Wissenschaft

Fußabdrücke auf dem Mars

Raumfahrt im Wandel. Im dritten Interview mit National Geographic verrät Astronautik-Professor Reinhold Ewald, wohin die Reise führt. Er selbst verbrachte 1997 als Wissenschaftskosmonaut 18 Tage an Bord der Raumstation MIR.Friday, July 27

Von Jens Voss

Herr Ewald, inwiefern hat sich die Raumfahrt seit den 80er-Jahren verändert – nicht zuletzt mit Blick auf MIR und ISS?

Die MIR hat das Tor zur Internationalität der bemannten und unbemannten Raumfahrt geöffnet. Ich bin stolz, dass ich dazu beitragen konnte. Dank der unglaublichen Kommunikationsmöglichkeiten per Satellit von der ISS, der Flotte von internationalen Fracht- und demnächst auch Crewtransport-Raumschiffen, der schieren Größe der ISS-Laboratorien und des Einsatzes der modernsten Experimentiertechniken haben sich die mit dem Spacelab-Programm zwischen 1983-2000 und der MIR von 1986 bis 2001 aufgezeigten Möglichkeiten zur Forschung im All verstetigt.

Die bemannte Raumfahrt ist überaus kostspielig. Sind die hohen Kosten gerechtfertigt?

Zurzeit erleben wir wieder eine Abstimmung mit „Likes“ und „Klicks“ für Alexander Gerst. Diese Mission bedient den Wunsch vieler Menschen, mit Neugier die Erweiterung von Horizonten mitverfolgen zu können. Alex ist da als Stellvertreter unterwegs. Die Wissenschaft an Bord ist zum größten Teil mit Bezug zu Fragen und ungelösten Problemen auf der Erde zu sehen. Sie betreffen das Potenzial des menschlichen Körpers zur Umstellung auf extreme Bedingungen ebenso wie die Fragestellung nach der Ausgestaltung einer minimalen Lebensumgebung für Menschen. Wie steht es um Wasserrecycling oder die Erzeugung von Lebensmitteln, Atmosphäre und Energie aus Bordmitteln? In einem Algenreaktor der Uni Stuttgart etwa wird an Bord der ISS Kohlendioxid aus der Atmosphäre in Sauerstoff verwandelt – die Algen werden dabei als Proteinquelle abgeerntet, ganz ohne Nachschubbedarf.

Würde es sich nicht lohnen, größere Raumstationen für mehr Besatzungsmitglieder zu bauen, um solche Forschungen zu intensivieren?

Nein, denn schon heute ist die konfliktfreie Planung der vielen parallel laufenden Aktivitäten eine Mammutaufgabe der Planungsteams. Da würde man dann tatsächlich besser mit freifliegenden Modulen, sogenannten Free Flyern, operieren, die nur gelegentlich von Astronauten besucht und gewartet werden.

Reinhold Ewald flog 1997 als Wissenschaftskosmonaut mit der russischen Sojus TM 25 zur Raumstation MIR. Er verbrachte 18 Tage im All, um biomedizinische und materialwissenschaftliche Experimente sowie Betriebstests zur Vorbereitung der Internationalen Raumstation durchzuführen.

Wann rechnen Sie mit dem Ende der ISS?

Ab 2024 wird sich die Nutzung ändern, vielleicht mit Übernahme der ISS durch kommerzielle Nutzer. Das könnte dann eine Verlängerung der Zeit im All bedeuten. Auch die MIR ist ja nicht aufgegeben worden, weil sie unsicher, sondern weil sie uneffektiv geworden war. Und zwar, was den Erhaltensaufwand anging bei gleichzeitigem Aufbau der ISS.

Und wohin steuert die (bemannte) Raumfahrt danach?

Bis 2024 haben wir nun garantierten Zugang zum Labor im All und können mit der erprobten Vertragskonstruktion internationaler Partner auch schon die Projekte danach angehen. Die Rückkehr zum Mond und der Weg darüber hinaus ist dank der ISS wesentlich realistischer und sicherer geworden. Ich wünsche es der Generation meiner heutigen Studenten, an einer Marsmission mitarbeiten zu können und auch in diesem Jahrhundert Fußabdrücke von Menschen auf dem Mars zu erleben – so wie ich 1969 von den Mondlandungen geprägt wurde.

Könnten Roboter oder andere Formen von Künstlicher Intelligenz die Arbeit der Astronauten an Bord irgendwann übernehmen?

Unterstützen ja – übernehmen nein. Mit Cimon, einem etwa medizinballgroßen intelligenten Roboter, der Alexander Gerst auf der ISS als künstlicher Assistent zur Seite steht, werden solche Ansätze bei der laufenden Horizons-Mission erprobt. Allerdings werden Roboter nicht initiativ, sie bringen keine Lebenserfahrung mit und können eben nicht Eins und Eins zusammenzählen. Ich erinnere nur an den Einsatz von Rasierschaum bei Alex‘ erster Mission 2014, als es darum ging, Metallsägespäne am Wegfliegen zu hindern ...

damals musste Alexander Gerst einen Metallbolzen absägen. In der Schwerelosigkeit wären die Metallspäne in der Atemluft zur Gefahr geworden. Gerst beschmierte die Sägestelle mit Rasierschaum und die Späne blieben daran hängen.

 

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