Mount Everest: Höchster Gletscher könnte 2050 geschmolzen sein

2.000 Jahre altes Eis, das in nur drei Jahrzehnten vollständig taut – der Gletscher an der Spitze des Mount Everest schmilzt in rasanter Geschwindigkeit.

Von National Geographic
Veröffentlicht am 11. Feb. 2022, 12:39 MEZ
Mariusz Potocki und ein Sherpa-Team bei der Entnahme des Eisbohrkerns

Mariusz Potocki und ein Sherpa-Team bei der Entnahme des am höchsten liegenden Eisbohrkerns, der je geborgen werden konnte. Im Hintergrund sieht man den Gipfel des Mount Everest. Der Kern enthüllte, dass 2000 Jahre lang angesammeltes Eis am Everest innerhalb von rund 30 Jahren geschmolzen ist.

Foto von Dirk Collins

Der Klimawandel ist auf dem Dach der Welt angekommen: Am höchstgelegenen Gletscher des höchsten Berges der Welt, dem Mount Everest, schwindet jedes Jahr das über Jahrzehnte angehäufte Eis. Das besagt eine neue Studie, für die Wissenschaftler einen zehn Meter tiefen Eisbohrkern vom höchsten Gletscher entnommen haben.

In der Studie, die im Nature Portfolio-Fachblatt Climate and Atmospheric Research publiziert wurde, fanden die Forschenden heraus, dass der South Col-Gletscher, den Bergsteiger auf ihrem Weg zum Gipfel passieren, seit den 1990er Jahren ungefähr die Hälfte seiner Masse verloren hat. Ein Resultat der steigenden Temperaturen in dieser Region. Die Konsequenz? Der Gletscher könnte bis 2050 komplett verschwunden sein.

Expedition für den Eisbohrkern

Diese Ergebnisse resultieren aus der 2019 unternommenen National Geographic und Rolex Perpetual Planet Everest-Expedition zur Südseite des Mount Everest, die 34 internationale und nepalesische Wissenschaftler sowie mehrere Sherpas zusammen- und eine Reihe von logistischen Herausforderungen mit sich brachte.

Die Expedition war eine umfangreiche Unternehmung: Neben der Eiskernbohrung seien auch die Entnahme biologischer Proben, das Erstellen einer hochauflösenden Karte und das Untersuchen der Wasserqualität sowie der Historie der Everest-Gletscher veranlasst worden, erzählt Expeditions- und Forschungsleiter Paul Mayewski National Geographic. Außerdem installierte das Team fünf Wetterstationen, zwei davon an den höchsten Punkten der Welt.

„Es war das ausführlichste wissenschaftliche Experiment, das bisher an der Südseite des Everest durchgeführt wurde“, sagt Mayewski.

Nach Angaben von Bergsteiger Ryan Waters, der den Everest sechs Mal bestiegen hat, aber nicht an dieser Studie beteiligt war, bietet der South Col Glacier eine beeindruckende Ansicht für Kletterer, die sich der letzten Phase ihres Aufstiegs nähern. „Man nimmt den Schnee und das viele Eis des Gletschers schnell wahr“, sagt er.

Zur Drohnen-Ansicht des Mount Everest.

Überall auf der Welt ist ein rapider Rückgang der Gletscher zu beobachten – eine Folge des Klimawandels. Aber es gebe bislang wenig Informationen über Gletscher an den höchsten Erhebungen der Erde, so Mayewski, Glaziologe und Leiter des Climate Change Institute der University of Maine.

„Da es in den extremen Höhenlagen viel kälter ist als weiter unten, war eine der Fragen, die wir uns stellten: Schmelzen die Gletscher an den höchsten Punkten des Everest überhaupt, wenn sie auf einer Höhe von circa 8000 Metern liegen wie etwa der South Col-Gletscher?“

Paul Mayewski hält eine Eiskernprobe, entnommen vom Everest Stützpunkt.  

Eiskernbohrungen am höchsten Gletscher

Einen entscheidenden Teil der Untersuchungen stellte die Entnahme eines zylinderförmigen Eisbohrkerns vom Gletscher dar – in einer Höhe, welche die bislang höchste entnommene Probe um über 1000 Meter überragte. Die Bohrausrüstung musste dafür so leicht wie möglich sein, um sie händisch auf den Berg tragen und in der dünnen Luft mit ihr arbeiten zu können. Obwohl das Team Testläufe unter extrem kalten Bedingungen an Orten wie Maine, Island und anderen Gegenden des Himalaya durchgeführt hat, gab es keine Garantie dafür, dass die Ausrüstung bei der Expedition auch wirklich funktionieren würde.

„Das war ein Stressfaktor für uns“, sagt Mariusz Potocki, Glaziochemiker und Doktorand, der den Eisbohrkern entnahm. „Es war so eine Erleichterung, als es funktioniert hat.“

Aber: Die Ergebnisse schockierten Potocki und das Team. Mithilfe der Radiokarbonmethode konnte man bei der Analyse des 10 Meter tiefen Eisbohrkerns feststellen, dass das Eis an der Oberfläche annährend 2000 Jahre alt war. Das bedeutet: Jegliches Eis, das sich in den letzten zwei Jahrtausenden am Gletscher abgelagert hat, ist einfach verschwunden. Man konnte im Eiskern ‚Jahresringe‘ ausmachen – ähnlich wie bei einem Baum. Nachdem das Team ihre Dicke ausgemessen hat, berechneten die Forschenden unter der Annahme, dass die Eisablagerungen über die Zeit konstant geblieben sind, dass ungefähr 55 Meter Eis geschmolzen waren.

Fläschchen mit Proben des geschmolzenen Gletschereises von Stücken aller Eiskerne, die vom Everest entnommen wurden. Die Flüssigkeit wird chemisch analysiert.

Auf Basis anderer Messungen von Eisverlust durch Erwärmung an anderen Stellen im Himalaya folgern die Wissenschaftler, dass der meiste Schwund seit den 1990er Jahren auftritt. Wenn die Rate des Eisverlusts weiterhin so konstant bleibe, werde der South Col-Gletscher „vermutlich innerhalb sehr weniger Jahrzehnte verschwinden. Die Veränderung ist ziemlich auffällig“, so Mayewski.

So überraschend das Ergebnis für die Forschenden war, so sehr spiegelt es wider, was Bergsteiger wie Ryan Waters, der den Mount Everest sechs Mal bestiegen hat, schon seit Jahren beobachten – nicht nur am South Col-Gletscher, sondern im gesamten Himalaya-Gebirge.

„Seit 20 Jahren, als ich das erste Mal im Himalaya war, beobachte ich, wie sich viele Gletscher in der Everest-Gegend immer ein wenig verändern“, sagt Waters. „Auch der Khumbu-Eisbruch hat sich über die Jahre sehr gewandelt. Es sind also nicht nur die höchsten Gletscher vom Eisschwund betroffen, sondern augenscheinlich alle.“

Wieso schmilzt das Eis?

Die Wissenschaftler erklären den Eisschwund folgendermaßen: Am Everest werde er größtenteils durch Sublimation beschleunigt – ein Prozess, bei dem ein Stoff von einem festen direkt in den gasförmigen Aggregatzustand übergeht, ohne in den flüssigen Zustand zu verfallen. Eis und Schnee verdunsten also einfach, ohne vorher zu Wasser zu werden. Sublimation ist üblich in kalten und trockenen Klimata, besonders in extremen Höhenlagen mit viel Sonnenlicht und starkem Wind – also genau wie an der Südseite des Mount Everest. Am schlimmsten sei die Lage am South Col-Gletscher, erklärt Potocki, denn dort sei fast die gesamte Schneedecke von der Gletscheroberfläche verschwunden.

Schnee hat eine hohe Albedo, ein hohes Rückstrahlvermögen. Das bedeutet, dass der Schnee das meiste der Sonneneinstrahlung zurück in die Atmosphäre reflektiert. „Wenn der Neuschnee verschwindet, ist das Eis an sich dunkler und absorbiert daher mehr Sonnenstrahlung. Dadurch intensivieren sich das Schmelzverhalten und der Effekt der Sublimation und der Eisverlust nimmt zu“, verdeutlicht Potocki.

„Mariusz und ich nehmen Eiskernbohrungen auf der ganzen Welt vor. Für diese Expedition entwickelten wir eine Ausrüstung in der Annahme, dass wir zuerst durch Schnee und daraufhin durch Eis bohren würden müssen“, sagt Mayewski. „Es war dann ein großer Schock für uns, diese freiliegende Eisfläche zu sehen.“

Für Mayewski ist klar: Die Untersuchungsergebnisse am Everest passen zu einer immer größer werdenden Zahl an Beweisen, dass der Klimawandel nun auch in den abgelegensten Gegenden der Welt angekommen ist – und sie bereits grundlegend verändert.

„Wir wissen, dass unsere Ozeane verschmutzt sind, sie erwärmen sich und übersäuern. Wir wissen, dass es Zeiten gibt, sogar mitten im Winter, in denen teilweise Plusgrade am Nordpol herrschen. Wir wissen, dass es Zeiten im Sommer gibt, in denen die gesamte Oberfläche der grönländischen Eisschicht schmilzt.

Und nun wissen wir auch, dass der höchstgelegene Gletscher des höchsten Berges der Welt in Rekordzeit sein Eis verliert. Spätestens das sollte uns ein ernstzunehmender Weckruf sein."

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Die Expedition auf den Mount Everest wurde im Rahmen der Perpetual Planet-Initiative von der National Geographic Society organisiert und von Rolex unterstützt.

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