Umwelt

Alaska: Lockruf der Wildnis

Der Denali-Nationalpark in Alaska ist fast so groß wie Brandenburg – doch um die Wölfe zu schützen, ist er immer noch zu klein.

Von Tom Clynes
Unterwegs zu einer der vielen unbezwungenen Bergwände im Hochland des Denali passiert ein Bergsteiger auf Tourenskiern saphirblaues Schmelzwasser am Ruth-Gletscher.

Zusammenfassung: Der Denali-Nationalpark in Alaska ist fast so groß wie Brandenburg – doch um die Wölfe zu schützen, ist er immer noch zu klein. Seit die Schutzzone um den Park 2010 abgeschafft wurde, hat sich der Bestand stark minimiert. Jäger und Wilderer stellen Fallen oder schießen die Raubtiere. Coke Wallace ist einer von ihnen. Nachdem er das letzte fortpflanzungsfähige Weibchen eines Rudel erschoss, witzelte er: „Damit hatte ich zum dritten Mal vielen Besuchern des Nationalparks den Spaß verdorben, Wölfe in freier Wildbahn sehen zu können“. Die Meinungen zum Schutz des Parks und der Tiere gehen im Denali weit auseinander.

Die Ranger nennen diese Zeit die „hundert chaotischen Tage“. Es ist immer dasselbe von Juni bis Anfang September, dann kommen die meisten der 500.000 jährlichen Besucher auf einen Schlag in den Denali-Nationalpark. Ein Sommermorgen an der Eingangsstation zur 148 Kilometer langen Park Road erinnert dann tatsächlich ein bisschen an das Pendlergedränge am Busbahnhof des Time Square in Manhattan. Aus den Lautsprechern verkünden Stimmen die Einstiegszeiten für die Busse, Besucher aus vielen Ländern stehen Schlange am Ticketschalter.


Die meisten sind Kreuzfahrtpassagiere auf einem Zwischenstopp. Sie sehen den Park und seine Tierwelt fast ausschließlich vom Bus aus. „Aber wer Einsamkeit sucht, findet sie schnell“, sagt Ranger Sarah Hayes. Der Park umfasst beinahe 25.000 Quadratkilometer – eine Fläche, fast so groß wie das Land Brandenburg. „Es gibt kaum Wege. Aber jede Menge Tiere. Und wer will, kann den Bus jederzeit verlassen.“

Als unsere Tour beginnt, drücken die Passagiere ihre Nasen an die Fensterscheiben, halten ihre Kameras schussbereit und erzählen einander in einem halben Dutzend Sprachen, welches Wild sie zu sehen hoffen: „Einen Elch!“ „Einen Grizzly!“ „Ein Karibu!“ „Einen Wolf!“

Nach acht Kilometern ist es so weit: „Ein Eichhörnchen!“, ruft ein Kind und bringt den ganzen Bus zum Lachen.

Bei Kilometer 24 endet der Asphalt. Ab hier sind keine Autos mehr zu sehen. Bald gibt es auch keine Bäume mehr. In der Ferne erheben sich die Gipfel der Alaskakette, die ganzen Ausmaße dieses Naturreichs werden deutlich. Der Fahrer verringert das Tempo.

„Seit zwei Wochen versteckt er sich“, sagt er und lenkt den Bus durch eine enge Kurve. „Aber heute könnten wir Glück haben ...“ Und als der mächtige Berg tatsächlich ins Blickfeld gerät, ruft ein vielstimmiger Chor: „Der Denali!“

Alaska: Lockruf der Wildnis

Mit 6190 Metern ist er der höchste Berg in Nordamerika, ein majestätischer Anblick – wenn sein Gipfel nicht von Wolken verhüllt ist. Die einheimischen Athabasken gaben ihm vor langer Zeit den Namen Denali: „Der Große“. 1896 benannte der Goldsucher William Dickey den Berg in Mount McKinley um – zu Ehren des Politikers William McKinley aus Ohio, der sich dafür starkmachte, den staatlichen Goldbestand zur einzigen Basis der Papierwährung zu machen. 1897 wurde McKinley zum 25. Präsidenten der USA gewählt. Erst im vergangenen Sommer setzte Barack Obama den ursprünglichen Namen wieder in Kraft.

Die drei meistgenannten Gründe für einen Besuch im Denali-Nationalpark sind: den Berg, einen Grizzly oder einen Wolf sehen. Noch im Jahr 2010 konnten Besucher tatsächlich eher damit rechnen, einen Wolf in freier Wildbahn zu beobachten, als einen freien Blick auf den „Großen“ zu erhaschen, der statistisch nur jeden dritten Sommertag sichtbar ist. Doch seitdem hat die Zahl der Wolfssichtungen stark abgenommen. 2010 wurden noch bei 45 Prozent aller Fahrten auf der Park Road Wölfe beobachtet, 2014 nur noch bei sechs Prozent. Die Biologen, die im Park arbeiten, sagen, seit 2005 habe sich der Bestand von mehr als 100 auf weniger als 50 Tiere halbiert.

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„Ich sage ungern, dass der Wetterfrosch lügt, aber es sind sicher keine minus 34 Grad da unten“, sagt Dennis Miller, als wir in seiner zweisitzigen Maschine vom verschneiten Flugplatz der Parkverwaltung abheben. Eingemummelt in ein halbes Dutzend Lagen Kleidung habe ich mich im winzigen Cockpit hinter ihn gequetscht. Miller schüttelt den Kopf. „Es würde mich überraschen, wenn es heute überhaupt noch so warm würde“, sagt der Pilot.

Ein paar Minuten später hören wir in unserem linken Kopfhörer ein Signal: ein Wolf mit Peilsender im Halsband. Miller richtet das Flugzeug in der Luft aus, bis die Pieptöne links und rechts gleich laut sind. Wir überfliegen oben im Nordosten die Parkgrenze und den schmalen Streifen Land, der in das Schutzgebiet hineinragt und dem Bundesstaat, dem Kreis sowie privaten Besitzern gehört. Das Piepen wird lauter.

„Das dürfte die Anführerin des East-Fork-Rudels sein“, sagt Miller. „Im vergangenen November zählten wir mindestens 15 Wölfe, aber vor zwei Wochen fanden wir den Kadaver des Rüden. Er trug einen Peilsender. Seither habe ich nur noch eine Einzelfährte gesehen.“

Miller fliegt tiefer und folgt dem Signal im Zickzack durch ein Flusstal. Eine einzelne Wolfsspur verschwindet zwischen Bäumen. Er zieht das Flugzeug scharf nach links und späht hinab. „Ich belasse es am besten bei nur einem Überflug“, erklärt er. „In den Häusern hier gibt es Leute, die mich am Himmel entdecken und herauskommen, um zu schauen, welches Tier ich verfolge. Damit sie es abschießen können.“

„Das dürfte die Anführerin des East-Fork-Rudels sein“, sagt Miller. „Im vergangenen November zählten wir mindestens 15 Wölfe, aber vor zwei Wochen fanden wir den Kadaver des Rüden. Er trug einen Peilsender. Seither habe ich nur noch eine Einzelfährte gesehen.“

Seit vier Tagen bin ich mit Miller und Biologen der Parkbehörde unterwegs. In den hellen, schneereichen Märztagen kümmern sie sich vor allem um die Suche nach Wölfen. Wenn sie einen sichten, rufen sie ein Hubschrauberteam. Das Tier wird mit einem Betäubungspfeil narkotisiert, dann legen ihm die Biologen ein Halsband mit Peilsender an und nehmen Blut- und Haarproben. Die Auswertung verrät ihnen einiges über den Gesundheitszustand und die Verwandtschaftsverhältnisse der Wölfe im Park.

Die Wissenschaftler setzen die Pionierleistung des Naturschützers Adolph Murie fort. In den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts beobachtete er als einer der Ersten die Denali-Wölfe in freier Wildbahn. Wölfe galten damals als Plage. Die Ranger der Parkverwaltung schossen sie, wo immer sie welche sahen. Erst Muries Forschung zeigte, wie wichtig Wölfe und andere große Raubtiere für ein gesundes ökologisches Gleichgewicht sind. Er plädierte für ein Parkmanagement, das nicht nur einzelne Arten schützt, sondern Ökosysteme als Ganzes.

Mit der Zeit setzte sich seine Sichtweise durch. Und nicht nur das: Auf die Beobachtungen der Tierwelt in den Bergen des Denali-Nationalparks stützen sich heute viele der Naturschutzprinzipien, die für uns selbstverständlich geworden sind.

Einige der größten Umweltschutzinitiativen des Landes begannen hier – nicht zuletzt wegen der Wirkung der einmaligen Landschaft auf Hunderttausende von Besuchern, die jedes Jahr anreisen. Sie kommen, weil sie auf Begegnungen mit wilden Tieren hoffen, und sie verlassen den Park mit einem tieferen Verständnis für die Natur. „Am Anfang kommt es ihnen nur darauf an, Fotos zu machen. Sie wollen zu Hause erzählen können, dass sie einem Grizzly bis auf 15 Meter nahe gekommen sind“, erzählt Parkdirektor Don Striker. „Doch im Verlauf ihrer Tage hier legt die Natur bei ihnen einen Schalter um, und wenn sie wieder daheim sind, wollen sie etwas dafür tun, solche Gebiete zu bewahren.“

Der Denali war immer ein gefährdetes Paradies. Der Park wurde 1917 als Schutzgebiet für Alaska-Dallschafe und anderes Wild eingerichtet. Die ersten Ranger hatten viel Mühe mit Wilderern, die Bergarbeiter und Eisenbahnbauer mit illegal erbeutetem Fleisch belieferten. Das Tauziehen zwischen Nutzung und Erhalt der Natur ist bis heute der fundamentale Konflikt in den Nationalparks. Am Denali kann man das besonders gut erleben, von den zeitweise mit Besuchern überfüllten Berggipfeln bis hinab zu den Strecken der Fallensteller entlang der Parkgrenzen. Wanderer suchen hier die Einsamkeit unerschlossener Täler – und plötzlich brummt ein Touristenflugzeug über sie hinweg.

„Wart ihr das Gestern in der kleinen Propellermaschine?“, fragt uns Coke Wallace. Er wohnt in einer Hütte im ungeschützten Landstreifen im Nordosten des Nationalparks. „Wir dachten uns schon, dass ihr einen Wolf mit Peilsender verfolgt. Ich wäre fast rübergekommen um zu sehen, ob ich was schießen kann.“

Wallace ist Fallensteller, Jäger und Jagdführer und bezeichnet sich selbst als „politisch weit rechts“. Stolz zeigt er seine reichhaltige Sammlung an Fallen und Schlingen sowie ein großes, auf ein Trockengestell gespanntes Wolfsfell. Sein Handy hat Wolfsgeheul als Klingelton.

„Ich habe gar nichts gegen die Tiere“, sagt er. „Ich finde Wölfe sogar richtig toll. Das Problem für die Artenschützer ist nur, dass ich alle paar Jahre mal den falschen erwische.“ 1999 schoss Wallace die mit Peilsender versehene Anführerin eines Rudels, das sich häufig an der Park Road gezeigt hatte. 2005 ging ihm das Alphaweibchen eines anderen Rudels in eine Falle, die er außerhalb der Parkgrenze gelegt hatte. 2012 schleppte er einen Pferdekadaver an eine von Wölfen gern besuchte Stelle und legte ringsherum Fallen und Schlingen.

Als er ein paar Tage später wiederkam, war in einer Falle eine trächtige Wölfin verendet. Ein Nachbar meldete den Fall. Das brachte Wallace einen Artikel in der „Los Angeles Times“, einige Morddrohungen – und noch mehr Kunden für seine Jagdführungen. Noch im selben Jahr erlegte er das letzte fortpflanzungsfähige Weibchen aus einem Wolfsrudel, das oft knapp außerhalb der Parkgrenze umherstreifte. Ohne Nachwuchs schrumpfte das Rudel rasch von 15 auf drei Tiere. „Damit hatte ich zum dritten Mal vielen Besuchern des Nationalparks den Spaß verdorben, Wölfe in freier Wildbahn sehen zu können“, witzelt Wallace ungerührt.

Bis vor sechs Jahren wäre ihm das noch nicht erlaubt gewesen. Bis dahin stand auch ein Wolf, der sich in die Gegend außerhalb der Nationalparkgrenzen verirrte, unter Schutz.

Seit Jahren diskutieren Politiker darüber, wie man mit diesem Symbol der Wildnis umgehen soll. Im Jahr 2000 stieß der Biologe und Wolfsspezialist Gordon Haber, ein Nachfolger Adolph Muries, auf Fallensteller, die entlang der Parkgrenze Schlingen auslegten. Er startete eine Initiative dagegen und brachte die Wildkommission von Alaska dazu, entlang der Grenzen eine Pufferzone einzurichten, in der Wölfe nicht erlegt werden durften. Ende 2009 kam Haber bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Als die Parkverwaltung wenig später eine Erweiterung der Schutzzone beantragte, hob die zuständige Kommission sie stattdessen völlig auf – und gab damit rings um den Park grünes Licht für Jäger und Fallensteller.

Man wolle die Bestände der Wölfe klein halten, um die Zahl der Karibus und Elche zu erhöhen, erklärt die Regierung von Alaska. „Es geht darum, dass unsere Selbstversorger genügend Wild haben“, sagt Sam Cotten von der staatlichen Jagdbehörde. „Wenn die Elch­ und Karibubestände unter den Erwartungen bleiben, müssen wir eben mehr Raubtiere schießen.“

In den Jahren 2013 und 2014 erlegten staatliche Jäger sowie Privatleute mit Lizenz mehrere Dutzend Wölfe rund um das einige Hundert Kilometer entfernt liegende staatliche Schutzgebiet Yukon-Charley Rivers. Die Jäger schossen von Flugzeugen aus. Sie halbierten den Wolfsbestand. Einige der getöteten Tiere trugen Peilsender; sie waren Teil einer Langzeitstudie der Parkverwaltung.

Der Fotograf der Geschichte, Aaron Huey, erzählt von seiner Arbeit

Cotten beruft sich bei der Bestandsreduzierung auf „solide wissenschaftliche Erkenntnisse“. Aber es gibt durchaus Daten, die die Hypothese in Frage stellen, man müsse nur viele Wölfe abschießen, um die Bestände von Elchen und Karibus zu vergrößern.

Für Coke Wallace ist die Sache dennoch klar. Seiner Ansicht nach war es überfällig, die Rudel auszudünnen und die Pufferzonen um den Denali abzuschaffen. „Endlich wehrt die Regierung Alaskas sich gegen die autoritäre Bundesregierung und gegen die linken Ökos“, sagt er. „Mir hat der Park viel besser gefallen, als er noch McKinley hieß und für Wildschafe gedacht war. Dann kamen die vom Staat und haben uns diesen ANILCA-Kram aufgezwungen.“

Er meint den „Alaska National Interest Lands Conservation Act“ von 1980, das Gesetz zum Schutz von Gebieten, die von nationalem Interesse für Alaska sind. Es wies 420.000 Quadratkilometer Land als Nationalparks und andere Schutzgebiete aus – eine Fläche so groß wie Deutschland und Österreich zusammen. Weitere 200.000 Quadratkilometer wurden zu schützenswerter Wildnis erklärt. Der Nationalpark Mount McKinley wurde in „Nationalpark und Schutzgebiet Denali” umbenannt und seine Fläche verdreifacht. Die Eigentumsrechte innerhalb des Schutzgebiets blieben davon aber unberührt, ebenso wie das Recht, in einigen Regionen jagen und Fallen stellen zu dürfen.

Vielen gilt das ANILCA-Gesetz als einer der größten Siege für den Naturschutz in der Geschichte der USA. Für andere Bewohner Alaskas war es jedoch der Höhepunkt einer jahrelangen Bevormundung durch die Bundesregierung. Wallace war noch ein Jugendlicher und wohnte in Fairbanks, als Demonstranten dort eine Puppe von Präsident Jimmy Carter verbrannten. Der hatte 1978 in Alaska mehr als 22 Millionen Hektar Land als besonders schützenswerten Naturraum – als „Nationalmonument“ – ausweisen lassen. Am Denali organisierten die Einwohner der umliegenden Orte eine Protestaktion. 3000 Jäger und Fallensteller marschierten in das Schutzgebiet, feuerten mit ihren Gewehren in die Luft, zündeten Lagerfeuer an, organisierten Hunderennen und stellten demonstrativ Fallen auf – wovon Carter sich allerdings nicht beeindrucken ließ.

Für Don Striker, den Direktor des Denali-Nationalparks, ist die Situation schwierig. „Überall, wo ich vorher war, lieben die Menschen ihre Nationalparks“, sagt er. Ehe er nach Alaska kam, leitete er fünf andere Parks in den USA. „Hier ist die Beziehung durch die Vergangenheit vergiftet. Den Leuten ist nicht bewusst, dass die Schutzgebiete seit jeher Eigentum der Vereinigten Staaten sind; sie haben nie dem Bundesstaat Alaska gehört. Für die Politiker hier lohnt es sich, über die Parks zu schimpfen und dabei zu ignorieren, welche Vorteile sie Alaska gebracht haben – gerade wirtschaftlich.“

Diese Debatte ist weit weg, als ich Mitte März am Cache Creek zu Füßen des Denali den Kopf aus dem Zelt stecke. Es ist der dritte Morgen einer Hundeschlittenexpedition – und der dritte Morgen mit einer Temperatur von minus 25 Grad. Ich erwäge kurz, mich wieder in den Schlafsack zu kuscheln, aber der Anblick des Gipfels ist stärker. Die Strahlen der aufgehenden Sonne überziehen die Nordostflanken des „Großen“ mit orangefarbenem Glanz.

Auch die rund 30 Schlittenhunde werden aktiv. Sie erheben sich gähnend aus ihren in den Schnee gegrabenen Schlafkuhlen und beginnen aufgeregt zu winseln. Im Winter geht in den abgelegenen Abschnitten des Parks ohne Hundeschlittenteams nichts. Sie überwachen die Parkgrenze, unterstützen die Forscher, schleppen Vorräte und Material heran.

„Anders als ein Schneemobil sind Hunde immer startbereit“, sagt Staffelführerin Jennifer Raffaeli. „Und sie haben einen Überlebensinstinkt, den keine Maschine je haben wird.“

Mit drei Hundeschlitten fahren wir am Nachmittag weiter zum Rangerposten am Wonder Lake. Nachts um zwei treten wir vor unsere Hütten und bewundern das eindrucksvolle Nordlicht, die farbigen Lichtvorhänge, die über den Himmel ziehen. „Vieles im Denali ist im Winter für die meisten Menschen unerreichbar – es sei denn, sie sind mit Hunden unterwegs“, sagt Raffaeli. Die Hunde schlafen weiter. Rundherum nichts als Stille und Einsamkeit.

Einen völlig anderen Denali erlebe ich drei Monate später. Es ist Ende Juni, gegen 20 Uhr, und ich stehe auf der Park Road im Stau. Eine Elchkuh und zwei Kälber gehen am Waldrand entlang. Autos halten mitten auf der Straße, die Fahrer zücken ihre Kameras.

In den Sechzigerjahren kämpfte Murie gegen den Bau einer befestigten Bundesstraße, die in den Park hineinführt. Er errang einen Teilsieg, die Verwaltung beschloss, nur die ersten 24 Kilometer zu teeren. Doch als die Besucherzahlen stiegen, wurde die schmale Straße verkehrsreicher und gefährlicher – auch für die Tiere. 1972 wurde der Denali dann der erste amerikanische Nationalpark mit eigener Buslinie, was die Zahl der Pkw deutlich verminderte.

Ich benutze den Bus nur, um mich in das Herz des Nationalparks fahren zu lassen, durchstreife eine Woche lang abgelegene Gebiete und genieße die seelenreinigende Wirkung der Wildnis. Gegen Ende meiner Wanderung komme ich zur East Fork Cabin. Die Hütte diente einst Murie als Basislager, von hier aus untersuchte er das Verhältnis zwischen Wölfen und Wildschafen. Für den jungen Ökologen wurde damit ein Traum wahr: Er lebte in der Einsamkeit und konnte Tiere mit den einfachsten Hilfsmitteln erforschen. Er konzentrierte sich auf ein Wolfsrudel, dessen Revier am Ostarm des Toklat River lag.

Muries Vorgesetzte in Washington rechneten wahrscheinlich mit einem trockenen Forschungsbericht. Stattdessen lieferte er „The Wolves of Mount McKinley“ ab, heute ein naturhistorischer Klassiker. Der Bericht in Buchlänge erschien 1944. Murie beschrieb als Erster die Lebenszyklen und Verwandtschaftsverhältnisse wilder Wölfe sowie die Funktionsweise eines kompletten ökologischen Systems. Er erkannte, dass die Beziehungen zwischen den Arten komplizierter waren, als man sich bis dahin vorgestellt hatte. Von da an setzte er sich für die Änderung von Gesetzen ein, nach denen Raubtiere wie Wölfe, Berglöwen und Kojoten ausgerottet werden sollten.

Ich benutze den Bus nur, um mich in das Herz des Nationalparks fahren zu lassen, durchstreife eine Woche lang abgelegene Gebiete und genieße die seelenreinigende Wirkung der Wildnis. Gegen Ende meiner Wanderung komme ich zur East Fork Cabin. Die Hütte diente einst Murie als Basislager, von hier aus untersuchte er das Verhältnis zwischen Wölfen und Wildschafen. Für den jungen Ökologen wurde damit ein Traum wahr: Er lebte in der Einsamkeit und konnte Tiere mit den einfachsten Hilfsmitteln erforschen. Er konzentrierte sich auf ein Wolfsrudel, dessen Revier am Ostarm des Toklat River lag.

Muries Vorgesetzte in Washington rechneten wahrscheinlich mit einem trockenen Forschungsbericht. Stattdessen lieferte er „The Wolves of Mount McKinley“ ab, heute ein naturhistorischer Klassiker. Der Bericht in Buchlänge erschien 1944. Murie beschrieb als Erster die Lebenszyklen und Verwandtschaftsverhältnisse wilder Wölfe sowie die Funktionsweise eines kompletten ökologischen Systems. Er erkannte, dass die Beziehungen zwischen den Arten komplizierter waren, als man sich bis dahin vorgestellt hatte. Von da an setzte er sich für die Änderung von Gesetzen ein, nach denen Raubtiere wie Wölfe, Berglöwen und Kojoten ausgerottet werden sollten.

Bei der Parkbehörde machte ihn diese Haltung ziemlich unbeliebt. Aber je mehr er in Fachblättern und populären Magazinen über seine Forschungen schrieb, desto beliebter wurden die Wölfe. Naturliebhaber reisten von weit an, um sie zu sehen. Die Wölfe wurden zu einer Hauptattraktion im Denali­Nationalpark – neben der Verheißung, hier wirklich weit weg vom Alltag zu sein.

An einem Tag da draußen wache ich aus meinem Mittagsschlaf auf. Automatisch greife ich zum Handy. Aber hier kommen weder SMS noch Anrufe an. Keine Uhr bestimmt mein Programm. Ich verbringe drei Tage in der Umgebung der Hütte. Ich wandere, lese Muries Bücher und passe mich dem Takt der Natur an. Später, auf dem Weg zurück zur Straße, wird mir unwohl, wenn ich an die vollen Busse und all die Neuigkeiten denke, die mich erwarten. Zurecht, wie sich herausstellt.

Selbst die Nachrichten über den Park sind keine guten. Der Biologe Steve Arthur sagt mir, dass die Ergebnisse der jüngsten Wolfszählung nicht gerade vielversprechend sind. Auch der Wolfskadaver, den wir bei meinem ersten Aufenthalt im Winter gesehen hatten, stimmt ihn weiterhin nachdenklich. Arthur und seine Mitarbeiter hatten den toten Rüden vom East­Fork­Rudel aus dem Schnee gegraben und eine Schlinge um seinen Hals entdeckt. Das Tier hatte die Schlinge aus der Halterung gezerrt, war in den Park gelaufen und dort verblutet.

Im Mai hatte Arthur dann einen Anruf von einem Jäger erhalten, der einen Wolf mit Peilsender geschossen hatte – legal außerhalb der Parkgrenze, aber in der Nähe einer Stelle, an der Bären angeködert wurden. Die staatliche Wildaufsicht hatte die umstrittene und in vielen anderen Bundesstaaten verbotene Praxis, Bären anzulocken, 2012 auch für Grizzlys zugelassen. Die Ködersaison im Frühjahr überschneidet sich mit der Zeit, in der die Wölfinnen Junge bekommen. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass trächtige oder säugende Weibchen angelockt und getötet werden.

Arthur fuhr hin und fand einen zweiten toten Wolf, ein trächtiges Weibchen ohne Sender. Überwachungsdaten vom Halsband eines anderen Wolfs zeigten, dass sich weitere Tiere aus dem Rudel in der Nähe des Bärenköders herumtrieben. Arthur informierte die Wildaufsicht und schlug vor, die Jagdsaison für Wölfe dort vorzeitig zu beenden. Die Beamten stimmten einer zweiwöchigen Verkürzung zu. Ein dauerhaftes Verbot der Wolfsjagd lehnten sie aber ab.

Nach fünf Wochen im Park bleibt mir noch Zeit für einen letzten Ausflug in die Wildnis. Von meinem Platz im Bus aus entdecke ich eine vielversprechende Strecke, die über eine Anhöhe hinunter zum Toklat River führt.

Ich gehe ohne Karte in die weglose Landschaft und hoffe insgeheim, dass ich mich inmitten der Berge und Seen verlaufe. Am Fluss angekommen, entdecke ich auf der anderen Seite ein Tal. Es wirkt viel näher, als es ist. Was als eine Halbtagswanderung gedacht war, dauert am Ende über acht Stunden.

Das macht mir nichts, denn es ist lange hell. Auf dem Rückweg wird mir allerdings bewusst, dass es hier viele Bären gibt und dass ich eigentlich viel zu leise bin. Ich rede also laut vor mich hin, und als ich über eine Hügelkuppe komme, sehe ich tatsächlich einen großen Grizzly, der etwa 200 Meter weiter unten in einem Teich ein Bad nimmt. Als er meine Stimme hört, richtet er sich auf den Hinterbeinen auf und schaut herüber. Er ist ein Riesenbär, aber er ist nicht aggressiv. Er watet ans Ufer, klettert aus dem Wasser und schüttelt sich die Tropfen aus dem Fell. Dann trottet er langsam den Hang hinauf und ist bald außer Sicht.

Kurz darauf halte ich zum letzten Mal den Bus an. Ein Rucksackwanderer steigt aus. Er hat Gepäck für vier Tage und eine wasserfeste Karte bei sich. Ich frage ihn, wo er hinwill. Mit einer ausladenden Geste weist er über Berge, Täler, Flüsse, Himmel. „Irgendwohin“, sagt er.

Aus dem Englischen von Sabine Schmidt

(NG, Heft 2 / 2016, Seite(n) 60 bis 89)

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