Invasion der Flussgiganten? Der Wels erobert Deutschland

Bis zu drei Meter lang und 200 Kilogramm schwer – Sichtungen riesiger Flusswelse häufen sich. Warum sich der Raubfisch in Deutschland so ausbreitet, und was das für Flüsse wie Rhein und Sieg bedeutet.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 16. Aug. 2023, 09:38 MESZ
Nahaufnahme eines Welses, der im dunklen Fluss schwimmt.

Der Europäische Wels ist der größte Süßwasserfisch Europas – und ein begnadeter Jäger. In den letzten Jahrzehnten hat er sich auch in Deutschland vermehrt ausgebreitet. Ein Grund zur Sorge?

Foto von Kletr / Adobe Stock

In den vergangenen Jahren gab es zahlreiche spektakuläre Meldungen im Zusammenhang mit riesigen Welsen, die südeuropäische Flüsse besiedeln: Welse fressen Tauben an einem Flussufer in Frankreich, Riesenwelse bedrohen heimische Fischarten in Spanien und dann fing ein Angler in Norditalien auch noch den größten je dokumentierter Wels (er maß stattliche 2,85 Meter und knackte damit den Weltrekord). 

Doch auch hierzulande, wo die Welse in einigen Flüssen heimisch sind, geraten die Raubfische immer öfter ins Rampenlicht. Das liegt an zwei Faktoren: Welse werden schneller größer, und sie werden mehr.

Größter Süßwasserfisch Europas: Warum werden Welse so groß?

Europäische Flusswelse (Silurus glanis), regional auch Waller oder Schaidfisch genannt, können bis zu 200 Kilogramm schwer und vermutlich mehr als drei Meter groß werden. Der aktuelle, allerdings nicht offiziell bestätigte, Größenrekord eines deutschen Flusswelses liegt bei knapp 2,6 Metern – gefangen von einem Angler am Rhein. Und solche Sichtungen sind keine Seltenheit mehr.

 „Generell wachsen Fische ein Leben lang und hören erst auf, wenn sie irgendwann eines natürlichen Todes sterben“, sagt Stefan Staas, Gewässerökologe bei der Firma LimnoPlan. Weil Welse besonders alt werden – bis zu 60 oder 70 Jahre – erreichen sie besonders hohe Größen- und Gewichtsklassen. Silurus glanis ist in dieser Hinsicht Rekordhalter: Er gilt als größter und schwerster reiner Süßwasserfisch Europas.

Wärmeres Wasser, größere Welse

Ungewöhnlich ist eine Größe von über zwei Metern für die Welse also nicht. Allerdings haben sich die Fische in den letzten Jahrzehnten stark vermehrt, begegnen so auch in Deutschland immer mehr Menschen – und geraten in die Schlagzeilen. „Lange Zeit gab es die Welse in Deutschland zwar, aber sie sind nur wenig in Erscheinung getreten. Das hat sich seit der Nachkriegszeit geändert“, so Staas.

Schuld sind vor allem menschliche Einflüsse. „Der Wels ist sehr wärmeliebend“, sagt Staas. Da deutsche Flüsse in den letzten Jahrzehnten immer wärmer werden – einerseits durch die Folgen des Klimawandels und andererseits durch direkte menschliche Einflüsse wie die Einleitung von Kühlwasser – fühlen sich die Welse in Deutschland immer wohler. „Welse wachsen in warmem Wasser schneller und können sich besser fortpflanzen.“ So erreichen auch jüngere Exemplare eine beachtliche Größe – und sorgen für Schlagzeilen.

Verbreitung des Welses in Deutschland durch Menschen

In Deutschland hat sich der Wels so mittlerweile über seine ursprünglichen Lebensräume hinaus verbreitet. „Die natürliche Besiedelungsgrenze des Welses ist die Elbe und im Süden die Donau“, sagt Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) Berlin. Es gebe aber auch Studien, die den Wels natürlicherweise in Teilen des Oberrheins in Baden-Württemberg und Frankreich sehen. Nach Angaben von Stefan Staas weisen archäologische Funde auf eine einstige Besiedlung des Oberrheins durch den Wels hin.

Der Riesenwels gelangt vor allem durch die Hobbyfischerei immer wieder in die Schlagzeilen. Fänge besonders großer Exemplare häufen sich, die Bilder sind oft spektakulär. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Welse bei warmem Wasser schneller wachsen, andererseits mit ihrem vermehrten Vorkommen. Dadurch haben mehr Tiere die Chance, alt und so auch besonders groß zu werden.

Foto von FedBul / Adobe Stock

Das in den letzten Jahrzehnten gestiegene Vorkommen des Flusswelses ist laut Staas zusätzlich Menschen zuzuschreiben, die den Wels ganz konkret in neue Gewässer gebracht haben. „Der Wels ist ein beliebter Anglerfisch“, sagt der Biologe. „Deshalb wurden die Fische in verschiedenste neue Lebensräume wie Baggerseen, Teiche und Nebenflüsse gebracht.“ Wenn die Angler dann wenig erfolgreich beim Einfangen der Tiere sind, werden die Tiere in diesen Gewässern extrem alt – und somit auch extrem groß. So erhöhen sich sowohl die Sichtungen riesiger Exemplare als auch die Anzahl der Tiere an sich. Auch Kanalbauten, die zuvor nicht miteinander verbundene Flüsse und Gewässer verbinden, haben zu dieser Verbreitung beigetragen.

Ein Problem ist das vor allem in einigen Flüssen in Spanien und Frankreich. Der Wels ist ein Raubfisch, ähnlich wie Hecht oder Barsch, die sich von anderen, kleineren Fischen und Krustentieren ernähren. In Gebieten, wo der Wels nicht heimisch ist, erhöht er durch sein Fressverhalten den Druck auf die dortigen Beutefische. 

„Es kommt immer auf den konkreten Gewässerabschnitt an und welche Fische dort zuvor gelebt haben“, sagt Staas. In Frankreich und Spanien gilt der Wels mittlerweile in einigen Regionen als invasiv. Zum Beispiel im spanischen Fluss Ebro, der für sein großes Welsvorkommen mittlerweile bei Angler*innen über die Grenzen Spaniens hinaus bekannt ist.

Der Wels ernährt sich als Raubfisch hauptsächlich von kleineren Fischen, Krabben, Wirbellosen – und in einigen Fällen sogar von Wasservögeln, Tauben oder kleinen Säugetieren.

Foto von Rostislav / Adobe Stock

Der europäische Wels im Rhein: Auch hier eine Gefahr?

Anders ist das in Deutschland. Auch hier lebt der Wels zwar mittlerweile in Flüssen, in denen er zuvor nicht oder nur wenig vorkam. Dennoch ist die Fauna hierzulande größtenteils mit dem Wels vertraut. „Bislang sind keine negativen ökologischen Folgen bekannt“, so Arlinghaus. Vielmehr helfe der Wels durch sein Fressverhalten teilweise sogar dabei, invasive Arten wie die Kamberkrebse in Schach zu halten.

Eine Sondersituation zeigt sich laut Staas lediglich in einigen Abschnitten des Rheins und seinen Zuflüssen. In der Sieg gibt es beispielsweise schon seit über 20 Jahren Maßnahmen, den Lachs wieder anzusiedeln. „Da macht man sich natürlich schon Sorgen, wenn man eine Erhöhung der Raubfischbestände durch starke Welsvorkommen beobachtet“, sagt Staas. Allerdings müsse man auch hier beachten, dass es der menschliche Einfluss war, der die Lachse überhaupt zuvor geschwächt hat – und nicht die Raubfische. 

Nicht die Welse sind das Problem 

„Trotzdem ergibt es in bestimmten gefährdeten Systemen wie der Sieg schon Sinn, die Welspopulation etwas kurz zu halten“, sagt Staas. „Eine generelle Bekämpfung einer Art ist aber sowieso selten erfolgreich.” In Deutschland sei das im Fall der Welse unterm Strich ohnehin nicht nötig.

Grundsätzlich, so Arlinghaus, sind die größten Gefahren für das Ökosystem Fluss die menschengemachten Veränderungen, die die Gewässer beeinträchtigen. Laut einer aktuellen Studie lassen Renaturierungsbemühungen in europäischen Flüssen aktuell wieder nach – das beeinträchtig auch die Biodiversität. 

„Es müssen die natürlichen Überflutungsbereiche wiederhergestellt werden, Querverbauungen sind abzubauen, die Ufer zu renaturieren“, sagt Arlinghaus. Denn ein kaputtes Flusssystem schadet allen Tieren – letztendlich auch dem Wels, der als Räuber zumindest in heimischen Gewässern eine unverzichtbare Rolle erfüllt. 

 

Lust auf mehr große Fische? Ab dem 28.08.2023 startet die zweite Staffel von „Die letzten Giganten: Riesenfische“ , immer montags um 21:40 Uhr. National Geographic und National Geographic WILD empfangt ihr über unseren Partner Vodafone im GigaTV Paket.  

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