Welse: Taubenfressende Invasoren schaden Europas Flüssen

Die größten Süßwasserfische des Kontinents wurden von Anglern in zahlreiche Flüsse eingebracht – und dezimieren dort die ohnehin bedrohten heimischen Arten. Ein Problem, das niemanden zu kümmern scheint.

Veröffentlicht am 19. Jan. 2021, 13:42 MEZ, Aktualisiert am 25. Jan. 2021, 15:56 MEZ
Flusswelse

Die in Osteuropa heimischen Flusswelse können in Ausnahmefällen fast drei Meter lang werden.

Bild Stephane Granzotto / NPL / Minden Pictures

Als Frédéric Santoul das erste Mal Zeuge der Fressgewohnheiten von Europas größtem Süßwasserfisch wurde, stand er auf einer mittelalterlichen Brücke in Albi, einer Stadt in Südfrankreich.

Auf einer kleinen Insel unten im Fluss Tarn liefen Tauben umher, ohne auf die Gruppe von Welsen zu achten, die in der Nähe der Kiesbank lauerte. Plötzlich katapultierte sich ein Fisch aus dem Wasser an Land und schnappte sich in einem Gewirr aus fliegenden Federn eine Taube, bevor er sich mit dem Vogel im Maul wieder zurück in den Fluss hievte.

„Ich wusste, dass Orcas sich an Land werfen können [um Robben zu fangen], aber ich hatte dieses Verhalten noch nie bei Fischen gesehen“, sagt Santoul. Der Fischökologe an der Universität Toulouse verbrachte den Rest des Sommers damit, das Phänomen zu dokumentieren.

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Damals, vor fast einem Jahrzehnt, war wenig über den Flusswels (auch Europäischer Wels) in Westeuropa bekannt, wo er in den 1970er Jahren von Anglern eingeführt wurde. Die Art, die im Schnitt bis zu anderthalb Meter lang und bis zu 50Kilogramm schwer wird, ist in Osteuropa beheimatet, hat sich aber inzwischen in mindestens zehn Ländern in West- und Südeuropa ausgebreitet.

In seinem heimischen Lebensraum, wo das Tier sowohl gefischt als auch zur Nahrungsgewinnung gezüchtet wird, gilt der Flusswels nicht als Problemart. Dort scheinen die Populationen seit Jahrzehnten relativ stabil zu sein und es gibt kaum Anzeichen für eine übermäßige Belastung anderer heimischer Fischarten durch die großen Jäger.

Doch in jenen Flüssen, die sie sich neu erschlossen haben, dezimieren die Eindringlinge gefährdete und kommerziell wichtige Arten. Dazu gehören auch der Maifisch und der Atlantische Lachs, deren europäische Populationen bereits stark rückläufig sind, sagt Santoul.

 

Er befürchtet, dass das Raubtier viele einheimische westeuropäische Fischarten ausrotten und damit die Ökosysteme der Flüsse grundlegend verändern könnte. Dabei haben diese ohnehin bereits mit den Auswirkungen von Dämmen, Wasserverschmutzung und Überfischung zu kämpfen.

„Die kumulativen Auswirkungen dieser Faktoren könnten in zehn Jahren zu einem Zusammenbruch der Fischpopulationen führen“, warnt Santoul.

Ein Festmahl für den Wels

1974 setzte ein deutscher Angler mehrere tausend junge Welse im spanischen Fluss Ebro aus. Andere Angler, die auf die Chance hofften, einen so großen Fisch zu fangen, taten das Gleiche in Flüssen anderer Länder – und die Art vermehrte sich prächtig.

Wie viele invasive Arten gedeihen Welse in Flüssen, die vom Menschen verändert wurden. Dort haben hohe Wassertemperaturen und niedriger Sauerstoffgehalt einheimische Arten oft verdrängt. Der Wels wächst außerdem schnell, hat eine lange Lebensdauer (möglicherweise bis zu 80 Jahre) und vermehrt sich mühelos – die Weibchen produzieren Hunderttausende von Eiern auf einmal.

Welse umkreisen eine kleine Insel im Fluss Tarn und lauern auf eine Gelegenheit, ahnungslose Tauben zu schnappen.

Bild Remi Masson / NPL / Minden Pictures

Doch ihren größten Vorteil verschaffen ihnen womöglich ihre Jagdfähigkeiten. Wie alle Welse haben die Europäischen Welse hochentwickelte Sinne und erkennen insbesondere Vibrationen, die von ihrer Beute ausgehen. Sie haben auch „eine erstaunliche Fähigkeit, sich an neue Nahrungsquellen anzupassen“, sagt Santoul, der dokumentiert hat, wie die Welse Asiatische Körbchenmuscheln erbeuten – eine andere invasive Art.

Die Welse haben es vor allem auf Wanderfische abgesehen, die vom Meer in die Flüsse ziehen, um dort zu laichen. Zu ihnen gehören der Atlantische Lachs, der ursprünglich nur wenige Fressfeinde hatte; die kieferlosen Meerneunaugen, die in Europa vom Aussterben bedroht sind; und Maifische, eine kommerziell wertvolle Meeresfrucht.

Außerdem haben sie neue Jagdstrategien entwickelt, die in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet nicht beobachtet wurden, beispielsweise das Fangen von Tauben an Land.

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Im französischen Fluss Garonne warten Welse mitunter in einem Fischtunnel, um Lachse zu fangen, die ein Wasserkraftwerk überwinden wollen.

Im selben Fluss haben Welse auch gelernt, nachts an der Oberfläche des Flusses auf laichende Maifische zu lauern, wenn diese mit ihrer Balz beschäftigt sind, so eine im November 2020 veröffentlichte Studie. Eine Analyse des Mageninhalts von mehr als 250 Welsen ergab, dass Maifische mehr als 80 Prozent ihrer Nahrung ausmachen – „ein Festmahl der Riesen“, wie es die Studie bezeichnete.

„Alle diese Studien kommen zu demselben Ergebnis: dass die Europäischen Welse zu einer ernsthaften Bedrohung für wichtige Wanderfische geworden sind“, sagt Santoul.

Aber es gebe eine Spezies, der der Wels nicht schadet: uns. Trotz ihres Rufs als großmäulige Bestien, die Menschen angreifen und sogar töten, „sind sie harmlos und neugierig gegenüber Menschen, und man kann im Fluss direkt zu ihnen schwimmen“, sagt Santoul.

Eher die Ausnahme unter den großen Fischen

Auch anderswo stören große, invasive Fische die Süßwasser-Ökosysteme: In den 1960ern wurde der Nilbarsch von Sportanglern im Viktoriasee und anderen ostafrikanischen Seen ausgesetzt, was zum Verschwinden von mindestens 200 einheimischen Buntbarscharten führte.

Immer häufiger sind große Süßwasserfische jedoch im Rückgang begriffen, bedroht durch invasive Arten, Lebensraumverlust und Überfischung. Diese Riesenfische sind laut einer Studie aus dem Jahr 2019 seit 1970 weltweit um schwindelerregende 94 Prozent zurückgegangen.

 

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In seiner Fähigkeit, sich anzupassen und auszubreiten, „ist der Wels wirklich eine Ausnahme unter den großen Fischen“, sagt Zeb Hogan, ein National Geographic Explorer und Fischbiologe an der Universität von Nevada in Reno. Er hat das Megafishes Project gegründet und hat viele der am stärksten gefährdeten großen Süßwasserfische in Südostasiens Mekong-Region erforscht.

Insgesamt seien Süßwasser-Ökosysteme weltweit am stärksten bedroht, wobei die Einschleppung nicht-einheimischer Arten als eine der Hauptursachen gilt, sagt Hogan.

Der Wels profitiert vom Klimawandel

Ökologische Verschiebungen, die durch den Klimawandel angetrieben werden, einschließlich wärmerer Temperaturen und veränderter Niederschlagsmuster, könnten noch günstigere Bedingungen für die Ausbreitung des Welses schaffen, glauben Wissenschaftler.

„Der Klimawandel wirkt sich unterschiedlich auf die Arten aus, wobei einige gebietsfremde Arten im Vergleich zu den einheimischen Arten potenziell viel größeren Zuwachs bei ihrem Verbreitungsgebiet haben“, sagt Rob Britton. Der Fischökologe hat sich an der University of Bournemouth in Großbritannien auf invasive Arten spezialisiert.

Es gebe Hinweise darauf, dass Welse, die zum Laichen Wassertemperaturen von mindestens 20 °C benötigen, sich neue Flüsse in Belgien und den Niederlanden erschließen, da sich diese Gewässer erwärmen, sagt Santoul.

Vogel schnappt sich unter Wasser einen Fisch von einem Hai

Auch gebe es Anzeichen dafür, dass der Wels in Frankreich jetzt mehrmals im Jahr ablaicht, da die Flüsse dort länger warm bleiben, sagt er.

Auf der Iberischen Halbinsel – die mehr als 40 Süßwasserfische beheimatet, die sonst nirgendwo zu finden sind – hat der aquatische Eindringling wahrscheinlich bereits eine Art ausgerottet, sagt Emili García-Berthou, eine Wasserökologin an der Universität von Girona in Spanien.

„Wir prognostizieren, dass sich der Wels, der im Hauptarm des Ebro reichlich vorhanden ist, erheblich flussaufwärts ausbreiten wird.“

Kaum Lösungen für das Welsproblem

An Lösungen für das Problem wird kaum gearbeitet, sagen Naturschützer. Es gibt in vielen Ländern ein florierendes Geschäft rund um das Fangen und wieder Freilassen von Welsen, vor allem in Spanien und Italien. Daher scheint es bei den entsprechenden Regierungen und Fischereiunternehmen auch wenig Motivation zu geben, den Eindringling zu bekämpfen. In Osteuropa werden die großen Fische zwar oft gegessen, haben sich in anderen Teilen des Kontinents aber nie wirklich als Meeresfrucht durchgesetzt.

Santoul betont, dass die europäischen Länder enger zusammenarbeiten müssen, um Süßwasser-Ökosysteme zu erhalten und die Bedrohungen für Wanderfische – zum Beispiel Staudämme – anzugehen. Es seien auch keine Bemühungen im Gange, den Wels auszurotten, sagt er.

„Meine Sorge gilt diesen wandernden Arten, die bereits im Rückgang befindlich waren, bevor der Wels hierher kam“, sagt Santoul. „Wenn wir unsere Schutzpläne nicht auf europäischer Ebene koordinieren, könnte es zu spät sein, um sie zu retten.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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