Häuser aus Pilzen

Sieht so die Stadt der Zukunft aus? Aus dem rasant wachsenden Wurzelwerk von Pilzen lassen sich komplette Gebäude herstellen – und vieles mehr.

Veröffentlicht am 28. Apr. 2021, 16:06 MESZ
MycoTree

Skulptur aus Pilz und Bambus: Der „MycoTree“ wurde 2017 bei der Seoul Biennale of Architecture and Urbanism präsentiert.

Bild Carlina Teteris

Pilz in der Wand? Für viele Wohnungsbesitzer ein Horrorszenario. Pilz als Baustoff? Für Professor Dirk E. Hebel ein faszinierendes Material, das den Bau revolutionieren könnte. Den Schimmelpilz hat Hebel dabei allerdings nicht im Sinn. Sein Interesse gilt den sogenannten weiß verfaulenden Pilzen, die unter anderem an toten Baumstümpfen sprießen und sich leicht züchten lassen. Aus ihrem Wurzelwerk, dem Mycel, können Bausteine entstehen, aus denen sich komplette Gebäude herstellen lassen. Was nach einer märchenhaften Utopie klingt, könnte schon in einigen Jahrzehnten das Bild unserer Städte prägen.

„Wir verstehen den Pilz als biologischen Kleber“, erklärt Hebel, der die Professur für Nachhaltiges Bauen am Karlsruher Institut für Technologie leitet. Um Bausteine aus Mycel herzustellen, mischen die Forscher das Pilzgewebe mit Holzspänen oder anderen pflanzlichen Abfällen wie etwa Getreideschalen. Zum Einsatz kommt dabei der unter anderem auch in Deutschland heimische Glänzende Lackporling (Ganoderma lucidum). Sein Mycel ernährt sich von den darin enthaltenen Zuckerstoffen. In wenigen Tagen wächst so eine dichte, schwammähnliche Substanz aus miteinander verflochtenen Zellfäden.

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Diese Masse lässt sich in fast jede Form füllen, wo sie sich über einige Tage weiter zu einer festen Struktur verdichtet. Abschließend wird sie getrocknet, um das Wachstum zu stoppen und den Pilz abzutöten. „Was übrigbleibt, ist eine Struktur ähnlich einem Knochen“, sagt Hebel. „Mit einer solchen Struktur können wir Bausteine herstellen und sogar Wände wachsen lassen.“ Ganze Häuser könnten daraus entstehen, hofft der Karlsruher Architekt.

Pilz statt Beton?

Einen Vorgeschmack gab es 2017 in Korea. Bei der Seoul Biennale of Architecture and Urbanism etwa präsentierten die Forscher ihren „MycoTree“ – eine selbstragende, zimmerdeckenhohe Skulptur aus Mycel und Bambus. Die vergleichsweise geringe Druck- und Zugbelastbarkeit der damals verwendeten Pilz-Bausteine musste noch durch spezielle Ausformungen ausgeglichen werden.

Das ist heute anders. Inzwischen sei man nicht mehr so strikt an geometrische Vorgaben gebunden. „Wir verstehen das Wachstum der Pilze inzwischen viel besser“, so Hebel. Auch bei den Zuschlagstoffen, also den zugesetzten Materialien, die für die notwendige Stabilität der Bausteine sorgen, sei man einen großen Schritt weiter. Hierbei verwendet Hebels Team unter anderem robuste Pflanzenfasern aus Hanf oder Flachs.

Um Bausteine aus Mycel herzustellen, mischen Forscher das Pilzgewebe mit pflanzlichen Abfällen.

Bild Carlina Teteris

Zum Vergleich: Beton besteht aus drei Grundkomponenten: Wasser, Zuschlagsstoffen wie Sand oder Kies sowie Zement als Kleber. Das Dilemma: Beton gilt als Klimakiller. Seine Herstellung ist enorm CO2-intensiv. Außerdem wird Bausand knapp. Um an ihn zu gelangen, werden ganze Strände und Küstenregionen abgetragen – oft illegal und mit verheerenden Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt.

Hausentsorgung auf dem Kompost

Ökologische Baustoffe aus Mycel könnten konventionelle Materialien wie Stahl und Beton auf lange Sicht zumindest teilweise ersetzen. Pilze lassen sich vergleichsweise einfach kultivieren, ohne landwirtschaftliche Nutzflächen zu beanspruchen – beispielsweise in ehemaligen Lagerhallen. Als weiteren Vorteil sieht Hebel, dass man sie jederzeit „wieder in den biologischen Kreislauf einspeisen kann“. Wird ein Pilzhaus abgerissen, landet es auf dem Kompost.

Sieht so die Stadt der Zukunft aus? Hebel ist überzeugt: „Wir müssen die Stadt als Materiallager verstehen. Wir müssen so planen und bauen, dass wir die Ressourcen auch wieder sortenrein entnehmen und wiederverwerten können – im Idealfall unendlich.“

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Handtaschen aus Pilz

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Den Anfang könnten Plattenwerkstoffe auf Pilzbasis machen. Hebel sieht sie als umweltfreundliche Alternative zu gängigen Holzwerkstoffen wie OSB, MDF oder Spanplatten, die mit Kunstharz verklebt werden und häufig chemisch belastet sind. Bei der Schall-, Kälte- und Wärmedämmung kann Pilz dem ökologisch bedenklichen Polystyrol (Styropor) und anderen Kunstschäumen Konkurrenz machen. Hebel rechnet damit, dass sich solche biologisch abbaubaren Platten künftig in der Bau- und Möbelindustrie durchsetzen werden.

Auch in anderen Branchen sprießen Produktideen aus Mycel wie Pilze aus dem Boden. Das amerikanische Unternehmen MyCoworks beispielsweise produziert einen lederähnlichen Stoff, der echte Tierhäute in der Industrie ersetzen soll. Ob Haus, Handtasche oder Autositz: „Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt“, unterstreicht Hebel.

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