Feuerwerk an Silvester: Studie zeigt Langzeitfolgen bei Wildgänsen

Pyrotechnik ist schön und gefährlich zugleich. Ihr Feinstaub und Lärm schädigt jährlich Umwelt, Menschen, Haus- und Wildtiere. Eine Studie zeigt am Beispiel von Wildgänsen, wie sehr die Tierwelt dadurch leidet.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 16. Dez. 2022, 15:13 MEZ
Feuerwerk über einem See.

Eine neue Studie bestätigt: Feuerwerke wie dieses beeinflussen Wildgänse massiv – selbst im Jahr 2020.


 

Foto von patrick jakobsson/EyeEm / Adobe Stock

Es zischt, pfeift und knallt durch die Nacht. Hin und wieder glitzert und leuchtet es am Himmel: Die Silvesternacht läutet wortwörtlich das neue Jahr ein. Doch nicht allen gefällt das laute Spektakel. Vor allem Wild- und Haustiere leiden am Neujahrstag unter teils enormen Stressreaktionen – verursacht durch die flächendeckende Anzahl kleiner Explosionen. 

In einer aktuellen Studie haben deutsche und niederländische Forschende das Verhalten von 347 Wildgänsen rund um den Jahreswechsel – jeweils vom 19. Dezember bis zum 12. Januar – über acht Jahre hinweg untersucht. Die Beobachtungen zeigen: Die Tiere werden signifikant gestört. Und sie erholen sich nur langsam von ihrer Flucht vor dem plötzlichen, nächtlichen Lärm.

Veröffentlicht wurden die Ergebnisse der Studie des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie und des Niederländischen Instituts für Ökologie in der Fachzeitschrift Conservation Letters.

Angst und Panik in der Silvesternacht

Für ihre Langzeitstudie stattete das internationale Forschungsteam insgesamt 347 Zugvögel mit GPS-Trackern aus. Bei den überwachten Individuen handelte es sich um Bläss-, Weißwangen-, Kurzschnabel- und Saatgänse. Diese halten sich lediglich während der Wintermonate in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark auf. Hier verbringen sie die meiste Zeit ihres Tages mit Fressen oder Ruhen – um in der Kälte möglichst wenig Energie zu verbrauchen. Nachts schlafen die Tiere größtenteils auf dem Wasser, meist mehrere Tage hintereinander am selben Ort.

Neujahrsbräuche aus aller Welt
Läutet das neue Jahr mit ein paar Neujahrsbräuchen aus aller Welt ein, von denen ihr vielleicht noch nicht gehört habt.

Dieses Verhalten ändert sich jedoch in der Silvesternacht pünktlich um 0 Uhr. Die Bewegungsdaten zeigen: Mit dem Zünden von Feuerwerkskörpern und Böllern werden die Tiere aufgeschreckt. So sehr, dass sie im Durchschnitt fünf bis 16 Kilometer mehr zurücklegen als unter normalen Umständen. Betrachtet man die einzelnen Fluchtrouten genauer, sind auch extreme Distanzen mit Flügen von über 500 Kilometern zu erkennen.

„Es ist schockierend zu sehen, wie viel weiter die Vögel in der Silvesternacht flogen“, sagt Andrea Kölzsch, Erstautorin der Studie. „Einige Tiere legten Hunderte von Kilometer in einer einzigen Winternacht zurück, Distanzen die sie normalerweise nur während des Zuges absolvieren.“ Gleichzeitig flogen die Tiere deutlich höher: Rund 40 bis 150 Meter wichen die gemessenen Flughöhen von den vorherigen Nächten ab.

Feinstaubbelastung und tagelang erhöhter Energieverbrauch

Auch die zusätzliche Belastung durch Feinstaub zwang die Wildgänse laut Studie zur Flucht. Über ihren Ruhezonen wurden nach Mitternacht bis zu 650 Prozent höhere Werte gemessen als üblich. Damit Feuerwerke zünden, braucht es Schwarzpulver, Kaliumnitrat, Holzkohle und Schwefel – für die schönen Farben sorgen Kupfer-, Strontium- und Bariumverbindungen. Kleinste, für das Auge nicht sichtbare Partikel können für Tiere, Menschen und Umwelt langfristig, aber auch kurzfristig sehr schädlich sein.

„Wir konnten feststellen, dass Vögel ihre gewohnten Schlafgewässer verließen und Orte wählten, die weiter entfernt von menschlichen Siedlungen lagen und geringere Feinstaubkonzentrationen aufwiesen. Das ist ein starkes Indiz dafür, dass die Gänse versuchten, dem Feuerwerk zu entkommen“, so Kölzsch. Durch den erhöhten Wechsel der Schlafquartiere verkürzten sich zwangsläufig die Schlaf- und Ruhedauer der Vögel. 

Um diesen Energieverbrauch auszugleichen, schonten sich die Gänse die Tage danach deutlich mehr. Bewegungsdaten zeigen, dass sie etwa zehn Prozent mehr fraßen und sich weniger bewegten als vor der Silvesternacht. „Die Tiere versuchen wahrscheinlich, die Energie zu kompensieren, die sie in der Nacht des Feuerwerks ungeplant aufwenden mussten“, sagt Bart Nolet vom Institut für Ökologie.

Böllerverbot hilfreich – doch Wildtiere leiden trotzdem

Dass es auch anders geht, zeigte das Böllerverbot zu den Jahreswechseln zwischen 2020 und 2022 aufgrund der Pandemie. Inwiefern dadurch die Feinstaubbelastung zurückging, lässt sich etwa anhand der interaktiven Animation des Umweltbundesamtes sehen. So erreichten die Stundenmittelwerte in den Jahren davor in großen Teilen des Landes bis zu 2.500 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m³). Während des Verbots lagen sie bundesweit deutlich darunter. Zum Vergleich: Der erlaubte Tagesmittelwert von PM10 – also Partikeln kleiner als 10 Mikrometer – liegt bei 50 µg/m³.

Belästigt wurde die Tierwelt dennoch. Dies konnten die Forschenden im letzten Jahr ihrer Studie ermitteln. Demnach sorgte das Verkaufsverbot für Feuerwerkskörper 2020 zwar für weniger Störungen, die nächtliche Aktivität der Vögel sowie die durchschnittliche Dauer, Höhe und Distanz der Flüge erhöhten sich dennoch. „Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass sogar geringe Störungsintensitäten durch Feuerwerk das Verhalten der Gänse derart ändern, dass zumindest in strengen Wintern ihre Überlebenswahrscheinlichkeit reduziert sein kann“, sagt Nolet. 

Für eine Besserung der massiven Stresssituation wird deshalb die Bereitstellung sicherer Rückzugsgebiete gefordert. Rund um Nationalparks, Vogelschutzgebiete und andere wichtige Ruhestätten sollte das Zünden von privaten Feuerwerken laut den Forschenden gänzlich verboten werden. 

Die Deutsche Umwelthilfe, die Gewerkschaft der Polizei und der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes fordern gar ein bundesweites Verbot privater Feuerwerke. Mit Zuspruch aus der Bevölkerung: 53 Prozent sind dafür, in Städten sind es sogar 71 Prozent. Die Umwelt und 100 Prozent der Wildtiere würden dies sicherlich begrüßen.

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