Zu schwach zum Laichen: Deutschlands Amphibien in der Kaulquappen-Krise

Das Fazit der diesjährigen Wanderung von Kröte, Frosch und Co. ist ernüchternd. Den deutschen Amphibien geht es so schlecht wie selten zuvor. Laut NABU hängt dies vor allem mit den trockenen und viel zu warmen Sommern zusammen.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 16. Mai 2023, 08:50 MESZ
Nahaufnahme des Froschlaichs im Wasser zwischen Schilfblättern.

Trockener werdende Lebensräume und geringere Nahrungsverfügbarkeit werden für Amphibien in Deutschland langsam zum Problem: die Tiere laichen zu wenig.

Foto von Marc Andreu / Adobe Stock

Es ist ein ernüchterndes und trauriges Fazit, zu dem hunderte Freiwillige deutschlandweit am Ende der Amphibienwanderung kommen. Trotz sichererer Straßenüberquerungen mittels Krötenzäunen und zahlreichen helfenden Händen kamen deutlich weniger Kröten, Molche und Frösche an ihren Laichgewässern an. Denn viele von ihnen sind gar nicht erst losgezogen. 

Grund dafür könnten die letzten drei sehr trockenen Jahre gewesen sein, vermutet der Naturschutzbund (NABU) Deutschland in einer Mitteilung. Womöglich könnten diese Dürreperioden viele Amphibien das Leben gekostet haben. Laut Sascha Schleich, Experte und stellvertretender Sprecher im NABU-Bundesfachausschuss Feldherpertologie und Ichthyofaunistik, waren die Nächte der Laichsaison 2023 zusätzlich zu kalt.

Heimische Amphibien leiden, invasive Arten profitieren 

Natürliche Schwankungen der Krötenanzahl entlang der Schutzzäune und Leitanlagen wären laut Sascha Schleich grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. In manchen Regionen würde sich sogar ein aufsteigender Trend abzeichnen. „Allerdings gibt die Tendenz der letzten Jahre Hinweise auf einen generellen Rückgang der wandernden Amphibien“, sagt Schleich.

So waren viele Tiere, die die letzten von Trockenheit und Dürre dominierten Sommer überstanden haben, in diesem Jahr vermutlich zu schwach, um zur Wanderung aufzubrechen. Einige könnten eine Laich-Pause eingelegt haben. Langfristig kann dies fatale Folgen für die Bestände der Arten haben. Laut Schleich profitiert unter den heimischen Amphibien lediglich der Springfrosch vom wärmeren und trockenen Klima. Daneben wären es hauptsächlich invasive Arten – wie etwa der Amerikanische Ochsenfrosch –, deren vermehrte Ausbreitung abzusehen ist.

Bei optimalen Witterungsbedingungen wie feuchtwarmen Nächten und Temperaturen ab sieben bis acht Grad Celsius machen sich Erdkröte und Co. auf den Weg zu ihren Laichgewässern – zumindest in der Theorie. In der Laichsaison 2023 wurden deutlich weniger Tiere verzeichnet.

Foto von Jonathan Fieber / NABU

Laich-Pause: Deutlich weniger Kaulquappen

Viele der heimischen Kröten, Frösche oder Molche haben den letzten Dürre-Sommer vermutlich nicht überstanden. In Kombination mit den geschwächten, aber pausierenden Überlebenden hat dies auf lange Sicht deutlich weniger Kaulquappen – oder im Fall der Molche Larven – zur Folge. Bei Arten wie der Erdkröte, die ihren bereits gebildeten Laich im Körper unter viel Kraftaufwand wieder zurückbilden kann, wäre dies kurzfristig kein Problem.

„Da Erdkröten sehr alt werden können, ist eine Laich-Pause für die Population meist zu überbrücken. Für kurzlebige Arten wie der Knoblauchkröte oder dem Laubfrosch kann eine Laich-Pause von ein bis drei Jahren schon problematisch sein, da die Jahrgänge dann fehlen“, sagt Schleich. Verschärft wird die Kaulquappen-Krise dadurch, dass Jungtiere, die es dennoch durch die frühen Entwicklungsstadien schaffen, nicht selten über trockene Sommer hinweg verhungern oder vertrocknen – und schließlich keine Nachkommen zeugen können.

Laut Schleich ist vor allem die Erdkröte stark an ihr Geburtsgewässer gebunden. Würde dieses nicht mehr existieren – etwa durch klimatische Einflüsse oder direkte menschliche Zerstörung – könne es mehrere Jahre dauern, bis ein Tier ein anderes Gewässer zum Laichen nutze. „Andere Arten wie beispielsweise Grasfrosch, Bergmolch oder Gelbbauchunke sind da flexibler und nehmen auch gerne neue Gewässer an“, sagt Schleich. Teils sogar relativ zügig, innerhalb eines Jahres. 

Zwischen Sorge und Hoffnung: Maßnahmen zur Unterstützung

Bei der Unterstützung der Tiere ist die Bevölkerung gefragt. Helfen könne jeder, betont Schleich. Um mögliche neue Laichgewässer zu schaffen, sollten angelegte Gartenteiche fischfrei bleiben und bei der Gartenpflege auf Pflanzen- sowie Insektenschutzmittel verzichtet werden. Zusätzlich würden Versteckmöglichkeiten wie Holz- oder Steinhaufen Schutz bieten und höhere Blühwiesen ein optimales Jagdhabitat durch längere Bodenfeuchte und ausreichend Nahrung darstellen.

 

Erfreulicherweise gibt es laut Schleich auch Regionen, die mit positivem Beispiel vorangehen – etwa durch Änderungen in der Flächennutzung oder die Neuanlage von Gewässern. Die Anlage von stationären Leitanlagen sowie die Verlängerungen von mobilen Zäunen und deren Betreuung während der Rückwanderung stellen ebenfalls eine große Unterstützung dar. 

Auf lange Sicht äußert Schleich allerdings nicht nur Bedenken bezüglich der Laichgewässer. Bei gleichbleibender Dürre könnten sich die immer trockener werdenden Lebensräume und die geringere Nahrungsverfügbarkeit zu einem ebenso großen Problem entwickeln. Gefährdet wären dann vor allem Arten wie der Moor- und der Grasfrosch, die maßgeblich auf feuchte Böden angewiesen sind. „Wenn sich die Wetterlage im Frühjahr und Sommer nicht entspannt und es weiterhin so trocken bleibt, sind die Hilfsmaßnahmen so wichtig wie nie, um diese Extremwetter-Jahre zu überbrücken“, so Schleich.

 

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