Umwelt

Die jungen Ackerdemiker

Gemüseanbau in Kitas und Schulen Donnerstag, 9 November

Von Alexandra Polič
Bilder Von MAZ_Gartenschläger

Nur ein paar Schritte liegen zwischen dem Kindergarten „Am Filmpark“ in Potsdam-Babelsberg und dem hauseigenen 120 Quadratmeter großen Acker. Im Frühjahr ragt ein einziger Salatkopf aus dem feuchten Laub. Wenige Monate zuvor herrschte hier buntes Treiben. „Rote Bete und Mangold haben wir geerntet“, erzählt der kleine Elias. „Und Grünkohl und Möhren“, sagt Marie.

20 Gemüsearten haben die Kinder mit dem Agrarwissenschaftler Christoph Schmitz angepflanzt. Besonders die Kartoffelernte „war eine richtige Schatzsuche“, sagt Schmitz. Dass aus einer Knolle zehn Kartoffeln werden, fanden die Kleinen besonders toll. Nur wenige Kinder erleben heute Natur und Nahrungsanbau so hautnah, stellte der 34-jährige Schmitz im Rahmen einer Studie am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung fest. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, gründete er Ackerdemie. Hier sollen Kinder lernen, welche Lebensmittel gesund sind und wo sie herkommen. Das Konzept wurde von der Unesco im Weltaktionsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet.

“„Die Kartoffelernte war eine richtige Schatzsuche.“”

43 Acker-Schulen und zwölf Acker-Kitas gab es 2016 in Deutschland und Österreich. 2017 soll sich die Zahl verdoppeln. Auch in der Schweiz sind Standorte geplant. Ackerdemia unterstützt die teilnehmenden Einrichtungen das gesamte Jahr über: Während der Saat- und Pflanzzeiten sind Mitarbeiter vor Ort, später helfen Freiwillige.

Zwei Stunden pro Woche verbringen die Kinder auf dem Feld. Und das scheint zu wirken: In einer beteiligten Schule, erzählt Schmitz, wollen Kinder nun Lebensmittelabfälle in der Kantine vermeiden. Ein wichtiger Anfang: In Deutschland landen laut der Umweltschutzorganisation WWF jedes Jahr mehr als 18 Millionen Tonnen Nahrungsmittel im Müll.

„Viele Kinder kennen Gemüse und Obst nur aus dem Supermarkt“, sagt Schmitz. Kaum jemand wisse, wie viel Arbeit im Anbau stecke. Umso besser schmeckt der erste selbst geerntete Salat, wie die Kinder in Babelsberg begeistert erzählen. Ein Teil des Ertrags wird direkt in der Kita-Küche oder zu Hause verarbeitet. „Aber vielen Eltern fehlen Wissen und Muße für das gemeinsame Kochen“, sagt Schmitz.

Überschüssiges Gemüse wird verkauft. So erwirtschaftete die Kita in Babelsberg 2016 um die 400 Euro. Der Gewinn fließt zurück in das Projekt. Schmitz legt Wert darauf, dass sich „jede Einrichtung das Programm leisten kann“. Finanzschwache Kitas und Schulen werden mit Geld- und Sachspenden unterstützt, auch das Bundeslandwirtschaftsministerium beteiligt sich. Maximal die Hälfte der Kosten, die von Ackergröße und Aufwand abhängig sind, werden von den Bildungseinrichtungen getragen. Im Idealfall sinken die Kosten mit jedem Jahr – weil Material vorhanden ist und das Know-how wächst.

Auf die neue Saat im Juni freuen sich in Potsdam jedenfalls alle. Nur einen kleinen Verbesserungswunsch hat Elias, da er weiß, dass Bakterien im Winter für einen optimalen Nährboden seines Lieblingsgemüses gesorgt haben: „Noch mehr Rote Bete“, sagt er, „das wäre toll.“

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