Wunder im Pazifik: Sensationelle Erholung eines Korallenriffs

Die Korallenriffe um die südlichen Lineninseln haben sich erholt – so schnell und so herrlich, wie es Forscher nie für möglich gehalten hätten.

Von Enric Sala
Veröffentlicht am 10. Nov. 2022, 10:17 MEZ
Erholtes Korallenriff der südlichen Linieninseln

Trubel am Riff: Rund um Vostok und andere Südliche Linieninseln leben so viele kleine Rifffische, dass sie eine gesunde Population großer Raubfische ernähren. Ein Grauer Riffhai schwimmt hier in einem Schwarm aus Füsilier-Riffbarschen und Bartletts Fahnenbarschen über Montipora-Korallen. 

Foto von Enric Sala

Um dieses Wunder zu verstehen, müssen wir zurückblicken in den April 2009: Ich leitete damals eine Gruppe junger, enthusiastischer Meeresbiologen auf ihrer ersten Expedition zu den Südlichen Linieninseln, die zu Kiribati gehören. Ihr Name leitet sich von ihrem Ursprung in einem Untersee-Bergrücken quer über den Äquator ab – der „Linie“. Unser Ziel war die erste wissenschaftliche Bestandsaufnahme von Meeresflora und -fauna in den Gewässern dieses Archipels, über das wir so gut wie nichts wussten. Um per Flugzeug und Schiff dorthin zu gelangen, brauchten wir länger als die Astronauten der Apollo-Missionen auf den Mond. Bei unserer Ankunft fanden wir ein Paradies vor: von Menschen unbeeinflusste Riffe aus blühenden Korallenurwäldern, die von Fischen wimmelten.

Da sich die Korallen an den Südlichen Linieninseln 2009 in derart gutem Zustand befanden, hielten wir es für möglich, dass sie auch einem weiteren Temperaturanstieg gewachsen sein würden – sofern sie vor sonstigen menschlichen Übergriffen geschützt blieben. Wir teilten unsere Ergebnisse der Regierung von Kiribati mit, die daraufhin ankündigte, ihre Gewässer, die 22 Kilometer um die Inseln ins Meer hineinreichen, vor Fischerei und anderer Ausbeutung zu schützen. Unser Jubel war groß, denn wir dachten, jene Riffe wären nun für immer geschützt. Doch dann geschah das Unglück. Der mächtigste El Niño, der je registriert wurde, zog 2015 und 2016 über den Pazifik. Die Hälfte der Korallen war verendet. Die meisten der abgestorbenen Exemplare gehörten einer einzigen Gattung an: Pocillopora, zu der auch die Blumenkohlkoralle zählt; nur eine einzige lebende Kolonie war noch übrig.

Regeneration der Superriffe

In vielen Gebieten der Karibik werden die Skelette toter Korallen rasch von Braunalgen überwachsen. Auf Stuarts Fotos von den Südlichen Linieninseln waren sie dagegen von inkrustierenden Kalkrotalgen – auch koralline Algen genannt – bedeckt, die eine pinkfarbene Kalkkruste bilden Wenn Korallen sich fortpflanzen, treiben ihre Larven mehrere Tage, Wochen oder sogar länger im Wasser, bevor sie sich am Meeresgrund anheften und zu einer neuen Kolonie entwickeln. Ihre bevorzugte Unterlage: inkrustierende Kalkrotalgen. An den Südlichen Linieninseln waren die Voraussetzungen für eine Rückkehr der Korallen demnach geschaffen. Aber würden sie tatsächlich wiederkommen?

2021 konnten wir endlich wieder nachsehen. Wir erwarteten überwiegend Korallenskelette vorzufinden, die von pinkfarbenen Kalkrotalgen überzogen waren. Stattdessen bedeckten jetzt hellblaue Korallen das Riff, die riesigen Rosen ähnelten: Ein Garten aus Montipora aequituberculata erstreckte sich, so weit das Auge reichte. Bei genauerem Hinsehen entdeckte ich darunter tote Pocillopora mit Krusten von Kalkrotalgen. Wie konnte sich das Riff in nur fünf Jahren von toten Blumenkohlköpfen in blühende Rosen verwandeln?

Buchhalter der Meere: Mit Maßband und Schreibbrett registriert der Meeresökologe Enric Ballesteros die Organismen auf einem gesunden Riff der Linieninseln. Als die Forscher 2009 zum ersten Mal den Archipel besuchten, fanden sie dort unberührte Riffe vor mit einer Fülle von oftmals seltenen Arten. 

Foto von Jon Betz

Schutz vor Fischerei fördert Resilienz

Korallenriffe können sich weitaus besser selbst wiederherstellen, als jeder menschliche Eingriff das vermag – sofern genügend lebende Korallen vorhanden sind, um das Riff aufzufüllen. Da die Südlichen Linieninseln mitten in einem der kritischsten Hotspots der Erwärmung im Pazifik liegen, haben sich die dortigen Korallen offenbar an die steigenden Wassertemperaturen angepasst. Damit neue Korallen darüber wachsen können, müssen die Skelette abgestorbener Korallen allerdings von pinkfarbenen inkrustierenden Kalkrotalgen und nicht von fleischigen Makroalgen überzogen sein.

Was schuf diese idealen Voraussetzungen auf den Südlichen Linieninseln? Wir halten es für möglich, dass die außergewöhnliche Fülle an pflanzenfressenden Fischen zum Teil dafür verantwortlich ist: die sehr großen Papageifische hier und Schwärme aus Hunderten von Doktorfischen. Sie alle sind Weidegänger, die Zebras und Antilopen der Riffe, und verschlingen jede noch so kleine fleischige Alge, die auf den toten Korallen zu wachsen wagt. Beim Tauchen in seichten Gewässern hört man richtig, wie diese Fische das Riff unermüdlich abraspeln. Krustenbildende koralline Algen überleben dank der Kalkeinlagerungen in ihren Zellwänden das Abweiden. Fische ziehen es nämlich vor, bildlich gesprochen einen leckeren Salat anstelle von Kalk zu fressen. Diese Beobachtung untermauert unsere Schlussfolgerung aus dem Jahr 2009: Umfassender Schutz vor Fischerei und die daraus resultierende enorme Fischdichte sind für eine nachhaltige Erholung der Riffe unerlässlich. Dieser Schutz fördert die Resilienz.

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