Wissenschaft

Woher kam die Syphilis?

350 Jahre alte Gene helfen Forschern dabei, das Rätsel um den Ursprung der Krankheit zu lösen.Montag, 25. Juni 2018

Von Sarah Gibbens
Der Schädel einer Frau, die zu Lebzeiten an Syphilis gelitten hatte, weist diverse Läsionen auf. Solche Läsionen sind der Schlüssel, um Überreste von Menschen zu identifizieren, die man genetisch auf die Krankheit testen könnte.

Im Jahr 1492 erreichte Christoph Kolumbus Amerika – die Neue Welt. Nur zwei Jahre später ist in historischen Berichten aus Europa erstmals die Rede von einer Epidemie einer zuvor nicht verzeichneten Krankheit, die wir heute als Syphilis kennen. Dieses Timing führte zu einer Debatte, die noch immer kein Ende gefunden hat: Wurde die Syphilis – eine sexuell übertragbare Krankheit, die derzeit wieder auf dem Vormarsch ist – von den frühen europäischen Entdeckern aus Amerika mitgebracht oder war sie in der Bevölkerung östlich des Atlantiks bereits vorhanden?

Bisherige Methoden, mit deren Hilfe man dem Ursprung der Krankheit auf die Spur kommen wollte, basierten auf historischen Berichten, die die Krankheit beschrieben, und der Untersuchung von Läsionen an Skelettüberresten. Das Problem ist nur, dass viele der beschriebenen Symptome der Syphilis – inklusive der sichtbaren Läsionen – auch bei der sogenannten Frambösie auftreten können. Diese Krankheit wird durch eine Unterart des Syphilisbakteriums Treponema pallidum verursacht. Im Gegensatz zur sexuell übertragbaren Syphilis wird Frambösie aber schon durch Hautkontakt übertragen und führt häufig zu Läsionen und Geschwüren.

Nun haben Wissenschaftler eine Möglichkeit entwickelt, um die beiden Krankheitserreger in menschlichen Überresten zu unterscheiden. Das könnte dabei helfen, den schleierhaften Ursprüngen der Syphilis auf den Grund zu gehen.

UNTER DEM MIKROSKOP

Zunächst untersuchten die Forscher menschliche Skelette, die Spuren von Knochenläsionen aufwiesen – ein Hinweis darauf, dass zu Lebzeiten Syphilisbakterien vorhanden waren. Dafür wählten sie fünf menschliche Skelette mit sichtbaren Deformationen von einem Friedhof des Convento de Santa Isabel aus. Die historische Stätte in Mexiko-Stadt wurde von 1681 bis 1861 von Franziskanerinnen betrieben. Von diesen fünf wurden drei Kinderskelette positiv auf Treponema pallidum getestet.

„Unsere Strategie bestand darin, Neugeborene zu untersuchen, die bereits mit Syphilis infiziert waren und daher mit größerer Wahrscheinlich eine größere Menge an Erregern aufwiesen“, sagt Verena Schuenemann. Sie ist die Hauptautorin der entsprechenden Studie, die in „PLOS Neglected Tropical Diseases“ erschien. Infizierte Mütter können die Krankheit während der Schwangerschaft auf ihr Kind übertragen. Da das Immunsystem der Föten noch nicht so stark ist, weisen sie eine höhere Bakterienkonzentration auf.

Das Bakterium Treponema pallidum kann sowohl Syphilis als auch Frambösie verursachen. Neue Gentest ermöglichen es Forschern, die beiden Krankheiten zu unterscheiden und womöglich auch den Ursprung der Syphilis zu ergründen, die aktuell wieder auf dem Vormarsch ist.

Zum ersten Mal isolierten Genetiker im Anschluss die historischen Syphilis-Genome. Sie entdeckten in zwei Individuen Unterarten des Bakteriums, das Syphilis verursacht, und in einem anderen Individuum eine Unterart des Frambösie-Bakteriums.

„Mit den hier verwendeten Methoden können wir noch weiter in der Zeit zurückgehen, die präkolumbianische Syphilis untersuchen und sehen, wo sie ihren Ursprung hatte“, sagt Schuenemann.

MÖGLICHST VIELE PATIENTEN

Die neue Methode zur Genomsequenzierung von historischen Überresten ist ein aufregendes neues Werkzeug zur Untersuchung der Krankheit. Die Anthropologin Molly Zuckerman von der Mississippi State University verweist jedoch darauf, dass die größte Hürde darin besteht, passende Überreste zum Testen zu finden.

Das liegt daran, dass eine ganze Reihe von Krankheiten Knochenläsionen hinterlassen, während Syphilis nur in den schwersten Fällen sichtbare Deformationen am Knochen verursacht.

Der nächste Schritt besteht laut Schuenemann darin, verschiedene Proben zu untersuchen. „Wir haben keine Ahnung, ob die Erregerstämme aus dem kolonialzeitlichen Mexiko dieselben wie jene sind, die in Europa gefunden wurden.“

Eine Studie, die 2016 im „International Journal of Paleopathology“ veröffentlicht wurde, untersuchte die 2.200 Jahre alten Überreste eines erwachsenen Mannes aus dem Norden Chiles. Sie wiesen Anzeichen eines Thorakalen Aortenaneurysmas auf, das mitunter auch bei Patienten mit schweren Formen der Syphilis auftritt. Das führte die Studienautoren zu der Annahme, dass es sich um ein frühes Fallbeispiel für die Krankheit handelt. Ohne die Technologie, die den Forschern mittlerweile zur Verfügung steht, ließ sich aber nicht feststellen, ob der Mann nicht eigentlich an Frambösie gelitten hatte.

„Man kann die Krankheiten nicht anhand des Skeletts unterscheiden. Aber dass wir das auf einer genetischen Ebene können, ist spannend“, sagt Zuckerman, die sich mit der Evolution von Infektionskrankheiten beschäftigt. Ihre eigene Forschung hat sie zu der Annahme gebracht, dass das Treponema-Bakterium aus Amerika stammt, sich in Form der Frambösie manifestierte und sich dann über Hautkontakt verbreitete. Als der Krankheitserreger Europa erreichte, erfolgte Hautkontakt in dem kühleren Klima eher beim Geschlechtsverkehr, sodass sich das Bakterium weiterentwickeln musste.

„Was Belege von Form von Skeletten angeht, fanden wir keine Fälle aus Europa, die älter als [die erste Reise von] Kolumbus [nach Amerika] sind“, sagt Zuckerman.

FRÜHDIAGNOSE ZUR SCHADENSBEGRENZUNG

Ein besseres Verständnis für die Evolution des Bakteriums könnte medizinischen Forschern eventuell auch Möglichkeiten eröffnen, die Krankheit schon in ihren Frühstadien zu diagnostizieren.

„Einsichten zu den historischen Veränderungen bei der Ansteckungskraft können zu besseren Diagnosen in der Gegenwart führen“, so Zuckerman. Mit aktuellen Tests kann man Syphilis eher in fortgeschrittenen Stadien erkennen.

Eine Frühdiagnose ist jedoch bitter nötig. Schon seit über einem Jahrzehnt steigt die Zahl der Syphiliserkrankungen in Deutschland und vielen anderen Ländern der Welt wieder an.

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