Umwelt

Weltweiter Kohleverbrauch sinkt, aber in Afrika fängt er gerade erst an

Neue Kohlekraftwerke in Afrika werden größtenteils von China und von Industrieländern finanziert, die sich zu Hause von der Technologie abwenden. Donnerstag, 9 November

Von Jonathan W. Rosen

LAMU, KENIA – Nur wenige Orte auf der Welt strahlen solch ein Gefühl der Zeitlosigkeit aus wie Lamu. Die Insel vor der Nordküste Kenias beheimatet die älteste und am besten erhaltene Swahili-Siedlung in Ostafrika. Lamus Altstadt gehört zum UNESCO-Welterbe und war jahrhundertelang das Epizentrum für den Handel im Indischen Ozean. Das Labyrinth aus schmalen, verwinkelten Straßen führt durch Viertel mit Häusern aus Kalkstein und Korallen, vorbei an kunstvoll geschnitzten Mahagonitüren und Dutzenden von Moscheen und Kirchen. Nur eine Handvoll motorisierter Fahrzeuge sind auf der Insel erlaubt: Als Transportmittel dienen fast ausschließlich Esel oder Männer, die hölzerne Karren durch die tropische Hitze schieben.

Trotzdem sehen sich die 24.000 Einwohner Lamus etwas gegenüber, das viele hier als Existenzkrise bezeichnen. Etwa 24 km nördlich der Stadt, in einer dünn besiedelten Küstenregion des Festlands, die früher zum Anbau von Mais, Cashewnüssen und Sesam genutzt wurde, bereitet sich ein kenianisches Unternehmen auf die Errichtung eines 2 Milliarden Dollar teuren Kohlekraftwerks vor. Es wird das erste seiner Art in Ostafrika.

Es wird mit chinesischen, südafrikanischen und kenianischen Mitteln finanziert und vom staatlichen chinesischen Unternehmen Power Construction Corporation of China gebaut. Das Kraftwerk soll die Kapazität von Kenias nationalem Stromnetz um 1.050 Megawatt erweitern und einen anliegenden Tiefseehafen mit 32 Ankerplätzen mit Strom versorgen. Beide sind Teil eines ambitionierten Regierungsprojekts, das Kenia bis 2030 zu einem Schwellenland mit mittlerem Einkommen machen will.

Das Projekt ist kontrovers, teils aufgrund der Risiken, die es für Lamus empfindliche Meeresumwelt birgt. Viele glaube, dass es die zwei wichtigsten Industrien der Insel gefährden wird: Fischerei und Tourismus. Gleichzeitig ist das Projekt auch ein Sinnbild für Afrikas wachsenden Hunger auf Kohle. Die schmutzigste Form der Energiegewinnung hat bisher lediglich im industrialisiertesten Land des Kontinents, Südafrika, in bedeutendem Ausmaß existiert.

Laut Daten, die von der Industriebeobachtungsorganisation CoalSwarm gesammelt wurden, befinden sich mehr als 100 Kohlekraftwerke mit einer Gesamtkapazität von 42,5 Gigawatt in elf afrikanischen Ländern (ohne Südafrika) in verschiedenen Planungs- und Entwicklungsstadien. Das entspricht mehr als dem Achtfachen der aktuellen Kohlekapazität der Region. Fast alle davon werden durch ausländische Investitionen gefördert, und etwa die Hälfte von ihnen wird durch den größten Kohleförderer der Welt finanziert: China.

Diese Entwicklung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem China und Indien – auf die in den letzten zehn Jahren zusammen 86 Prozent der Kohleentwicklung entfiel –  ihre eigenen Kohleprojekte auf Eis legen. Grund dafür sind der aktuelle Kapazitätsüberhang, die sinkenden Kosten erneuerbarer Energien und die extreme Verschmutzung, die allein in China Schätzungen zufolge mehr als eine Million Menschen pro Jahr tötet. Viele der Industrieländer auf der ganzen Welt sind ebenfalls dabei, die Energiegewinnung durch Kohle langsam auslaufen zu lassen.

„So viele Länder sondern Kohle nun wegen der Emissionen aus – wegen der Zerstörung der Umwelt“, sagt Walid Ahmed, ein Mitglied von Save Lamu. Die lokale Vereinigung versucht, den Bau des Amu-Power-Projekts zu stoppen. „Wir sehen also nicht ein, warum sie die [Kohle] nun herbringen sollten.“

DER ANTRIEB FÜR DIE ENTWICKLUNG

Dass Afrika diesen Energieträger nun bereitwillig willkommen heißt, liegt auch am akuten Mangel an Energie. Obwohl sich die Wirtschaft des Kontinents seit 2000 in ihrer Größe verdoppelt hat, leben zwei Drittel der Bevölkerung südlich der Sahara noch immer ohne Strom. Den meisten Ländern fehlt es an Kapazität im Stromnetz, um jene Industrien zu fördern, die Arbeitsplätze schaffen.

Die Internationale Energieagentur prognostiziert, dass der Energiebedarf der Region sich bis 2040 verdreifacht haben wird, wobei etwa die Hälfte der neuen Kapazität aus erneuerbaren Energien kommen wird. Trotzdem bleiben Kohlekraftwerke, die heutzutage 41 Prozent der weltweiten Energie erzeugen, weiterhin attraktiv. Das liegt auch daran, dass Kohle relativ günstig ist und der Betrieb der Kraftwerke nicht von den Launen der Natur abhängt, wie es bei Solar-, Wind- und Wasserenergie der Fall ist.

In Kenia zum Beispiel kommt ein Drittel der gesamten Kapazität aus Wasserenergie, also 800 Megawatt. Dieser Teil wird durch wiederkehrende Dürren zunehmend unzuverlässig und ist zum aktuellen Zeitpunkt praktisch nicht nutzbar, so Richard Muiru, ein Berater für Kenias Ministerium für Energie und Erdöl. Obwohl das Land über umfangreiche Ressourcen im Bereich der Windenergie und Erdwärme verfügt, mit deren Nutzung bereits begonnen wurde, werden diese Projekte nicht schnell genug eingespeist, um mit Kenias prognostiziertem Bedarf mitzuhalten, sagt Muiru.

„Die Kohle wird uns eine Verschnaufpause verschaffen“, meint er. „Wir können das als Impfung betrachten, während wir unsere erneuerbaren Energien ausbauen.“

Für jene, die Afrikas Kohlenutzung finanzieren, bietet der Kontinent auch die Möglichkeit des Ausgleichs für rückläufige Investitionsmöglichkeiten anderswo. Das gilt besonders für China, das 2016 300 Gigawatt an landeseigenen Kohleprojekten aufgrund des Kapazitätsüberhangs auf Eis legte. Die staatlichen Unternehmen Chinas haben eine Hauptrolle im Ausbau der afrikanischen Infrastruktur für erneuerbare Energien und fossile Brennstoffe gespielt, seit die Kommunistische Partei in den frühen 2000ern ihre ausländisch orientierte Strategie vorgestellt hat. Dabei wurden die Unternehmen nicht zuletzt durch günstige Kredite landeseigener Finanzinstitutionen verleitet.

Der chinesische Präsident Xi Jinping hatte im September 2015 verkündet, dass das Land seine öffentlichen Investitionen in kohleintensive Projekte im Ausland begrenzen würde. Trotzdem, so sagen Analysten, drängen chinesische Kreditgeber den afrikanischen Regierungen zunehmend billige Kohle auf, um chinesische Auftragnehmer und Ausrüstungshersteller zu unterstützen, die von der heimischen Konjukturflaute betroffen sind.

„China hat so schnell so viele neue Kohlekraftwerke gebaut, dass viele staatliche Unternehmen in ihrem eigenen Land nun einem Bedarfsmangel gegenüberstehen“, sagt Christine Shearer, eine leitende Wissenschaftlerin bei CoalSwarm. „Wir sehen, dass afrikanischen Regierungen Kohle angeboten wird, auch wenn das nicht zwingend die Energiequelle ist, die sie haben wollen.“

RAUCHSCHWADEN IM PARADIES

Chinas Vordringen in den afrikanischen Kohlemarkt kommt ironischerweise zu einem Zeitpunkt, da dessen Aufschieben der heimischen Kohleprojekte einen neuen Optimismus bei der Bekämpfung des Klimawandels hervorgerufen hat.

Laut einem Bericht, der im März von CoalSwarm, dem Sierra Club und Greenpeace veröffentlicht wurde, half Chinas Kürzung dabei, 2016 die weltweite Entwicklung von Kohlekraftwerken um 50 Prozent zu reduzieren. Diese Entwicklung, so argumentiert der Bericht, hat endlich das internationale Ziel, die globale Erwärmung auf 2 °C über vorindustriellem Level zu beschränken, in „realistische Reichweite“ gebracht.

Afrika, wo die steigenden Temperaturen bereits zu wachsender Nahrungsunsicherheit beigetragen haben, könnte seine Rolle als Klimaverderber noch verhindern. Die Kohleentwicklung außerhalb von Südafrika macht nur fünf Prozent des globalen Gesamtwerts aus. Mehr als die Hälfte davon stammt von Projekten, die sich in der vorläufigen Ankündigungsphase befinden. Das bedeutet, dass sie einfach gestoppt werden könnten, wenn sich die Prioritäten der Regierungen verschieben oder Finanzierungsprobleme auftreten.

Trotzdem warnen Kritiker auch davor, dass die wachsende Nutzung von Kohle andere schädliche Konsequenzen für den Kontinent haben könnte. Darunter fallen auch die Auswirkungen auf die Umwelt, die durch den Abbau von Kohlereserven entstehen, die bisher noch nicht angerührt wurden. Das schließt auch Kohlevorkommen im Mui-Becken in Kenia ein, aus denen das Lamu-Kraftwerk gespeist wird, sobald die geplante Eisenbahnverbindung gebaut wurde. (Bis dahin wird das Kraftwerk mit Kohle betrieben, die von Südafrika zum neuen Hafen geschifft wird.)

Bestimmte Kohleprojekte könnten zudem starke Auswirkungen auf die Gemeinden in ihrer Mitte haben – besonders auf solche wie Lamar, die empfindliche Ökosysteme beheimaten. Die Bewohner fürchten in dem speziellen Fall, dass Warmwasserabfluss aus dem Kühlsystem des Kraftwerks sowie Versickerungen aus seiner freiliegenden Aschengrube die lokalen Fischer ruinieren werden. Diese unterhalten geschätzte 75 Prozent der Haushalte in Lamu. Die Sorge ist, dass durch diese Umwelteinflüsse die Fische aus den flachen Gewässern vertrieben werden, die mit traditionellen Wurfnetzmethoden befischt werden können. Die Verunreinigung der angrenzenden Bucht würde ebenfalls das schutzlose Meeresleben beeinträchtigen, darunter auch Korallenriffe, Mangroven-Wasserläufe, drei Arten von Meeresschildkröten, die in der Nähe von Lamu ihre Gelege vergraben, sowie den Dugong, eine Gabelschwanzseekuh, die in Ufernähe das Seegras frisst.

Eine Umweltverträglichkeitsprüfung warnt auch vor Gefahren für die Atemwege durch den Ausstoß von Feinstaub. Die lokalen Bewohner sagen, dass dieser während der jährlichen Kaskazi-Monsunwinde von Dezember bis April über die Stadt geweht würde.

Die Gegner des Kraftwerks könnten allerdings noch eine Chance haben, den Bau zu stoppen: Im November reichte Save Lamu, eine lokale Vereinigung, eine Beschwerdeschrift bei Kenias Nationalem Umwelttribunal ein. Diese focht die Vergabe der Lizenz für die Umweltverträglichkeitsprüfung an.

Viele Bewohner Lamus sagen allerdings, dass die Aussicht darauf, ein Projekt von so hoher Priorität zu stoppen, sehr gering ist.

„Es ist sehr schwer, gegen die Regierung zu gewinnen“, sagt Mia Miji, ein lokaler Geschäftsmann, während er Lamus Hafen überblickt. Er wimmelt von Kindern, die im Wasser schwimmen, und Dauen, die in der Brandung auf und ab wippen. „Wir haben nichts gegen Fortschritt. Wir wünschen uns nur, dass sie uns die Energie auf sicherere Art liefern würden.“

Jonathan W. Rosen ist ein Journalist, der aus dem Subsahara-Afrika berichtet.

Wei­ter­le­sen