Licht aus, Sternenhimmel an! So wirkt Lichtverschmutzung auf Organismen

Weltweit nimmt die Lichtverschmutzung zu. Der Verein „Paten der Nacht“ klärt auf, welchen Schaden wir durch unnötige Beleuchtung bei Tieren, Pflanzen und Menschen anrichten.

Monday, April 6, 2020,
Von Benjamin Köbler-Linsner
Lichtverschmutzung Sternenpark

Ich sehe was, das du nicht mehr siehst: Sternenparks bieten die Möglichkeit, trotz Lichtverschmutzung einen Blick auf die Milchstraße zu werfen.

Bild Julien Zanoni/ stock.adobe.com

Nicht viele Unternehmer siedeln sich auf dem Land an. Doch Manuel Philipp hat diesen Standort bewusst gewählt, denn seine Arbeit erfordert Dunkelheit. Philipp organisiert Sternführungen und ist Initiator der Organisation „Paten der Nacht“, deren Mitglieder sich für einen bewussten Umgang mit Beleuchtung einsetzen.

Unnötig: Leuchtmittel zur Dekoration

2018 hat Manuel Philipp mit der Winklmoosalm bei Reit im Winkl den ersten Sternenpark der Alpenregion initiiert, ausgezeichnet von der International Dark-Sky Association. Warum ihm die Dunkelheit so wichtig ist, veranschaulicht der Physiker auf dem Balkon seines Arbeitszimmers. Von der Anhöhe schweift sein Blick vom Irschenberg über Rosenheim bis zu den südlichen Ausläufern Münchens. „Diese Lichtglocken, die wir hier sehen, das alles ist Lichtverschmutzung“, sagt Philipp, während er auf beleuchtete Fabrikhallen und Straßen zeigt. Das Problem: Viele Leuchtmittel strahlen ungehindert in den Himmel, viel zu häufig nur zur Dekoration. Über besiedelten Gebieten bildet sich eine Kuppel aus Licht. „Mit Orientierungshilfe und Unfallverhütung hat das nichts zu tun.“

Lichtverschmutzung sorgt für Schlafstörung und Artensterben

Das globale Ausmaß der übermäßigen Beleuchtung zeigen Satellitenaufnahmen. Noch 1992 sah man nur einzelne Lichtflecken im Bereich von Metropolregionen. 2010, keine 20 Jahre später, waren aus Flecken länderumfassende weiße Teppiche geworden. Weltweit nimmt die Lichtverschmutzung um zwei bis drei Prozent pro Jahr zu, in Europa sind es sogar zwischen fünf und sechs Prozent. Darunter leiden nicht nur Tiere, sondern auch wir Menschen. Alle Organismen richten sich nach dem Licht, die Zellreparatur ist auf den Hell-Dunkel- Rhythmus ausgerichtet. Schlafstörungen lassen sich häufig auf zu helle Nächte zurückführen. Hochrechnungen zufolge sollen allein in Deutschland jedes Jahr eine Milliarde Insekten durch nächtliche Beleuchtung verloren gehen. Die Tiere kreisen so lange um Lampen, bis sie vor Erschöpfung sterben, oder sie fallen Fressfeinden zum Opfer, die an den beleuchteten Plätzen auf Beute warten. Auch Kraniche und Fledermäuse werden durch Kunstlicht  irritiert. Und die Pflanzenvielfalt leidet, wenn nachtaktive Insekten weniger bestäuben.

Manuel Philipp mag es schummrig und plädiert für einen bewussteren Umgang mit künstlichem Licht: "Licht, das nur der Deko dient, sollte tabu sein oder spätestens um 22 Uhr abgeschaltet werden".

Bild Roderick Aichinger

Aufklärung statt Anprangern

„Die ehrenamtlichen Mitglieder der ,Paten der Nacht‘ machen das Gleiche wie ich“, sagt Manuel Philipp. „Sie halten Vorträge und klären darüber auf, welchen Schaden wir durch unnötige Beleuchtung anrichten.“ Dabei gehe es den Paten nicht um die Etablierung einer Verbotsmentalität. „Wir wollen zeigen, wie es besser geht“, betont der Initiator. So sollen Leuchten im Außenbereich ausschließlich nach unten abstrahlen und auch die Art der Leuchtmittel ist entscheidend: LEDs mit einer Lichttemperatur bis 3000 Kelvin haben die geringste Anlockwirkung auf Insekten. „In der Gesetzgebung spielt das Thema Lichtverschmutzung kaum eine Rolle“, sagt Philipp. Als erstes Bundesland hat Bayern im August 2019 gesetzliche Regeln erlassen, diese gelten aber nur für öffentliche Gebäude. „Aus meiner Sicht müssen Regeln für den Privatsektor kommen, denn freiwillig wird der Großteil der Händler seine Schaufensterbeleuchtung nachts nicht abschalten.“ Dass es solche Gewerbetreibende durchaus gibt, zeigt das Patenverzeichnis auf der Internetseite der Organisation. Statt Lichtverschmutzer anzuprangern, weisen die Paten der Nacht auf Firmen, Vereine und Gemeinden hin, die Beleuchtung zielgerichtet einsetzen. Viele Partner legen in ihren  Geschäftsräumen auch Flyer aus, mit denen sie Kunden und Besucher auf das Thema Lichtverschmutzung hinweisen. Philipp sagt: „Nur was ich kenne, beschütze ich.“

 

Der Artikel wurde ursprünglich in der März 2020-Ausgabe des deutschen National Geographic Magazins veröffentlicht. Jetzt ein Abo abschließen!

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