Die Geburtsstunde der Verhütungsmittel

Jedes Jahr gibt es weltweit mehr als 200 Millionen Schwangerschaften, von denen mehr als 40 Prozent ungewollt sind. Nach rund 100 Jahren großer Fortschritte in Sachen Verhütung können ungewollte Schwangerschaften immer zuverlässiger verhindert werden.

Veröffentlicht am 15. März 2019, 12:09 MEZ
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Trotz der körperlichen Strapazen, die Frauen durch eine Schwangerschaft auf sich nehmen, pflanzt sich die Menschheit nach wie vor fleißig fort. Durchschnittlich ist eine Frau ca. 35 Jahre lang fruchtbar. Während dieser Zeit kann sie theoretisch fünfzehnmal schwanger werden, was statistisch gesehen zu etwa 13 Geburten und ebenso vielen Kindern führt. Diese große Fruchtbarkeit ist Fluch und Segen zugleich: Für viele kann sie Armut und Leid zur Folge haben. Deswegen ist die Menschheit schon lange auf der Suche nach einer effektiven Verhütungsmethode, um eine selbstbestimmte und kontrollierte Familienplanung zu ermöglichen. 

Tausende von Jahren lang wurde versucht, die Potenz der Spermien zu senken und sie davon abzuhalten, die Eizelle zu erreichen. Abgesehen von Enthaltsamkeit gehörte der Coitus interruptus wohl zu den ersten Versuchen, Schwangerschaften zu verhindern. In der Antike dienten Blätter, Zitronen und Schwämme als Barriere in der Vagina, und es gibt Belege dafür, dass die alten Griechen eine frühe Form der Intrauterinpessare, heute bekannt als Spirale, nutzten. Über Jahrhunderte führten sich Frauen Fruchtsäuren vaginal ein, vielleicht aufgrund der Erfahrung, dass ein stark saures Milieu die Spermien beeinträchtigt. Mit Vaginalduschen versuchte man, die Spermien nach dem Geschlechtsverkehr wegzuspülen. Weidenschößlinge, Bienen und Hirschhornspäne sollten als orales Verhütungsmittel dienen. Wenn das alles nichts nützte, waren krude Abtreibungsmethoden die letzte, verzweifelte Möglichkeit. 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es dann etliche Neuerungen: Kondome aus vulkanisiertem Kautschuk wurden gefertigt, spermizid wirkendes Gel wurde industriell hergestellt, die Entwicklung der Spiralen wurde vorangetrieben und das Diaphragma trug zur Emanzipation der Frauen bei, indem es ihnen die Kontrolle über eine relativ effektive Methode der Schwangerschaftsverhütung verlieh. Im Jahr 1929 gab es dann einen echten Durchbruch, als die Forschung von Dr. Kyusaka Ogino in Japan und Dr. Hermann Knaus in Österreich Aufschluss über den Zeitpunkt des Eisprungs gab. Dieses elementare Wissen wurde genutzt, um den Menstruationszyklus genau zu berechnen, und daraus wurde schließlich die Kalender- oder Zyklusmethode entwickelt. Weitere Fortschritte bei der Verhütung gab es dann mit Latexkondomen, Frauenkondomen, kleineren Spiralen und ersten Versuchen mit Implantaten und Injektionen. Der nächste große Schritt erfolgte jedoch erst 1960 mit der Zulassung der Antibabypille.

Die Antibabypille, kurz Pille genannt, setzt im Körper künstliche Hormone frei, die Östrogen und Gestagen  imitieren und dem Körper so eine Schwangerschaft vortäuschen, wodurch es nicht zum Eisprung kommt. Initiatorin dieser Idee war Margaret Sanger, eine amerikanische Vorreiterin im Kampf für Frauenrechte, die den englischen Ausdruck birth control (dt.: Verhütung, Geburtenkontrolle) prägte. Um die Forschung auf diesem Feld voranzutreiben, überzeugte Sanger 1951 den umstrittenen Endokrinologen Gregory Pincus davon, eine Verhütungspille für Frauen zu entwickeln. Er arbeitete mit dem Gynäkologen John Rock zusammen und eine groß angelegte klinische Studie im Jahr 1956 erbrachte den Beweis. Die Studie wurde in Puerto Rico durchgeführt, da es dort zu dieser Zeit keine Anti-Verhütungsgesetze gab. Im Jahr 1957 erteilte die FDA die Zulassung für die Pille – jedoch nur als Medikament für Menstruationsbeschwerden. Als daraufhin eine ungewöhnliche hohe Anzahl an Frauen bei ihren Ärzten über Menstruationsbeschwerden klagte, ließ die FDA die Pille 1960 auch als Verhütungsmittel zu. In Deutschland erfolgte die Zulassung kurze Zeit später. Auch wenn das Medikament damals kontrovers diskutiert wurde, ließen sich mehr als eine Million Amerikanerinnen die Pille innerhalb der ersten zwei Jahr verschreiben. Schon 1965 war sie das am weitesten verbreitete Verhütungsmittel der USA. Heutzutage hat das Medikament weniger Nebenwirkungen und verhindert Schwangerschaften mit einer Sicherheit von bis zu 99 Prozent.

Die Entwicklung der Pille gilt gemeinhin als Wendepunkt in der menschlichen Suche nach verlässlichen Verhütungsmethoden. Bei den beiden häufigsten Formen der Verhütung bis 1960 – dem Kondom und dem Coitus interruptus – lag die Verantwortung und Zuverlässigkeit allein in den Händen des Mannes. Die Pille ermöglichte Frauen nun mehr Selbstbestimmung über Schwangerschaftsverhütung und die Kontrolle über ihre eigene Fortpflanzung. Mit der zunehmenden Verbreitung der Pille sank die Zahl der ungewollten Schwangerschaften und der Säuglingssterblichkeit, und der von der Natur vorgegebene weibliche Lebenszyklus veränderte sich. Seit jeher wurden die fruchtbaren Jahre einer Frau oftmals von Schwangerschaften und Stillzeit bestimmt; nun wurden diese 35 Jahre nur von durchschnittlich einer oder zwei Schwangerschaften unterbrochen. Das hatte gewaltige Auswirkungen auf Millionen von Frauen. Doch obwohl die UN proklamiert, dass der Zugang zu Verhütungsmitteln zu den Grundrechten eines jeden Menschen gehört, gibt es jedes Jahr immer noch rund 80 Millionen ungewollte Schwangerschaften weltweit.

Insgesamt nutzen in Afrika weniger Frauen Verhütungsmittel als irgendwo sonst auf der Welt. Zum Teil ist das dem begrenzten Zugang zu Medikamenten, aber auch kulturellen und religiösen Umständen und der Ungleichbehandlung der Geschlechter zuzuschreiben. Vor kurzem stieg die Nachfrage nach injizierbaren Verhütungsmitteln, da diese leichter verfügbar und unauffälliger sind. Damit können auch jene Frauen, deren Partner, Familie oder Freunde Verhütung ablehnen, Kontrolle über ihre Fruchtbarkeit ausüben. Die Pille war ein großer Durchbruch, doch auch in Zukunft wird an der Verbesserung von Verhütungsmitteln gearbeitet werden, um sie optimal auf die Bedürfnisse der Frauen abzustimmen und sie leichter verfügbar, einfach anwendbar, sicherer, effektiver und langfristig wirksam zu machen. 

Momentan stehen wir an der Schwelle zu Mikrochip-Implantaten, die über viele Jahre hinweg schwangerschaftsverhindernde Hormone freisetzen und bei Bedarf ausgeschaltet werden können. Apps werden entwickelt, die die Fruchtbarkeitsindikatoren im weiblichen Körper überwachen, und die lang versprochene Pille für den Mann könnte endlich auf den Markt kommen – wenn auch eher als Spray oder Creme, um mit Hilfe von Proteinen die Spermienproduktion zurückzufahren. Die Wissenschaft ist in kurzer Zeit sehr weit gekommen und das 20. Jahrhundert kann mit Fug und Recht als Jahrhundert der Verhütung bezeichnet werden. Ironisch dabei ist jedoch, dass sich die Population der Menschheit in den 50 Jahren seit der Einführung der Pille mehr als verdoppelt hat. In Anbetracht einer Weltbevölkerung, die bald die 8-Milliarden-Grenze überschreiten wird, ist die Geschichte der Verhütung noch lange nicht zu Ende.

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Dieser Inhalt wurde von unserem Partner bereitgestellt. Er spiegelt nicht notwendigerweise die Meinung von National Geographic oder seinen Redaktionsmitarbeitern wider.

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