Tiere

Die geheime Welt der Flüsse und Seen

Süßwasser macht nicht mal vier Prozent aller Wasservorräte der Erde aus, beheimatet aber die Hälfte aller Fischarten. Donnerstag, 10 Januar

Von Melissa Suran
Bilder Von David Herasimtschuk

Vom kleinsten Bach bis zum reißendsten Strom tummeln sich in den Süßwasservorkommen unserer Welt mehr als 10.000 Fischarten. Viele dieser scheuen Tiere werden wir wohl aber nie selbst zu Gesicht bekommen, denn ihre Zahl nimmt ab. Derzeit sind mehr als 20 Prozent der bekannten Arten bedroht oder bereits ausgestorben – Grund genug für David Herasimtschuk, Fische nicht nur zum Spaß abzulichten. Der professionelle Fotograf hat es sich zur Aufgabe gemacht, das öffentliche Bewusstsein und die Wertschätzung für Süßwasserökosysteme und ihre Bewohner zu steigern.

„Diese ganzen Lebewesen verschwinden einfach und niemand weiß, dass sie überhaupt existieren“, sagt Herasimtschuk.

Er ist der Fotograf und Kameramann für Freshwaters Illustrated, eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Oregon, deren Ziele sich mit seinen Motivationen decken. Seit fast einem Jahrzehnt arbeitet Herasimtschuk schon mit der Organisation zusammen, um das Leben in den Bächen und Flüssen Nordamerikas zu dokumentieren, von den Bergen Colorados bis zum El Yunque National Forest in Puerto Rico. Diese Lebensräume beheimateten nicht nur Wasserpflanzen und Tiere, sondern bilden die Lebensgrundlage für viele Tiere, die an Land leben: von Vögeln, die an Flussufern nisten oder dort während ihrer langen Migrationen pausieren, über Biber, die in den Flüssen ihr Heim bauen, bis zu Raubtieren, die dort auf Beute lauern.

Für Menschen stellen Flüsse die wichtigste Trinkwasserquelle dar. Außerdem liefern sie Wasser für den Ackerbau und werden über Wasserkraftwerke zur Energiegewinnung genutzt. Trotz der entscheidenden Rolle, die sie in der Natur und im menschlichen Leben spielen, werden Flüsse jedoch oft vernachlässigt.

„Die Leute wissen mehr über einen Clownfisch, der in einem Korallenriff lebt, als über die Elritzen, die zehn Minuten von ihrem Haus entfernt im Fluss schwimmen“, so Herasimtschuk. „Man zeigt den Leuten im Grunde eine ganz neue Welt – aber es ist eine Welt, die oftmals genau vor ihrer Haustür beginnt.“

Einzigartige Verhaltensweisen

An vielen Orten, die Herasimtschuk fotografiert hat – darunter der Süden der US-amerikanischen Region Appalachia –, finden sich einige der vielfältigsten Süßwasserökosysteme der Welt. In der Region sind 300 bis 400 Fischarten heimisch.

Im Süden Appalachias lebt außerdem Herasimtschuks Lieblingsamphibium: der Schlammteufel, ein in Nordamerika heimischer Riesensalamander. Wenn man sich geduldig in der Nähe der bis zu 70 Zentimeter langen Tiere aufhält, interagieren sie irgendwann mit einem und „akzeptieren einen als Teil ihrer Welt“, wie Herasimtschuk erzählt. So konnte er das weltweit womöglich einzige Foto eines Schlammteufels machen, der versucht, eine Schlange zu fressen. Für dieses Bild wurde Herasimtschuk vom Natural History Museum in London als Wildlife Photographer of the Year ausgezeichnet. Es war eine unerwartete Szene, da Schlammteufel eigentlich auf kleinere Beute Jagd machen. Als sich die Schlange um den Kopf des Salamanders schlang, versuchte der Schlammteufel, seinen Biss zu festigen. Das gab der Wassernatter die Chance zur Flucht.  

Durch sein Objektiv erlebte Herasimtschuk viele Ereignisse, die menschliche Augen nur selten sehen, zum Beispiel das große Farbspektakel laichender Weißfische. Er sah zu, wie winzige Fische der Art Nocomis micropogon tagelang den Boden nach passenden Steinen für ihre Kinderstube absuchten. Er schwamm mit Langschnauzen-Knochenhechten, die ihn an „Unterwasser-Dinosaurier“ erinnerten, und sah einem Hechtweibchen dabei zu, wie es 30.000 erbsengroße Eier ablegte. Einige davon blieben an seiner Kamera kleben. Er hat acht Jahre und Tausende von Versuchen benötigt, um die Zusammenkunft der Rauhäutigen Gelbbauchmolche im Willamette River in Oregon auf dem „perfekten“ Foto festzuhalten. Jedes Jahr versammeln sich die Tiere dort zur Paarung.

Im Regen

Das Wetter kann sich beträchtlich auf die Zeit auswirken, die nötig ist, um den perfekten Moment festzuhalten. Viele Süßwasserarten laichen während des Winters und Frühlings in größeren Höhenlagen ab. Herasimtschuk verbringt mitunter schnell mal acht bis zehn Stunden im kalten Wasser, um Hunderte von Bildern zu machen.

Mit der Kälte kommt er in seinem Trockenanzug zwar zurecht, aber wenn es zu regnen beginnt, muss er das Shooting abbrechen. In der Welt der Süßwasserfotografie ist Niederschlag Fluch und Segen zugleich. Regen lockt beispielsweise Lachse an, da er ihren Weg stromaufwärts vereinfacht. Aber er verwandelt das sonst klare Wasser auch in eine schlammige Brühe. Doch nicht der Regen selbst bringt den Schlamm, sondern wäscht ihn während Stürmen nur ins Wasser.

„Wenn man in einem Bach Wasser sieht, dass wie Schokoladenmilch aussieht, kann man nachvollziehen, wie Tiere an sowas ersticken können“, so Herasimtschuk. Die Umweltschutzbehörde der USA listet Sedimente sogar als häufigsten Schmutzstoff in Flüssen und Seen. Ein Drittel geht auf natürliche Erosion zurück, aber der Großteil stammt aus Erosion, die von Menschen beispielsweise durch Bauprojekte beschleunigt wird.

Trotz der Herausforderungen seiner Arbeit macht Herasimtschuk weiter, da es eines Tages vielleicht nicht mehr möglich sein wird, diese Tiere fotografisch festzuhalten. Staudämme erschweren es manchen Arten, ihren lebenswichtigen Migrationsrouten zu folgen, und Verschmutzung und Sedimentation zerstören ihren Lebensraum. Herasimtschuk hat sogar schon zugemüllte Naturschutzgebiete und selbst Autobatterien gesehen, die in Flüssen entsorgt wurden und dort vor sich hin rosten.

Das ist nicht nur für die Wasserbewohner ein Problem, sondern auch für Menschen. Tiere wie Schlammteufel sind gute Indikatoren für die Flussgesundheit. Wenn sie in einem Fluss leben, bedeutet das, dass das Wasser sauber und trinkbar ist. Aber langsam verschwinden die Schlammteufel, und mit ihnen auch einige andere Arten in Herasimtschuks Fotos. Dennoch hofft er, dass die Menschen mit Hilfe seiner Bilder etwas lernen können und sich mehr für das Schicksal dieser Tiere und Ökosysteme interessieren.

„Viele dieser Arten gibt es schon seit Millionen von Jahren. Ihr Verschwinden begann aber erst in den letzten 100“, so Herasimtschuk.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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