Dänemark statt Spanien: Vögel verfliegen sich auf dem Weg ins Winterquartier

Eigentlich wollten die jungen Waldrappe für den Winter in den Süden fliegen, landeten dann aber versehentlich im kalten Norden. Tierschützer versuchen die Vögel nun zu retten. Wie kam es zur Verwechslung der Route?

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 8. Dez. 2023, 08:44 MEZ
Nahaufnahme eines Waldrapps.

Waldrappe waren in Deutschland jahrhundertelang ausgestorben. Erfolgreiche Wiederansiedlungsprojekte haben dafür gesorgt, dass die kurios aussehenden Vögel hierzulande mittlerweile wieder vorkommen.

Foto von JUAN CARLOS MUNOZ / Adobe Stock

Im Oktober 2023 machte sich eine Gruppe junger Waldrappe, eine gefährdete Ibis-Art, aus Österreich auf den Weg in ihr Winterquartier. Das liegt eigentlich im Süden Europas oder in Nordafrika. Dort kamen die Vögel allerdings nie an. Sie flogen versehentlich in die falsche Richtung – und zogen über Bayern hinweg bis nach Schleswig-Holstein, Dänemark und teilweise sogar bis nach Schweden.

Waldrapp auf Irrwegen

Wie der ORF berichtete, zogen die etwa 18 Jungvögel zunächst gemeinsam in Salzburg los. Dort gibt es ein Wiederansiedlungsprojekt für Waldrappe, in dem hauptsächlich Jungvögel heranwachsen. Eine Gruppe dieser Vögel zog zunächst gemeinsam in die falsche Richtung los, trennte sich dann aber mehrmals. Einer der Vögel bemerkte den Fehlstart gen Norden bereits auf der Höhe des Ortes Pilsen in Prag und kehrte um, kurz darauf taten es ihm weitere Vögel gleich. Die restlichen Waldrappen flogen weiter – einige bis Schleswig-Holstein, andere sogar über Dänemark bis Schweden. Nachvollziehen konnte man ihre Routen anhand der Vögel, die von den Projektleitern besendert wurden. 

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Seit dem Fehlstart halten sich gleich mehrere Waldrappe allein in verschiedenen Regionen Deutschlands und Schwedens auf und sind den niedrigen Temperaturen, denen sie eigentlich entfliehen wollten, schutzlos ausgeliefert. Einer dieser Vögel ist „Cevapcici“, der es nur bis Bayern schaffte und dort von dem kalten Wintereinbruch überrascht wurde. Tierschützer konnten ihn im Kreis Kollnburg einfangen und in Sicherheit bringen. „Sein bizarres Aussehen erregte Aufsehen bei den Anwohnern, wodurch der Naturschutzverband LBV sowie das Landratsamt Regen auf den Waldrapp aufmerksam wurden“, heißt es in einer Pressemitteilung des Landkreises. Der einsame Vogel wurde wieder nach Österreich in die Konrad-Lorenz Forschungsstelle Grünau gebracht.

Ein weiterer Vogel, genannt „Arietta“, konnte ebenfalls aufgefunden und gerettet werden – sie war bis nach Dänemark geflogen. Gepflegt wird sie derzeit in einer Wildtierstation im Kreis Pinneberg. Auch bei Niebüll in Nordfriesland ist noch eine Gruppe der Waldrappe unterwegs, ebenso in Schweden.

Zugtrieb nach Norden

Warum genau die Vögel in die falsche Richtung flogen, ist derweil noch nicht abschließend geklärt. Im Gegensatz zu den meisten Singvögeln ist bei Waldrappen keine genetische Prädisposition vorhanden, die ihnen zeigt, wohin sie im Winter fliegen müssen. „Da Tiere wie Waldrappen in Familienverbänden leben, folgen die Jungtiere ihren Eltern und erlernen so den passenden Zeitpunkt zum Abflug ebenso wie die Flugroute“, sagt die Verhaltensbiologin Vera Brust. Möglich ist in diesem Fall also, dass sich die Jungvögel verflogen, weil sie ohne Alttiere aufbrachen und in den Aufzuchtstationen noch nicht gelernt hatten, den Weg gen Süden selbstständig zu finden. 

„Abgesehen von diesem, sicherlich außergewöhnlichen Fall, findet ein sogenannter Umkehrzug regelmäßig statt und wird sogar meistens bei Singvögeln, also Tieren mit genetisch verankertem Wissen zur tatsächlichen Zugroute, beobachtet“, so Brust. Das sei zum Beispiel bei schlechten Wetterbedingungen vermehrt der Fall oder die Nahrungssuche, wenn Futtermöglichkeiten entgegen der gewöhnlichen Route vorhanden sind. 

Im Fall der verirrten Waldrappen rufen Tierschützer*innen die Bevölkerung dennoch dazu auf, Sichtungen der seltenen Vögel zu melden – damit noch mehr der verirrten Vögel gerettet werden können.

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