Wissenschaft

Riesiges Ei enthält einen „Babydrachen”

Die neu benannte Art wurde erstmals durch ein National Geographic-Cover aus dem Jahr 1996 berühmt. Freitag, 27 Oktober

Von Erika Engelhaupt

Mehr als 20 Jahre, nachdem er das Titelblatt von National Geographic geziert hat, hat „Baby Louie“ – ein kleiner Dinosaurier, der in einem Ei eingerollt gefunden wurde – endlich einen offiziellen Namen: Babydrache.

Die neu beschriebene Art war ein vogelähnlicher Dinosaurier, der Eier von bis zu 60 cm Länge in ein Nest von der Größe eines Monstertruck-Reifens legte. Wissenschaftler, die das 90 Millionen Jahre alte Fossil detailliert untersucht haben, haben es auf den Namen Beibeilong sinensis getauft – „Babydrache aus China“. Die entsprechende Studie wurde am 9. Mai in „Nature Communications“ veröffentlicht.

„Man kann sie sich als sehr vogelähnlich vorstellen“, sagt die Co-Autorin der Studie Darla Zelenitsky, eine Paläontologin an der Universität von Calgary. Sie hätte wohl wie ein übergroßer Kasuar ausgesehen, ein Verwandter des Straußes. Beibeilong hätte einen Strauß jedoch deutlich überragt: Ausgewachsene Tiere konnten über 7,5 m lang werden und mehr als drei Tonnen wiegen.

Der Dinosaurier gehörte einer Gattung Vogelartiger namens Oviraptoren an, deren meiste Vertreter recht klein waren. Bisher wurden nur drei Skelette von großen Oviraptoren gefunden, Baby Louie eingeschlossen. „Aber ihre Eier findet man extrem häufig“, sagt Zelenitsky.

Die gewaltigen Eier wurden in China, Korea, der Mongolei und den USA gefunden, aber viele Jahre lang war es ein Mysterium, zu welchem Dinosaurier sie gehörten

Der Beibeilong-Embryo mit dem Spitznamen Baby Louie.

Da wir nun wissen, wer diese seltsamen Eier gelegt hat, sollten Forscher mehr darüber herausfinden, wie sich diese Tiere fortgepflanzt und ihre Jungen aufgezogen haben, sagt David Varricchio. Der Paläontologe von der Montana State University war an der Studie nicht beteiligt.

Außerdem deutet die Entdeckung darauf hin, dass die riesigen, vogelartigen Oviraptoren überall dort vertreten waren, wo ihre Eier gefunden wurden. „Diese Eier sagen uns, dass diese Dinosaurier wahrscheinlich deutlich verbreiteter waren, als ihre fossilen Knochenfunde vermuten lassen“, sagt Zelenitsky.

DIE GEBURT VON "BABY LOUIE"

Als das versteinerte Ei 1993 in Henan in China gefunden wurde, kannte niemand die zugehörige Art. Wie bei anderen geheimnisvollen großen Eiern taufte man sie also auf den wissenschaftlichen Namen Macroelongatollithus. Der gut erhaltene Dinosaurier zog die Aufmerksamkeit des National Geographic Magazins auf sich, welches das Embryofossil „Baby Louie“ taufte – nach dem Fotografen des Artikels, Louis Psihoyas.

Das Magazin beauftragte den Künstler Brian Cooley damit, ein detailliertes 3D-Modell zu bauen und zeigte ein Foto der Skulptur auf seiner Titelseite.

In dem Artikel von 1996 hieß es, dass Baby Louie wohl zu einer Gruppe von Dinosauriern namens Sensenechsen gehörte, die sich durch gewaltige Klauen an ihren Händen auszeichneten. Zum damaligen Zeitpunkt war die Art einer der wenigen bekannten Kandidaten, die groß genug waren, um solche Eier zu legen. Andere dachten, sie würden vom Tyrannosaurus stammen.

Aber schon bald nach der Veröffentlichung des Artikels fanden die Forscher, dass der Embryo mehr wie ein Oviraptor aussah. „Das einzige Problem war, dass diese Eier viel zu groß waren – zehnmal größer als jeder bekannte Oviraptor!“, sagt Zelenitsky.

Erst 2007 wurde das erste große Oviraptorskelett in China entdeckt: ein 1,3 Tonnen schweres, gefiedertes Tier namens Gigantoraptor. „Endlich ergab alles Sinn. Wir hatten eine große Art, die imstande war, diese großen Eier zu legen“, so Zelenitsky. Beibeilong ist nun die zweite große Oviraptorart, die entdeckt wurde.

Zu diesem Zeitpunkt hatten die Wissenschaftler dann ein anderes Problem bei der Untersuchung von Baby Louie. China wollte ihn zurück. Er war von Fossilienhändlern in die USA gebracht worden, und nach langen Verhandlungen kam Baby Louie 2013 nach China zurück, wo ihn Wissenschaftler dann wieder untersuchen konnten.

Durch neue, detaillierte Untersuchungen des Fossils und Vergleiche mit anderen Dinosaurierarten kam ein internationales Team nun zu folgender Schlussfolgerung: Baby Louie gehört tatsächlich einer neuer Art an, und diese ist die größte bekannte Dinosaurierart, die auf ihrem Nest saß und sich um ihre Jungen kümmerte.

LOUIE LEBT WEITER

„Es war grandios, mit Baby Louie endlich an diesen Punkt zu kommen“, sagt Phillip Currie, der 1996 den National Geographic-Artikel zu dem Thema geschrieben hat und nun als Paläontologe an der Universität von Alberta tätig ist.

Damals hatte er keine Ahnung, dass es 20 Jahre dauern würde, das Fossil zu beschreiben. Aber in der Zwischenzeit, so sagt er, hat er den Bauern ausfindig gemacht, der Baby Louie ursprünglich entdeckt hat. Er ist zum genauen Fundort zurückgekehrt, um noch mehr Eierschalen von Louies Nestgeschwistern zu finden.

Ein weiteres Teammitglied, Ken Carpenter von der Utah State University, war schon immer skeptisch, ob Baby Louie tatsächlich eine Sensenechse war, und sagte das 1996 auch bereits. „Ich schätze, ich fühle mich bestätigt“, sagt er jetzt, aber fügt hinzu, dass es nun ein noch größeres Geheimnis um die Dinosaurier gibt.

Carpenters Team hat noch mehr riesige Eier in 100 Millionen Jahre alten Ablagerungen in Utah gefunden. Könnten diese Eier aus den USA die Vorfahren von Baby Louie in sich tragen, die später nach Asien wanderten? Das sei möglich, sagt er.

Der kleine Louie hat gezeigt, dass Dinosaurier große Köpfe, große Augen und kurze Schnauzen hatten, genau wie heutige Vogelküken oder Welpen, so Carpenter. Es gebe aber auch noch viel, das wir nicht wissen. Zum Beispiel, „ist Louie in Wahrheit eine ‚Louise?‘ Leider wird es uns nicht helfen, unter den Schwanz zu gucken.“

Wir wissen auch nicht, wie Louie gestorben ist, aber es ist offensichtlich, warum er seit über zwei Jahrzehnten die Fantasie beflügelt.

„Die Menschen interessieren sich für Louie, weil Babydinos cool sind“, sagt Carpenter. „Anstelle eines grimmigen Knurrens könnte aus dem Nest ein Piepen gekommen sein.“

Wei­ter­le­sen