lebensweise, die der moderner Flusspferde entspricht.

Foto von Frederik Spindler

Im Perm, dem letzten System des Paläozoikums, das vor etwa 298,9 Millionen Jahren begann und vor rund 251,9 Millionen Jahren mit der Perm-Trias-Grenze, dem größten Massenaussterben der Erdgeschichte, endete, war die Welt eine andere. Das Leben an Land spielte sich auf Pangäa ab: Lange vor den ersten Dinosauriern beherrschten reptilienartige Wesen den Ur-Kontinent – eine Gruppe, die jetzt Zuwachs bekommen hat.

Denn bei Grabungen in einem felsigen Bachbett des Lodéver Beckens in Südfrankreich stießen Archäologen unter der Leitung von Dr. Ralf Werneburg, Direktor des Naturhistorischen Museums Schloss Bertholdsburg in Schleusingen, und Jörg Schneider, Geologe an der TU Bergakademie Freiberg, in einer ungefähr 265 Millionen Jahre alten Gesteinsformation auf ungewöhnlich große fossile Knochen. Nach jahrelangen Untersuchungen konnten diese jetzt einer bisher unbekannten Gattung zugeordnet werden, die in einer neuen Studie in der Zeitschrift Palaeo Vertebrata vorgestellt wurde: Lalieudorhynchus gandi, benannt nach dem französischen Paläontologen Georges Gand.

Perm-Trias-Ereignis: Das größte Massenaussterben
Fünf Massenaussterben gab es in der Geschichte der Erde. Das größte fand vor etwa 252 Millionen Jahren statt – am Übergang vom Perm zur Trias. Szenen aus One Strange Rock – Unsere Erde.

Vegetarische Riesenreptilien

Zwar hatte man in den südlichen Ausläufern des französischen Zentralmassivs zuvor bereits einige Saurierfährten entdeckt, Knochenfunde aber waren selten und bisher auffallend klein. Die großen Knochen von Lalieudorhynchus gandi, die das Grabungsteam in den Sedimentschichten aus rotem Sandstein und Ton freilegte, waren deswegen eine echte Sensation. Der Fund umfasste 60 Zentimeter lange Rippen, ein 50 Zentimeter hohes Schulterblatt und 35 Zentimeter lange Oberschenkelknochen.

Die Rekonstruktion der Skelettreste ergab, dass sie einem zu Lebzeiten äußerst massiven subadulten Tier gehörten hatten: Lalieudorhynchus gandi muss schätzungsweise 3,6 Meter lang und mehrere Hundert Kilogramm schwer gewesen sein. Sein Aussehen war reptilienhaft: Eine korpulente Echse mit sehr kleinem Kopf und kurzem Maul. Dabei bestehen große Ähnlichkeiten zu Cotylorhynchus, einer Gattung, deren Fossilien in Oklahoma gefunden wurden und die mit drei bis sechs Metern Körperlänge zu den bis dahin größten Landtieren überhaupt zählte.

Durch die Einordnung der anatomischen Ergebnisse in eine Stammbaum-Analyse konnte Dr. Frederik Spindler, wissenschaftlicher Leiter am Dinosaurier Museum Altmühltal, bestimmen, dass Lalieudorhynchus gandi – ebenso wie Cotylorhynchus – der Familie der Caseidae angehörte, es sich bei Ersterem jedoch um eine neuartige Gattung innerhalb dieser Klasse handelt. Caseidae – aus der Gruppe der Pelycosaurier, deren bekanntester Vertreter Dimetrodon ist – bildeten im Perm den primitivsten Seitenzweig der Säugetiere. Außerdem waren sie vermutlich die ersten Vegetarier der Evolutionsgeschichte: Mit ihrem kurzen Maul fraßen sie Blätter und Wedel, die unzerkaut in ihrem Verdauungstrakt vergärten.

Bei archäologischen Ausgrabungen im Lodéver Becken, die im Jahr 2001 begannen, wurden neben diesem Wirbelknochen noch einige weitere versteinerte Knochen der neuen Casidae-Gattung gefunden.

Foto von Ralf Werneburg

Leichteres Leben im Wasser

Die bedeutendste Erkenntnis im Rahmen der Untersuchungen brachte jedoch eine Knochenprobe, bei der festgestellt wurde, dass das Gewebe schwammartigen und eher instabil war und Anzeichen von Osteoporose aufwies. Die Forschenden folgerten daraus, dass Lalieudorhynchus gandi viel Zeit im Wasser verbracht haben muss, da sein Körper für das ausschließliche Leben an Land zu schwer war.

In dem zu Zeiten des Perms tropischen Klima des Fundgebiets wechselten Überschwemmungen und Dürreperioden sich regelmäßig ab. Es gab große Flüsse und flache Tümpel. Pflanzenreste, die im Umfeld der Fossilien gefunden wurden, legen nahe, dass Lalieudorhynchus gandi sich von den Pflanzen ernährte, die entlang dieser Gewässer wuchsen – eine Nische, in der die Tiere Nahrungskonkurrenz mit anderen Pflanzenfressern ihrer Zeit vermeiden konnten. Dies stützt die bestehende Annahme, dass Caseidae zumindest teilweise aquatisch lebten – und es sich bei den Tieren um die ersten Flusspferde der Urzeit gehandelt hat.

Fossilienfunde von Caseidae können bis in das frühe Perm vor etwa 280 Millionen Jahren datiert werden. Der Fund der Knochen von Lalieudorhynchus gandi ist somit auch deswegen interessant, weil er mit einem Alter von rund 265 Millionen Jahren bestätigt, dass zumindest einige Pelycosaurier-Linien das Olsen-Massenaussterben vor rund 273 Millionen Jahren überlebten. Neben den sehr viel kleineren reptilienartigen Captorhinidae und Bolosauridae waren sie die einzigen pflanzenfressenden Landwirbeltiere, denen dies gelang – was sie auf dem Gebiet des heutigen Europas zu den einzigen Mega-Herbivoren des mittleren Perms machte.

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