Umwelt

Warum es sich lohnt, auf Chinas Boom im Bereich erneuerbarer Energien zu vertrauen

Es leidet unter grauenhafter Luftverschmutzung. Es fürchtet den Klimawandel. Und es möchte auch für erneuerbare Energien ein „Industriemonster“ sein. Donnerstag, 9 November

Von Beth Gardiner

HAINING, CHINA – Die Silikonquadrate sind kaum dicker als ein Blatt Papier, jedes davon etwa 15 x 15 cm und mit schmalen Silberstreifen. Sie werden zu Tausenden in die Fabrik geliefert, in Pappkartons gestapelt. Innerhalb von Stunden sind sie bereit, das Gebäude wieder zu verlassen.

Die Quadrate sind Solarzellen. In dieser Fabrik zwei Autostunden von Shanghai entfernt betreiben Arbeiter in leuchtend blauen Uniformen und weißen Laborkitteln die Maschinen, die sie Reihe für Reihe zusammensetzen. Heraus kommen die vertrauteren Solarpaneele, fertig zur Installation auf Dächern oder in großen Anlagen, wo sie dann Sonnenlicht in Elektrizität umwandeln.

Chinesische Hersteller haben die Wirtschaft der erneuerbaren Energie auf der ganzen Welt verändert und dafür gesorgt, dass solare Stromerzeugung preislich mit fossilen Brennstoffen wie Gas und sogar Kohle konkurrieren kann. Das hat auch Veränderungen im Land selbst beeinflusst. China ist aktuell der weltweit größte Investor in saubere Energie. Teils sind diese Investitionen von dem Bestreben motiviert, die furchtbare Luftverschmutzung zu verringern, die pro Jahr geschätzte 1,1 Millionen chinesische Bürger tötet.

„Die Installationsraten sind absolut irre“, sagt Lauri Myllyvirta. Sie ist eine Expertin für Energie und Luftverschmutzung für Greenpeace in Peking. Allein im Jahr 2016 hat China seine Kapazität um 35 Gigawatt an solarer Energiegewinnung erweitert. „Das entspricht fast der Gesamtkapazität von Deutschland, und das in nur einem Jahr“, sagt Myllyvirta.

Laut einer Schätzung von Greenpeace baut China jede Stunde ein weiteres Windkraftrad und installiert genug Solarpaneele, um ein Fußballfeld zu bedecken.

JENSEITS DER KOHLE

Nachdem sie jahrelang die Luftverschmutzungskrise ignoriert hatten, die aus Jahrzehnten überstürzter Industrialisierung entstanden ist, haben die Führer Chinas nun endlich damit begonnen, das Problem zu lösen. Und da Kohle die Quelle von etwa 40 Prozent der gefährlichsten Schmutzpartikel in der Luft des Landes ist, ist die Suche nach Alternativen zu einer wesentlichen Priorität geworden. China möchte bis 2030 20 Prozent seines Stroms aus erneuerbarer Energie beziehen. Kürzlich verkündete es, dass es allein in den nächsten drei Jahren 360 Milliarden Dollar in diese Bemühungen investieren würde.

Im Delta des Jangtsekiang – eine Region, die für ihre wirtschaftliche Dynamik bekannt ist – ist Jinko Solar eine der Firmen, die aus dem Boden schoss, um den Bedarf zu decken. Sie exportiert ihre Solaranlagen auch in die USA, nach Europa, Lateinamerika, den Mittleren Osten und anderswo hin. Im letzten Jahr produzierte sie Paneele mit einer Stromgewinnungskapazität, die der von circa zehn typischen Kohlekraftwerken entspricht.

Hier in Haining ist der Boden der Fabrik hell und sauber. Das einzige laute Geräusch ist das Surren des roten Roboterarms, der die Paneele von einer Station zur nächsten bewegt. Arbeiter – manche mit weißen Masken, die ihr Gesicht und ihren Kopf bedecken, andere mit einer Art farbiger Baseballmütze – testen und justieren, während Schicht um Schicht hinzugefügt wird und die Teile in einsatzbereiten Modulen versiegelt werden. Aus einer kleinen, schwarzen Box auf ihrer Rückseite hängen diverse Kabel.

Luftverschmutzung ist nicht der einzige Grund, aus dem China erneuerbare Energien so ernsthaft verfolgt. Aber er ist ein mächtiger. Sie war auch ein wichtiger Faktor, der den Präsidenten Xi Jinping in die Lage versetzte, 2014 ein wegweisendes Abkommen mit Präsident Obama abzuschließen. Dieses besagte, dass Chinas Kohlendioxidausstoß 2030 sein Maximum erreichen würde. Dieses Versprechen wurde zum Kernstück seiner Zusagen unter dem Pariser Klimaabkommen.

Nun scheint China seinem Zeitplan voraus. Die offiziellen Zahlen können mitunter unzuverlässig sein, aber sie zeigen, dass der Kohleverbrauch (die Hauptquelle für Chinas Kohlendioxidemissionen) 2016 zum dritten Jahr infolge sank. Und weil China entschieden hat, dass es in seinem eigenen Interesse ist, die Kohlenutzung zu reduzieren, wird es diesem Trend wohl auch weiter folgen, selbst, wenn die USA unter Präsident Trump Obamas Klimapolitik abschaffen.

Da etwa die Hälfte des weltweiten Kohleverbrauchs auf China entfällt, sind das nicht nur gute Neuigkeiten für alle, die dort die Luft einatmen müssen, sondern auch für die weltweiten Bemühungen, die globale Erwärmung zu bekämpfen.

„Ich denke, man kann durchaus sagen, dass das ohne die Motivation durch die Luftverschmutzung nicht so schnell und mit so wenig Widerstand passiert wäre“, sagt Myllyvirta. „Darüber kann man wirklich schlecht streiten, wenn man in Peking sitzt“, und dort die giftige Luft atmen muss.

KNICK IM STROMNETZ

Die Markteinführung der erneuerbaren Energien lief allerdings nicht ohne Probleme ab. Riesige Felder mit Windrädern wurden im dünn besiedelten Nordwesten Chinas errichtet, weit weg von den großen Städten, in denen der Strom am dringendsten benötigt wird. Der Bau der Überlandleitungen, die den ganzen Strom transportieren sollen, kam damit nicht hinterher.

„Sie bauen diese riesigen Windkraftanlagen, und die sind nicht ans Stromnetz angeschlossen“, sagt Antung Liu von der Indiana Universität Bloomington. „Sie haben diese Einstellung und denken: ‚Wir bauen das und können das hoffentlich später nutzen.‘“

Noch dazu ziehen Netzbetreiber mitunter Energie aus Kohle vor. Daher blieb Strom aus erneuerbaren Energiequellen teils ungenutzt, selbst wenn eine physische Anbindung ans Netz vorhanden war. Greenpeace schätzt, dass in den ersten drei Vierteln des letzten Jahres 19 Prozent der erzeugten Windkraft so verschwendet wurde.

Die Führungspersonen berücksichtigen diese Probleme nun. Sie installieren neue Stromleitungen und bauen kleinere Wind- und Solarparks in bevölkerten Gebieten.

Nicht weit von Jinkos Fabrik betreibt ein anderes Unternehmen einen solchen Park. In den Reihen der langen, flachen Bauten werden gerade die Pilze für die neue Ernte angebaut. Sie benötigen kein Sonnenlicht, daher wurden die Gewächshausdächer durch Solarpaneele ersetzt. Fast 19.000 von ihnen erzeugen Strom, der in das Netz eingespeist wird.

Zuerst drehten sich Chinas Bemühungen nur darum, „die Gigawattzahl zu erhöhen“, sagt Jukka-Pekka Mäkinen. Er ist der Firmenchef eines in Finnland ansässigen Unternehmens, das für China Bauteile zur Windenergiegewinnung fertigt. „Jetzt hält es die Gigawattzahl, aber geht dabei viel klüger vor und konzentriert sich auf die Regionen, in denen der Verbrauch stattfindet.“

Trotz solcher Bemühungen baut China auch weiter Kohlekraftwerke. Das liegt teils an einer Anreizstruktur, die Beamte in Provinzen dazu ermutigt, unnötige Bauvorhaben durchzuwinken, selbst, wenn die Zentralregierung saubere Alternativen zu etablieren versucht. Einige Funktionäre haben jedoch auch damit begonnen, ein paar der Pläne zu stoppen, die schon in den Startlöchern standen. Sie sind sich der Tatsache bewusst, dass China mehr Strom durch Kohle erzeugt, als es benötigt.

EIN INDUSTRIEMONSTER

Nicht nur die Verschmutzung befeuert den entschlossen verfolgten Schwerpunkt auf erneuerbare Energien. Die Anführer haben deutlich gemacht, dass sie saubere Energie auch als bedeutenden Antrieb für den Arbeitsmarkt sehen.

„Sie bereiten sich auch darauf vor, die Produktion zu dominieren“, sagt Liu. „China sieht saubere Energie als eine Möglichkeit an, in dem Bereich ein Industriemonster zu werden, genau wie bei Kleidung und Spielzeugen.“

Was auch immer die Motivation ist – die Folgen von Chinas Aufbau im Bereich der erneuerbaren Energien sind bereits klar. Reichere Nationen, die China einst als Ausrede für ihre eigene Untätigkeit benutzt haben, sehen nun zu, wie es an ihnen vorbeizieht, um zum globalen Führer in Sachen Klima zu werden.

„Jeder hat gesagt: ‚China hat das Kyoto-Protokoll nicht unterzeichnet‘“, erinnert sich Mäkinen in Bezug auf das Klimaabkommen von 1997. „Na und? Es hat mehr getan als alle anderen zusammen.“

Das Pulitzer Center für Krisenreportagen hat die Reise für diesen Artikel finanziert.

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