Unwetter in Deutschland: „Es gibt nicht mehr Stürme als früher"

Erst Ylenia, jetzt Zeynep: In Deutschland haben diese Woche gleich zwei Orkane für Unwetterwarnungen gesorgt. Wie haben sich die Winde in den vergangenen Jahren entwickelt? Ein Gespräch mit Klimaforscherin Frauke Feser vom Helmholtz-Zentrum Hereon.

Veröffentlicht am 18. Feb. 2022, 15:17 MEZ, Aktualisiert am 18. Feb. 2022, 16:55 MEZ
Sturmschäden im Wald

Stürme hinterlassen nicht nur Städte verwüstet, sondern auch die Natur - wie hier nach dem Orkan Kyrill 2007. 

Foto von Petr Bonek / Adobe Stock

NATIONAL GEOGRAPHIC: Frau Feser, diese Woche haben wir in Deutschland gleich mit zwei Orkantiefs zu tun. Man liest immer wieder, dass das Wetter durch den Klimawandel extremer wird. Gibt es hierzulande heute mehr Stürme als früher?
Frauke Feser: Nein, das ist ein subjektives Empfinden. Es gibt nicht mehr Stürme als früher, wir sind aktuell eher auf einem durchschnittlichen Niveau, wenn man sich den Verlauf über die Jahrzehnte anschaut. Winter ist Sturmsaison, da hier die Temperaturunterschiede zwischen den Polen und der äquatorialen Region am größten sind. Dass zwei Stürme in einer Woche kommen, ist keine Seltenheit.

Wie hat sich die Sturmlage in Deutschland entwickelt?
Wir haben uns die Stürme seit Beginn der Druckmessungen angeschaut, also seit rund 140 Jahren. Dabei haben wir gesehen: Die Sturmlage entwickelt sich in sehr langen Wellen. So nahm etwa ab 1960 bis in die Neunzigerjahre die Sturmaktivität zu. Danach flaute es wieder ab. Insgesamt bräuchten wir für die Forschung noch deutlich längere Messzeitspannen, aber die gibt es leider nicht. Bei anderen Wetterphänomenen reicht es für Statistiken meist, wenn man sich einen Zeitraum von 30 Jahren anschaut. Für Stürme ist das zu wenig.

Inwiefern hat der Klimawandel sich auf Stürme ausgewirkt?
Für die Stürme der mittleren Breite können wir bisher keine Auswirkungen sehen. In tropischen Regionen gibt es jedoch erste Anzeichen, dass die besonders starken Wirbelstürme häufiger werden und langsamer ziehen. Aber unter Forschenden herrscht hier noch Uneinigkeit, inwiefern es sich um menschengemachte Veränderungen handelt.

Dr. Frauke Feser forscht am Helmholtz-Zentrum Hereon, Geesthacht, in Sachen Klimawandel und Wetterextreme. Sie leitet außerdem die „Themenkoordination Stürme".

Foto von Jan Peters

Erwartet man Veränderungen in der Zukunft durch die Erderwärmung?
Internationale Klimamodellen sagen eigentlich alle aus, dass die Stürme stärker werden. Davon kann man also auch in unseren mittleren Breiten ausgehen. Aber ob es mehr werden, da gibt es große Schwankungen in den Projektionen. Es gibt zwei Szenarien: Auf der einen Seite erwärmen sich die Pole stärker als die Region um den Äquator. Es kommt also zu weniger Temperaturunterschieden - was eigentlich zu weniger Stürmen führen sollte. Auf der anderen Seite wird durch die Erderwärmung mehr Wasserdampf in der Atmosphäre gespeichert, was wieder einen gegenteiligen Effekt haben könnte. Wenn der Wasserdampf zu Wolkentröpfchen kondensiert, wird Wärme freigesetzt, was zu besseren Wachstumsbedingungen für starke Stürme führt. Wir gehen aktuell für Deutschland von häufigeren starken Stürmen bei einer insgesamt eher abnehmenden Zahl aus. 

Welche Windgeschwindigkeiten können denn überhaupt auftreten?
Gestern vor genau 60 Jahren kam es in Hamburg zur großen historischen Sturmflut, die extreme Zerstörung hinterließ. Der Wind erreichte auf Helgoland mehr als 40 Meter pro Sekunde, was enorm war. Aber Böen können durchaus noch schneller werden. Zu den stärksten Orkanen hierzulande zählten Andrea im Jahr 2012 mit bis zu 270 Kilometern pro Stunde und Vivian im Jahr 1990 mit ähnlichen Spitzengeschwindigkeiten hoch in den Schweizer Alpen. Auch Kyrill und Lothar waren extreme Stürme.

Wie hat sich die Vorhersage von Stürmen in den vergangenen Jahren entwickelt?
Die Wettervorhersage hat in den Siebzigerjahren einen extremen Sprung gemacht, als man begann, Satellitendaten mit einzubeziehen. Die Wettervorhersagemodelle werden ständig weiterentwickelt und mit schnellen Supercomputern können immer bessere Prognosen berechnet werden. Die Vorhersage für die komplette kommende Woche ist heute so genau, wie sie früher nur für den nächsten Tag war.

Wenn man in die Wetter-Apps schaut, hat man eher den Eindruck, dass es oft falsche Vorhersagen gibt…
Man merkt sich eben nur die negativen Ereignisse - und wenn die Vorhersage stimmt, vergisst man es. In Zeiten einer Pandemie kann es natürlich auch sein, dass bei den Wetterdiensten krankheitsbedingt Mitarbeiter ausfallen, so wie das gerade überall der Fall ist. Man kann sich nicht nur auf das verlassen, was der Computer ausspuckt. Es braucht erfahrene Meteorologen, die die Daten einordnen. Aber um noch einmal auf die Vorhersage von Stürmen zu kommen: Da muss man etwas unterscheiden.

Inwiefern?
Das kann man anhand der aktuellen Stürmen gut beschreiben: Ylenia konnte man sehr genau vorhersagen, weil sie ein langsames, sehr großes Sturmtief war. Der Sturm Zeynep ist unberechenbarer. Bei der Vorhersage gab es verschiedene mögliche Zugbahnen, sodass man nicht genau weiß, wo er am Ende wie schnell entlang fegen wird: Wird es in Norddeutschland schlimmer, oder eher in der Mitte des Landes? Da wurden in den vergangenen Tagen verschiedene Szenarien abgebildet.

Woran liegt das?
Zeynep ist räumlich kleiner und zieht schneller als Ylenia. Das macht es schwerer, ihn einzuschätzen als ein großes, langsameres Sturmtief. Hinter der Sturmflut 1962 in Hamburg steckte übrigens auch ein sehr schnell ziehender Orkan. Hoffen wir, dass es heute nicht so schlimm wird.
 

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