Wissenschaft

Laserscans offenbaren Kriegsruinen der Maya

Archäologen entdeckten alte Befestigungsanlagen, die ein „spürbares Gefühl der Angst“ vermitteln.Montag, 4. März 2019

Von Tom Clynes
Früher glaubte man, die Maya wären friedfertige Bauern und Priester gewesen. Aber die Mitglieder dieser alten Zivilisation führten erbitterte Kriege, die ihren Höhepunkt in blutigen Opfern fanden.

Laserscans einer abgeschiedenen Region im Norden Guatemalas brachten Archäologen auf die Spur sechs Meter hoher Mauern, Wachtürme und anderer Belege dafür, dass die alten Maya viele Jahre lang große Kriege führten. Die Funde räumen mit der etablierten Vorstellung einer Zivilisation auf, die den Dschungel zähmte, blühende Städte erbaute und dann schlussendlich unter dem dichten Blätterdach der Tropen schrumpfte und verschwand.

Zu den verblüffendsten Entdeckungen gehört eine riesige Festungsanlage, die La Cuernavilla getauft wurde. Sie wurde auf einem steilen Hang zwischen den Mayastädten El Zotz und Tikal erbaut. Die stark befestigte Stätte umfasst hohe Mauern, Gräben, Wachtürme und Lager mit runden Steinen, die wahrscheinlich als Munition für die Schleudern der Krieger dienten. Es ist die größte Verteidigungsanlage, die in der Region und „womöglich in ganz Amerika“ je gefunden wurde, sagt Stephen Houston, ein Archäologe der Brown University, der die Maya erforscht.

Die Zitadelle von Cuernavilla und andere neu entdeckte Bauten, die für den Krieg errichtet wurden, lassen vermuten, dass die damaligen Konflikte ein gewaltiges Ausmaß hatten und systematisch ausgetragen wurden. Vermutlich waren sie während eines Großteils des Bestehens der alten Zivilisation ein normaler Teil des Lebens.

„Das war überraschend“, sagt Houston, „da wir dazu neigten, die Kriegsführung der Maya als etwas zu romantisieren, das größtenteils ritualisiert und eher gegen Ende der Zivilisation stattfand. Aber die Befestigungsanlagen, die wir hier jetzt sehen, deuten darauf hin, dass es jahrhundertelang ein größeres Maß an Konflikten gab. Die Herrscher machten sich über Verteidigung so viele Sorgen, dass sie es für nötig erachteten, in all diese Wehranlagen auf Hügeln zu investieren. In dieser Landschaft gibt es ein spürbares Gefühl der Angst.“

Im Februar 2018 berichtete National Geographic über die PACUNAM LiDAR Initiative, in deren Zuge etwa 2.100 Quadratkilometer des Maya-Biosphärenreservats im Norden Guatemalas vermessen wurden. Mit Hilfe einer revolutionären Lasertechnologie entdeckten die Forscher die versteckten Ruinen einer präkolumbianischen Zivilisation, die deutlich komplexer und vernetzter war, als die meisten Maya-Experten vermutet hatten.

Die LiDAR-Scans ermöglichen es, den Waldboden und die antiken Ruinen durch das dichte Blätterdach des Dschungels zu sehen. So entdeckten Forscher, dass Maya-Städte wie Tikal deutlich größer waren, als vorherige Forschungen vor Ort erkennen ließen.

Mit den neuen Hightech-Schatzkarten aus den LiDAR-Scans bewaffnet, zog das Team in den Dschungel aus und untersuchte dort im vergangenen Jahr die vielversprechendsten Fundorte, von denen viele ohne LiDAR gar nicht erkenntlich gewesen wären.

„Man könnte direkt über eine große Ruine hinweglaufen und würde es nicht merken“, sagt Thomas Garrison, ein Archäologe des Ithaca College und Teil des PACUNAM-Projekts. „Aber das LiDAR erkennt die Muster und macht die Formen erstaunlich deutlich sichtbar.“

Die dreidimensionalen Karten, die auf diese Weise erstellt werden, offenbarten selbst in Tikal Überraschungen – der größten und am besten untersuchten archäologischen Fundstätte in Guatemala. Die alte Stadt war mindestens viermal so groß wie zuvor angenommen und teilweise von einem Graben und einem Schutzwall umgeben.

Darüber hinaus wurden in Tikal zwei Pyramiden entdeckt, die man vor der Auswertung der neuen Daten für natürliche Erhebungen gehalten hatte. Die größere der beiden war den Forschern zufolge vermutlich ein bedeutender Zeremonialbau, in dem sich das Grab eines einflussreichen Herrschers befinden könnte.

Anhand der neuen Karten konnten auch zwei zuvor unbekannte Siedlungen entlang einer alten, erhöhten Straße ausfindig gemacht werden. Der Transportweg führt von der Maya-Stätte La Corona aus nordwärts zur Hauptstadt des Königreichs der Schlange, Calakmul im heutigen Mexiko. Die Entdeckung deutet darauf hin, dass La Corona eine Schlüsselrolle dabei spielte, den Einflussbereich der Schlangenkönige in die Flachlandregion auszuweiten. So konnten sie letztlich das mächtige Tikal im Jahr 562 erobern.

Ein fast 1.500 Jahre alter und äußerst seltener Ritualaltar, der in La Corona entdeckt wurde, zeigt einen Herrscher, der vermutlich eine Schlüsselrolle für den Aufstieg der mächtige Maya-Dynastie der Schlangenkönige spielte.

„Dass wir die Hieroglyphen entziffern konnten, hat uns sehr dabei geholfen, mehr über die Protagonisten in diesem Game of Thrones-Drama zu lernen“, sagt Garrison. „Jetzt offenbart uns das LiDAR die Bühne, auf der sich dieses Drama abgespielt hat.“

Die Archäologen betonen, dass man mit LiDAR trotz seiner Nützlichkeit niemals unter die Erde blicken oder die genauen Daten militärischer Besatzungen herausfinden können wird. „Wir müssen uns immer noch unseren Weg durch den Dschungel graben und hacken, aber jetzt haben wir eine sehr genaue Karte, die uns führt“, erklärt Francisco Estrada-Belli, ein Archäologe der Tulane University und National Geographic Explorer. Dank Estrada-Bellis Ausgrabungen von königlichen Gräbern konnten Forscher Familienstammbäume und die zeitliche Abfolge von Ereignissen rekonstruieren.

Während der ersten Phase der LiDAR-Initiative wurde der bislang größte Datensatz erzeugt, der je für die archäologische Forschung erstellt wurde – doch die Projektbeteiligten und andere Forscher lauern bereits auf Nachschub.

Die zweite Phase der Datensammlung soll im Sommer starten, wie die PACUNAM-Direktorin Marianne Hernandez erzählt. Die Forscher hoffen, letztendlich das gesamte Maya-Biosphärenreservat kartieren zu können, das Teil eines präkolumbianischen Siedlungssystems war, welches sich in nördlicher Richtung bis zum Golf von Mexiko erstreckte.„Wenn wir noch mehr Lücken schließen, werden wir wahrscheinlich erkennen, dass die Zivilisation der Maya genauso robust war wie einige von denen, die heutzutage als die wichtigsten Zivilisationen der Antike gelten“, sagt Hernandez. „Aktuell arbeiten wir daran, noch mehr Mitarbeiter einzubinden und unsere Arbeit skalierbar zu machen, damit wie die Vorteile daraus vervielfachen können. Das ist nur ein Anfang, eine Tür, hinter der Jahrzehnte weiterer Forschung liegen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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