Alpenflora in Gefahr: Pflanzen wachsen vermehrt über der Baumgrenze

Sogar der Blick aus dem Weltall zeigt: Die Alpen ergrünen. Dahinter steckt nicht nur die Schneeschmelze, sondern auch die ungeahnte Zunahme der Vegetation über der Baumgrenze  – eine Gefahr für das empfindliche Ökosystem.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 20. Juni 2022, 09:22 MESZ
Aufnahme des Eibsees mit den Ammergauer Alpen im Hintergrund.

Die Alpen ergrünen: In den Alpen hinterlässt der Klimawandel deutliche Spuren – Forschende haben nun einen weiteren Faktor untersucht, der das Ökosystem gefährdet.

Foto von Matthias Schröder / Unsplash

Der Klimawandel gefährdet die Alpen – davor warnen Forschende schon lange. Gletscherschmelze, Rückgang des Permafrosts und die damit einhergehende Gefahr für heimische Lebewesen sind nur ein Teil der Probleme. Forschende der Universitäten Lausanne und Basel zeigen nun: Auch die Vegetation verändert sich. Viele Pflanzen breiten sich immer weiter aus – und bringen das Ökosystem der Alpen zusätzlich ins Wanken.

In ihrer Studie, die im Fachmagazin Science erschien, untersuchte das Forschungsteam um Erstautorin Sabine Rumpf von der Universität Basel die Veränderung der Vegetation in den Alpen auf Grundlage von Satellitendaten. Sie zeigen: In 77 Prozent der Alpen breiten Pflanzen sich bereits oberhalb der Baumgrenze aus. „Berge sind Hotspots der biologischen Vielfalt und der Ökosystemleistungen“, so die Forschenden. „Aber sie erwärmen sich etwa doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt.“ Die Zunahme der Biomasse würde dieses Problem in den Alpen nun verschärfen – und eine Gefahr für die alpine Artenvielfalt darstellen.

“Die einzigartige Artenvielfalt der Alpen steht unter hohem Druck.”

von Sabine Rumpf, Universität Basel

Abnahme der Schneedecke, Zunahme der Biomasse

Um die vegetative Veränderung in den Alpen genau nachvollziehen zu können, untersuchten die Forschenden hochauflösende Satellitenbilder aus den Jahren von 1984 bis 2021. Dabei wurde zunächst der Rückgang der Schneedecke in den Alpen deutlich – ein Trend, den lokale Messungen schon länger zeigen. Doch nicht nur das: Noch auffälliger war die Zunahme der Biomasse. Diese sorgt ebenfalls dafür, dass die Alpen grüner werden – und zwar in ungeahntem Ausmaß. „Die Produktivität der Vegetation hat in mehr als zwei Dritteln des Gebiets oberhalb der Baumgrenze zugenommen“, so die Forschenden. Eine massive Veränderung.

Auch die vergleichsweise geringe Abnahme der Schneedecke könnte durch die Zunahme der Alpenvegetation an Fahrt aufnehmen. „Rückkopplungen zwischen Schnee und Vegetation werden in Zukunft wahrscheinlich zu noch ausgeprägteren Veränderungen führen“, heißt es in der Studie. Denn durch die zusätzliche Biomasse entstehe ein Teufelskreis, der seinen Ursprung in der bereits vorangeschrittenen Erderwärmung hat. „Eine grünere Bergwelt reflektiert weniger Sonnenlicht und führt somit zu einer weiteren Klimaerwärmung – und daher zum weiteren Schwinden reflektierender Schneeflächen“, sagt Rumpf.

Alpenflora in Gefahr

Vor allem für die Alpenflora bedeuten diese Veränderungen nichts Gutes. Die Baumgrenze einer Region ist klimatisch bedingt und meint die Höhengrenze für das Wachstum der Vegetation. Verändert sich diese, kann das Folgen für das Klima innerhalb der Region haben. Dass viele Pflanzen nun dichter und höher wachsen als zuvor, macht vor allem den auf den Standort spezialisierten alpinen Pflanzen zu schaffen.

„Alpenpflanzen sind an harsche Bedingungen angepasst, aber nicht sehr konkurrenzstark“, sagt Rumpf. Wenn sich nun also durch Veränderungen im Klima – wie Niederschlagsmengen oder Wachstumsperioden – die Umweltbedingungen für die Alpenflora ändert, ist es wahrscheinlich, dass diese spezialisierten Pflanzen verdrängt werden. „Die einzigartige Artenvielfalt der Alpen steht also unter hohem Druck“, so Rumpf.

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