Wie gesund sind Designerdogs wirklich? Der Heterosis-Effekt bei Hunden und die Folgen

Labradoodle und Schnoodle sind beliebte Designer-Mischlinge in der Hundezucht. Sie sollen gesünder sein als ihre reinrassigen Verwandten und beim Menschen weniger Allergien auslösen. Doch dafür gibt es keine Beweise.

Von Sarah Langer
Veröffentlicht am 5. Mai 2023, 15:23 MESZ
Hybridhund brauner Labradoodle

Wie gesund sind Hybridhunde wirklich?

Foto von Khorzhevska - stock.adobe.com

Mit dem Labradoodle fing alles an. Der Australier Wally Conron führte die erste gezielte Kreuzung der Rassen Labrador Retriever und Pudel durch. Sein erster Impuls zur Kreuzung der Tiere kam von einer blinden Frau aus Hawaii, die nach einem Assistenzhund suchte, auf den ihr Mann nicht allergisch reagieren würde. Pudel verfügen über minimalen Fellwechsel und gelten daher als antiallergen. Laut Conron fehle ihnen jedoch die Persönlichkeit für die Aufgabe als Assistenzhund. So kam ihm Ende der 80er Jahre die Idee der Verpaarung - die er 30 Jahre später als den größten Fehler seines Lebens bezeichnet. 

Heute bereut er seine Vermischung und nennt die Tiere „Frankensteins Monster“, die unter dem extremen Trendaufschwung leiden. Conron erklärte gegenüber der Australian Broadcasting Corporation (ABC), dass „die meisten von ihnen entweder verhaltensgestört oder ein erblich bedingtes Problem haben.“ Doch nicht nur Labrador-Pudel Mischlinge leiden unter dem Trend, genauso betrifft es alle anderen designten Kreuzungen, wie dem Golden Retriever, Cocker Spaniel oder Malteser.

Dr. Peter Scabell aus der Tierklinik Oberhaching kann die Aussage nicht gänzlich bestätigen. Der studierte Fachtiermediziner (LMU) und Leiter der Chirurgie hat, was die Verhaltensauffälligkeit der Hybridhunde angeht, dort andere Erfahrungen gemacht: „Wir sehen nicht mehr verhaltensauffällige Hybridhunde in unserer Praxis als andere Hunde. Bei jeder Rasse gibt es mehr oder weniger verhaltensauffällige Hunde – das würde ich nicht auf die Kreuzung schieben.“ 

Der Labradoodle und andere Hybridhunde sind für ihr lockiges Fell bekannt. 

Foto von Denis Feldmann - stock.adobe.com

Hundezüchtung ohne Regularien: Hybridhunde als Trend

Bei den erblich bedingten Problemen der Designerdogs stimmt Dr. Scabell dem Schöpfer der Hybridhunde allerdings zu. Durch den Trend rund um designte Hunde stieg die Nachfrage nach Goldendoodle und Co. enorm - und dadurch auch die Züchtungen. Gesicherte Zahlen gibt es dazu nicht. Das liegt daran, dass Hybridhunde noch nicht offiziell als Rasse anerkannt sind und deshalb ohne Verein – und somit auch ohne feste Regularien - gezüchtet werden. Dr. Scabell sieht darin eine zusätzliche Ursache für die Entstehung gesundheitlicher Probleme: „Die Züchtung der Hybridhunde wird noch nicht von Zuchtverbänden kontrolliert, es gibt keine strengen Regularien und das führt unter anderem zu gesundheitlichen Problemen.“ Dadurch hätten Züchter, die keinen großen Wert auf die Gesundheit der Tiere legten, freie Hand. „Die Züchter produzieren, da die Hunde im Trend liegen und die Nachfrage groß ist - ungeachtet dessen, welche Krankheiten sie damit weitervererben.“ 

Designerdogs: Die geplante Kreuzung zweier Hunderassen und ihre Folgen

Doch auch bei kontrollierter Züchtung könnten Probleme entstehen, so der Tiermediziner: „Die Gesundheit der Hunde ist ein Trugschluss. Wir sehen genauso kranke Hybridhunde wie Rassehunde. Auch ein Hybridhund hat einen Vater und eine Mutter, die ihre Erbanlagen weitergeben. Wenn ich eine Paarung vornehme, besteht immer die Chance, dass sich Erbkrankheiten bei den Welpen ausbilden.“ Laut Scabell gäbe es genauso einen gesunden Labrador, wie es einen gesunden Labradoodle, aber „beide können auch krank sein.“ So sehe man bei Labradoodlen die klassischen Verletzungen, beziehungsweise degenerative Erkrankungen, wie bei einem Labrador: Ellbogendysplasien, Hüftgelenksdysplasien oder Kreuzbandrisse. Bei kleineren Hybridhunde-Züchtungen treten zum Beispiel häufig Zahnprobleme auf, da oft ein schmales und ein breites Gebiss aufeinandertreffen und Platzprobleme entstehen können. 

Allgemein glaubt der Fachtiermediziner nicht, dass Hybridhunde gesünder oder kränker seien. Wenn die Elterntiere kranke Erbanlagen hätten, können diese weitergegeben werden, egal welche Rasse oder Kreuzung vorliege. „Der Knackpunkt ist: man muss sich die frühere Generation anschauen.“

Hybridhunde gibt es nicht nur in Verbindung mit einem Labrador. Auch mit kleinen Hunderassen werden Pudel gerne verpaart.

Foto von Rita Petcu - stock.adobe.com

Heterosis-Effekt und gesunde Hybridhunde?

Doch in der öffentlichen Meinung, in Foren und auf Hunde-Webseiten gelten die gekreuzten Hunde-Varianten als gesundheitlich besser aufgestellt als ihre reinrassigen Vorfahren - trotz fehlender wissenschaftlicher Beweise. Als Grund für die angeblich bessere Gesundheit wird der Heterosis-Effekt herangezogen, der bei der Pflanzen- und Tierzucht eingesetzt wird und eine besonders ausgeprägte Leistungsfähigkeit ermöglichen soll: Durch die Vermischung zweier Gene können Welpen von beiden Eltern die besten Voraussetzungen vererbt bekommen. Jedoch greift dieser Effekt nur bei der F1-Generation, also bei der ersten Generation der gekreuzten Tiere. Das bestätigt auch Dr. Scabell: „Theoretisch kann eine F1-Generation genetische Vorteile aufweisen. In der Praxis kann man das jedoch schwer überprüfen, da ein Arzt nicht erkennen kann, welcher Generation ein Hund angehört. Eine eindeutige Aussage zum Heterosis-Effekt ist daher schwierig."

Für Allergiker geeignet: Sind Hybridhunde wirklich antiallergen?

Durch die Verpaarung mit dem Pudel sprechen Züchter und Fans der Hybridhunde von Allergikerhunden. Dr. Scabell spricht dagegen von einem Irrtum und klärt auf: „Der Pudel hat die Eigenschaft, wenig oder gar nicht zu haaren und wird deshalb als antiallergen gehandhabt. Das ist allerdings nicht ganz richtig: Denn für einen Allergiker sind nicht die Haare des Hundes gefährlich, sondern viel mehr dessen Speichel. Ich würde daher keinen Freibrief für Allergiker ausstellen“. Um die Allergenen Eigenschaften zu testen, solle man mit dem Hund Zeit verbringen und sehen, ob eine Allergie ausschlägt. Auch ein Allergietest mit dem Speichel des Hundes könne helfen. „Ein Labradoodle haart sicher weniger als ein Labrador, jedoch ist das Risiko einer Allergie nicht zu 100 Prozent aus der Welt geschafft, da die Haare nicht der bestimmende Faktor sind.“

Der Labradoodle war der erste Hybridhund - schon vor über 30 Jahren. 

Foto von aBSicht - stock.adobe.com

Was ist bei der Anschaffung eines Hybridhundes zu beachten?

Was also, wenn man sich einen Hybridhund anschaffen möchte? Bei der Wahl des Züchters bittet Dr. Peter Scabell um besonders gewissenhafte Recherche: „Es gibt keine Qualitätskontrolle dieser Tiere. Wenn ich aber eine gute Auswahl treffe und wirklich die Qualität und Seriosität des Züchters und eben auch die Elterntiere überprüfe, ist ein Hybridhund genauso einzustufen, wie ein Labrador oder ein Pudel.“ Es gebe auch bei anderen Rassen illegale Züchtungen, die Gefahr sei bei einem Hybridhund durch den Trendaufschwung jedoch wohl etwas größer. Doch als Halter mit gutem Menschenverständnis könne man sie schon vor dem Kauf ausschließen.

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Foto von National Geographic

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