Wie uns Gärtnern guttut

Die Zahl der Hobbygärtner steigt, Studien zufolge sind Gartenbesitzer zufriedener als Menschen ohne eigenen Garten. Warum uns die Arbeit mit Pflanzen so glücklich macht – und was wir tun können, wenn zum Gärtnern nicht mal ein Balkon zur Verfügung steht

Veröffentlicht am 4. Juni 2021, 14:46 MESZ
Blumentöpfe mit kleinen Pflanzen

Einer Studie zufolge empfanden sich Gartenbesitzer während der ersten Lockdown-Phase zufriedener als es Befragte ohne Garten taten. Wie hilft die Arbeit mit Pflanzen unserer physischen und psychischen Gesundheit?

Bild Markus Spiske on Unsplash.com

Es ist keine Überraschung: Die Bedeutung von Natur, der Bewegung im Freien und der aktiven Beschäftigung mit Wald und Wiesen hat während der Pandemie zugenommen. Schon im Sommer 2020, kurz nach dem ersten deutschen Lockdown also, zeigte eine Forsa-Umfrage, dass jeder Vierte Grünanlagen häufiger nutzte als vor der Pandemie. Mit zunehmend im Homeoffice stattfindender Arbeit gewinnt der Spaziergang im Grünen an Wert, frische Luft weckt die Geister und die Zeit, die in der Natur verbracht wird, scheint auch bewusster genutzt zu werden. Und aktiver: Einer Umfrage der Universität Vermont zufolge, deren Ergebnisse im Dezember 2020 im Journal Plos One veröffentlicht wurden, gehen die Menschen seit Ausbruch von Covid-19 nicht nur häufiger spazieren (70 Prozent), sondern beschäftigen sich auch mehr mit Gartenarbeit als im Jahr zuvor (57 Prozent). Wie kommt das?

Macht die Pandemie uns zu Gärtnern?

Ganz neu ist die Begeisterung für Gartenarbeit nicht. Seit Jahren gehört das Gärtnern zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen, und auch die Vorteile für die Gesundheit liegen auf der Hand: Durch die aktive Bewegung im Freien wird das Herz-Kreislauf-System unterstützt, die Herzfrequenz sinkt, der Puls wird ruhiger und der Blutdruck ausgeglichen. Durch die sich wiederholenden Bewegungsmuster unterschiedlichster Art wird der gesamte Bewegungsapparat gestärkt, das Atemvolumen steigt um etwa 50 Prozent, der Stoffwechsel kommt in Schwung. Auch ein sinkender Cholesterinspiegel, bessere Konzentrationsfähigkeit und ruhigerer Schlaf werden dem regelmäßigen Gärtnern im Freien zugeschrieben. Die Frage, warum wir uns gerade in Pandemiezeiten besonders dem Wühlen in der Erde, dem Gießen und Rupfen zuwenden, ist damit allerdings noch nicht geklärt.

Andreas Niepel ist Gärtner, Phytotherapeut und Präsident der Internationalen Gesellschaft GartenTherapie (IGGT). Für die besondere Anziehungskraft des Gärtnerns in Krisenzeiten hat er eine einfache Erklärung: „Lockdowns erzeugen Stress – und dafür hat unser Körper nur zwei Reaktionsmuster: Flucht oder Kampf. Obwohl diese Muster bei dem Virus nicht wirken, will der Körper weiterhin entweder angreifen oder fliehen“, sagt Niepel. „Der Garten kann beides bieten: Man kann sich abreagieren, buddeln, schwitzen und dem Körper das Gefühl geben, etwas tun zu können. Diejenigen, die zur Flucht tendieren, suchen im Garten eine sichere Umgebung auf und geben damit ihrem Körper das, was er braucht.“

Galerie: Die versteckten Wunder der Pflanzen

Dass Gartenarbeit auch in schwierigen Zeiten gut für die Stimmung ist, zeigte auch eine Umfrage der Hochschule Geisenheim zur Bedeutung von Gärten und Grünanlagen während des ersten Corona-Lockdowns: Demnach empfanden sich Gartenbesitzer während der Lockdown-Phase zufriedener als es Befragte ohne Garten taten. Über die Hälfte der Gartenbesitzer gaben an, dass der Garten ihnen noch wichtiger als im Vorjahr sei. Auch die Studienteilnehmer der Universität von Vermont attestierten der Beschäftigung mit Garten und Natur besonders positive Effekte auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden.

Was macht das Gärtnern mit unserer Psyche?

Als Gartentherapeut und Leiter der Abteilung Garten/Gartentherapie an der VAMED Klinik Hattingen arbeitet Andreas Niepel vorrangig im Rehabilitationsbereich. Nach schweren Krankheiten oder auch bei Demenz werden gartentherapeutische Einheiten, meist eingegliedert in ein gesamttherapeutisches Konzept, angewandt, um mit dem Patienten Ziele etwa im Bereich der Bewegung oder des Sprechens zu erreichen. Die moderne Gartentherapie geht Niepel zufolge jedoch über die Anwendung als Hilfsmittel und Ergänzung zu Methoden aus Ergotherapie, Physiotherapie und Heilpädagogik hinaus: „Wir haben festgestellt, dass der Kontakt mit der Natur etwas mit unserer Gesundheit zu tun hat und dass der Entzug der Natur krank machen kann. Die Betätigung in der Natur macht etwas mit unserer Selbstwahrnehmung und so wird Gartentherapie zunehmend auch im psychosomatischen Bereich, im Bereich psychischer Erkrankungen und zur psychischen Gesunderhaltung eingesetzt.“

Wolle man verstehen, wie sich etwas so Aktives wie das Gärtnern auf die psychische Gesundheit auswirke, mache es Sinn, sich dem Thema über die psychischen Grundbedürfnisse des Menschen zu nähern, sagt Gartentherapeut Niepel. Zum Beispiel das Bedürfnis nach positiven Emotionen und nach Belohnung: „Das erfahren wir auch im Garten: Ich stecke Arbeit hinein und muss meinen Garten über eine ganze Zeit hinweg pflegen. Die selbstgeerntete Möhre schmeckt dann am Ende tatsächlich besser als die, die ich mir gekauft habe.“ Auch das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und Selbstwert kann vom Garten bedient werden: „Wenn ich tagsüber im Beruf nur bestimmte Phasen eines Produktes begleiten kann, fehlt mir vielleicht das Gefühl, etwas erschaffen zu haben. Der Garten kann dann gezielt oder unterbewusst eingesetzt werden, indem ich mir damit etwas Gutes tue – er erzeugt ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Selbsterhöhung. Ich erlebe, was ich kann.“ Weniger offensichtlich ist die Erfüllung der Sehnsucht nach sozialer Bindung und Kontakten – wie kann der Garten hier helfen? „Das Leben wird immer urbaner und viele Menschen sind einerseits mit dem System überfordert, erleben andererseits aber auch Einsamkeit. Es gibt ein starkes Bedürfnis nach überschaubaren sozialen Konstrukten“, sagt Andreas Niepel. „Kleingärten und Urban Gardening boomen. Das ganze Thema des sozialen Gärtnerns dient dem sozialen Wohlempfinden viel mehr als die Ernährung.“

„Wenn ich im Beruf nur bestimmte Phasen eines Produktes begleiten kann, fehlt mir vielleicht das Gefühl, etwas erschaffen zu haben", sagt Gartentherapeut Niepel. "Der Garten erzeugt ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Selbsterhöhung. Ich erlebe, was ich kann.“ 

Bild Annie Spratt on Unsplash.com

Sinnstifter Garten

Zurück zur Studie der Universität Vermont, der zufolge die Beschäftigung mit Natur und Garten auch zu mehr Identitätsgefühl und Spiritualität bei den Befragten beiträgt. Logisch, findet Andreas Niepel. Denn streng genommen hat auch die Suche nach Sinn und Orientierung mit den psychischen Grundbedürfnissen zu tun: „Das eigene Handeln in einem größeren Zusammenhang zu sehen, haben die Menschen über Jahrhunderte durch die Religion versucht. Mittlerweile zeigt eher die Verbindung zur Natur, dass das, was ich tue, nicht nur mit mir zu tun hat, sondern dass ich mir damit mein Leben erklären kann.“ Ein Garten kann Niepel zufolge auch Kontrolle zurückgeben – und das nicht nur an Patienten mit Demenz oder Psychose, die erheblich unter Kontrollverlust leiden: „Das Gefühl, nicht mehr selbst über sein Leben entscheiden zu können, weil die Entscheidungen global irgendwo auf der Welt getroffen werden, macht vielen Menschen zu schaffen. Da wird dann auf das kleine System Garten zurückgegriffen – für Selbstwirksamkeit, für Sinn und Intention, für Kontrolle. Kontrolle heißt nämlich nicht, dass alles so wird, wie ich es will. Kontrolle bedeutet, dass ich es verstehe. Im Garten lerne ich, mir auch die negativen Dinge verständlich zu machen. Für Schnecken oder kalte Monate kann ich nichts, ich kann es aber zumindest verstehen. Rückschläge lassen sich im Garten ideal lernen – wer es dort lernt, kann es auf andere Bereiche im Leben übertragen.“

Der Experte: Andreas Niepel ist Gärtner, Gartentherapeut, systemischer Coach und Dozent, unter anderem beim Institut GÄRTEN HELFEN LEBEN. Nach zahlreichen Veröffentlichungen arbeitet Andreas Niepel aktuell an einem Buch über die positiven Auswirkungen des Gärtnerns auf die psychische Gesundheit. Weitere Infos unter www.garten-therapie.de

Bild privat

Being in the Garden vs. Doing in the Garden: Was tun ohne Balkon oder Garten?

Knietief im Acker oder mit beiden Händen im Blumentopf – um von den positiven Effekten des Gärtnerns zu profitieren, kommt es nicht auf die Größe der Gartenfläche an. Ein Anfang kann auch schon der Ausgleich bestehenden Naturentzugs in Form einer bewussten Beschäftigung mit der Natur sein. Eine aktuelle Multistudien-Analyse von Forschern der Carlton University, der Colorado State University und der Michigan State University untersuchte die Auswirkungen von natürlichen Klanglandschaften in US-Nationalparks auf die Gesundheit und zeigte: Schon das bewusste Hören von Naturgeräuschen (besonders von Vögelzwitschern!) kann Schmerzen und Stress verringern, kognitive Funktionen und die Stimmung verbessern. Belege aus der Wissenschaft gibt es auch anderweitig viele: Der reine Blick auf Zimmerpflanzen hilft dabei, die Konzentration zu stärken, die Aussicht auf eine Naturszenerie kann sogar für ein geringeres Schmerzlevel nach Operationen sorgen. Die Anwesenheit von Natur und das aktive Handeln damit baut, so Andreas Niepel, aufeinander auf: „Der erste Punkt, an dem man ansetzen kann, ist in der Natur zu sein, sie zu beobachten oder zumindest daran zu denken. Das aktive Inkontakttreten ist der nächste Schritt. Wenn wir eine Beziehung zur Natur beschreiben, ist das eine systemische Beziehung. Der Mensch hat gerne eine gewisse Form von Einfluss auf das System, in dem er tätig ist – das gilt auch für die Natur. Es tut uns gut, das Gefühl zu haben, der Natur nicht ausgeliefert zu sein, sondern mit ihr zu arbeiten.“

Den richtigen Garten für sich finden

Wer in Stress- oder Krisenzeiten die richtige gärtnerische Beschäftigung für sich sucht, kann entweder einfach loslegen – oder zunächst bei sich selbst nachforschen, wie man den Garten gezielt für sich selbst nutzen möchte. „Der Garten kann auch ein spiritueller Ort sein, an dem man sich mit dem Leben an sich beschäftigt, Erklärungsmuster und Metaphern findet. Im nächsten Schritt sollte man sich damit beschäftigen, was der Garten dafür bieten muss. Das könnte zum Beispiel ein eigenes Beet sein, das nur Ihres ist“, sagt der Gartentherapeut. Um die notwendige Entspannung, Inspiration, Abreaktion oder auch Fluchtmöglichkeit möglich zu machen, sollten die Blumenwiese, das Hochbeet, der riesige Acker oder der kleine Blumenkasten auf dem Balkon vor allem eines sein: „Ein Garten muss vor allem Sicherheit bieten, eine Rückzugsmöglichkeit, die Gewissheit, dass man nicht ständig um sich schauen muss.“

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