Umwelt

Wie Sand am Meer? Wenn ein scheinbar unendlicher Rohstoff versiegt

Der Sand wird knapp. Vor allem die hohe Nachfrage aus der Bauindustrie bedroht weltweit zahlreiche Ökosysteme. Mittwoch, 21. November 2018

Von Jens Voss
Sandvorspülung vor der Gold Coast in Australien: Ein Schiff pumpt neuen Sand an den Strand, um den Landverlust durch Brandung und Stürme auszugleichen.

Sand ist nicht nur unentbehrlich, er ist nach dem Wasser auch der vom Volumen her wichtigste Rohstoff überhaupt. Das UN-Umweltprogramm UNEP.schätzt den weltweiten Sandabbau derzeit auf rund 50 Milliarden Tonnen jährlich – mit deutlichen Zuwachsraten. Weltweit gehen mehr als drei Viertel davon in die Bauindustrie. Zum Beispiel für Mörtel, Beton und Steine. In Deutschland liegt der Verbrauch bei insgesamt 100 Millionen Tonnen. Auch hier zieht im Rahmen des Baubooms die Nachfrage stetig an.

Erste Versorgungsengpässe in Deutschland

Deutschland ist zwar grundsätzlich reich an Sand, stellt eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) fest. Nur in ganz wenigen Regionen wie in den Großräumen München oder Stuttgart bestehe eine geologische Knappheit. Dennoch drohten auf dem heimischen Markt aktuell erhebliche Versorgungsengpässe. „Die geologische Verfügbarkeit von Sand hat nur zu einem geringen Teil mit der tatsächlichen Situation zu tun“, erklärt der Geologe Dr. Harald Elsner, Autor der BGR-Studie.

Ein Großteil der Vorkommen sei durch konkurrierende Nutzungen wie nationale und europäische Wasser-, Natur- und Landschaftsschutzgebiete sowie überbaute Flächen nicht abbaubar. Ein weiteres Hindernis resultiere aus der aktuellen Entwicklung auf dem Grundstücksmarkt, so die Studie. Immer mehr Landwirte stellten ihre Flächen nicht für einen Rohstoffabbau zur Verfügung. In Zeiten niedriger Zinsen und gleichzeitig steigender Preise für Ackerland lohne es sich nicht, Flächen zu verkaufen oder zu verpachten.

„So mussten bereits in einigen Gebieten Deutschlands Kies- und Sandwerke aufgrund fehlender Erweiterungsflächen geschlossen werden“, betont Elsner. Zusätzlich erschwert werde die Versorgungssituation durch langwierige Genehmigungsverfahren für neue Gewinnungsvorhaben sowie nicht ausreichende Verarbeitungskapazitäten. der Baustoffindustrie.

Dramatische Knappheit in weiten Teilen der Welt

Singapur wächst unaufhörlich: Der Bauboom erfordert Unmengen an Sand zur Betonherstellung.

Noch weitaus dramatischer sieht es in anderen Ländern aus. „Singapur beispielsweise hat den weltweit größten Pro-Kopf-Bedarf an Sand“, betont Klaus Schwarzer, Geologe an der Universität Kiel. Das Land besitze selbst keinen Bausand. Deshalb lasse es den Rohstoff aus den Nachbarländern importieren. Gleiches gelte für viele andere Länder. Um an Bausand zu gelangen, würden ganze Strände und Küstenregionen abgetragen – oft illegal und mit verheerenden Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt.

Erosion in Ponta Negra, Brasilien: Wenn Strände für die Bauindustrie leergebaggert werden, drohen dramatische Konsequenzen für Menschen und Umwelt.

Meeresböden wie Mondlandschaften

„Die höchste biologische Produktion im Meer findet in den flachen, lichtdurchfluteten Küstenbereichen statt“, sagt Schwarzer. Genau aus diesen Bereichen aber werde der Sand mithilfe riesiger Bagger und Sauganlagen entnommen. „Zurück bleiben Meeresböden wie Mondlandschaften, die Jahrzehnte brauchen, um sich zu regenerieren. Wir wissen noch gar nicht, welche langfristigen ökologischen Auswirkungen all das hat.“ In vielen Regionen indes seien die Folgen längst sichtbar. In Indonesien etwa seien bereits rund zwei Dutzend Inseln versunken. „Und im thailändischen Pattaya kann man von der Strandmauer ins Wasser springen.“

Pattaya an der östlichen Golfküste Thailands: Bei Hochwasser ist dieser Strandabschnitt inzwischen komplett verschwunden.

Fatal sei auch der Sandabbau an Seen und Flüssen, so Schwarzer weiter. Die Strömungs- und Grundwasserverhältnisse änderten sich und damit zugleich auch der natürliche Sedimenttransport ins Meer. Es drohten Erosion, Dürre und die Versalzung einst fruchtbarer Flussmündungen. Als Beispiel nennt Schwarzer das Mekong-Delta: „Da strömt das Salzwasser in der Trockenzeit bis zu 90 Kilometer in die Flussarme hinein.“

Wüstensand eine Alternative?

Sahara, Ägypten: Sand, so weit das Auge reicht.

Und wie steht es mit dem Wüstensand? Schwarzer macht klar, dass etwa die riesigen Vorkommen in der Sahara wegen der glatten Oberflächenstruktur der Körner als Baurohstoff bisher nicht infrage kommen. „Andere Stoffe wie etwa Zement und Zuschlagstoffe haften nicht daran“, so der Kieler Geologe. „Man müsste den Wüstensand an der Oberfläche anschmelzen und ihn präparieren, was sehr energieintensiv wäre.“

Doch möglicherweise deutet sich eine andere Lösung an. Ein Münchner Start-up hat ein Verfahren entwickelt, um Beton aus Wüstensand herzustellen. „Unser Bestreben ist es, das Produkt Beton in höchstem Maße zu optimieren und bezüglich Ressourcenschonung zukunftsfähig zu machen“, sagt Multicon-Geschäftsführer Leopold Halser. Das Prinzip: Der feine Wüstensand soll zu einer Art Gesteinsmehl zermahlen und anschließend mit mineralischen Bindemitteln zu Pellets verarbeitet werden. Mit diesen Granulaten werde dann unter Beimischung von Wasser und Zement in Hochgeschwindigkeitsmischern Beton hergestellt. Auch andere Feinsande, beispielsweise aus dem norddeutschen Raum, ließen sich so zur Beton-Herstellung verwenden, erklärt Halser.

Noch steckt das Projekt in den Kinderschuhen. Für Schwarzer stellt sich grundsätzlich die Frage nach der ökologischen Sinnhaftigkeit des Abbaus von Wüstensand. Denn dadurch würde ein weiteres Ökosystem beeinträchtigt. Eine bessere Lösung wäre es, sorgsamer mit Sand umzugehen, ihn sinnvoller zu verbrauchen und ihn zu recyceln. Oder andere Baustoffe wie etwa Bambus in geeigneten Regionen einzusetzen. Letztlich aber sei alles eine Frage des Geldes. Schwarzer: „Wenn Sand immer teurer wird, könnten plötzlich Alternativen attraktiv werden.“

Das Dilemma: Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass Sand tatsächlich ein endliches Produkt ist. „Es ist ein gefährlicher Irrtum zu glauben, Sand sei eine schnell nachwachsende Ressource“, warnt der Geologe Kay-Christian Emeis, Institutsleiter am Helmholtz-Zentrum Geesthacht, Zentrum für Material- und Küstenforschung. Der Rohstoff werde von Gletschern zermahlen und über Flüsse in unsere Tiefebenen, an die Küsten und ins Meer transportiert. Durch die Energie des Wassers und die Reibung am Untergrund im Flussbett erhalte er seine typische Korngröße und Form. Emeis: „Sand ist im Grunde nichts Anderes als ein Zerkleinerungsprodukt von geologisch älteren Gesteinen, das durch Erosion entsteht. Doch dieser Prozess dauert eben Zehntausende von Jahren.“

Jens Voss

Dieser Artikel wurde am 02.03.2019 von unserer Redaktion aktualisiert.

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