Vegetarier sind depressiver als Fleischesser: Eine Studie erklärt den Zusammenhang

Studien beweisen, dass Vegetarier häufiger unter psychischen Störungen leiden. Ein Psychologe erklärt, warum die Ergebnisse Raum für Interpretationen lassen.

Von Viktoria Schütze
Veröffentlicht am 1. Juli 2022, 14:27 MESZ
Vegetarier neigen eher zu Depressionen.

Vegetarier neigen eher zu Depressionen.

Foto von stock.adobe.com/sonyakamoz

In Deutschland leben aktuell 7,5 Millionen Menschen ganz oder überwiegend vegetarisch. Der bewusste Verzicht auf Fleisch und Fisch ist ein wachsender Trend: Ein Jahr zuvor waren es etwa eine Million Vegetarier weniger. Das geänderte Essverhalten verändert auch die Lebensmittelindustrie, so sank laut dem Statistischen Bundesamt 2021 die Fleischproduktion in Deutschland um 2,4 Prozent zum Vorjahr. Bereits seit 2017 verhält sich die Fleischproduktion hierzulande rückläufig.

Angesichts der wachsenden Anzahl an Vegetariern könnten die Ergebnisse der Studie „Vegetarian diet and mental disorders: results from a representative community survey“ von Johannes Michalak und seinem Forscherteam überraschender nicht sein. Der Psychologe und Universitätsprofessor fand in umfangreichen Untersuchungen heraus, dass eine vegetarische Lebensweise in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen stehen könnte.

Essen wirkt sich auf unsere Laune aus

Dass die Ernährung unseren Gemütszustand beeinflusst, ist keine neue Erkenntnis. Aus einer Studie von Lina Begdache von der Binghamton University geht hervor, dass die Ernährung unsere Gehirnfunktionen und somit auch die Stimmung beeinflussen kann. In einer zweiten Studie fand dasselbe Forscherteam heraus, dass Frauen von diesem Effekt stärker betroffen sind als Männer. Da die Ernährung immensen Einfluss auf unser Gemüt hat, erscheint es logisch, eine vegetarische Lebensweise in Bezug zur psychischen Gesundheit zu setzen. Und genau das hat Johannes Michalak in seiner Studie getan. Da er selbst Vegetarier ist, habe diese Fragestellung den Wissenschaftler aus Witten sofort gepackt. Impulsgebend waren zwei Umfragen des Robert-Koch-Instituts (RKI): Eine befasste sich mit der Ernährung der deutschen Bevölkerung, die andere untersuchte deren psychische Gesundheit. Die Daten wurden unabhängig voneinander erhoben. Als Michalak und sein Forscherteam sie aber in Zusammenhang bringt, ist er vom Ergebnis überrascht.

Vor allem bei Frauen wirkt sich die Ernährung auf die Stimmung aus.

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Vegetarier sind vermutlich depressiver

Um für seine Studie eine wissenschaftliche Basis zu schaffen, bediente sich Johannes Michalak der Daten des RKI. „Im Vergleich zu anderen Studien hatten wir so eine methodische hochwertige Stichprobe für unsere Untersuchung“, so Michalak. Für die Datenerhebung nutzte das RKI ein Interviewverfahren, das auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angewandt wird. Dabei handelt es sich um sogenannte Querschnittsdaten: Diese werden nur einmalig zu einem bestimmten Zeitpunkt erhoben. Von den insgesamt mehr als 4.000 befragten Personen ernährten sich nur ca. 250 überwiegend oder vollständig vegetarisch.

Die Gruppe der Vegetarier und die der Nicht-Vegetarier unterschieden sich nach der Auswertung von Michalak und seinem Forscherteam aber nicht nur in ihrer Ernährungsweise, sondern auch durch andere Faktoren, die das Risiko für eine psychische Störung begünstigen können. „Beispielsweise leben mehr Frauen vegetarisch, sie haben aber auch ein höheres Risiko, Depressionen zu entwickeln“, so Michalak. Um Verfälschungen auszuschließen, wählten Michalak und sein Team eine bezüglich soziodemographischer Merkmale (zum Beispiel Geschlechterverteilung) vergleichbare Personengruppe von Nicht-Vegetariern aus. Diese wurde mit den Vegetariern verglichen. Dabei berücksichtigte das Forscherteam depressive Störungen, Angststörungen und somatoforme Störungen. „Bei Letzterem stehen körperliche Symptome im Vordergrund“, erklärt der Psychologe. „Heute wird diese Krankheit in der Diagnostik nicht mehr aufgeführt, sondern fällt unter die psychosomatische Belastungsstörung.“

Aus der genauen Analyse geht hervor, dass Vegetarier tatsächlich häufiger an einer psychischen Erkrankung leiden als Nicht-Vegetarier. „Das war jetzt nicht mein Lieblingsergebnis“, gesteht Michalak, der selbst vegetarisch lebt. Er weist darauf hin, dass auch frühere Untersuchungen zu ähnlichen Ergebnissen gekommen seien. Die Studie „Vegetarian diet and mental health: Cross-sectional and longitudinal analyses in culturally diverse samples“ von Kristen Lavalle, bei der Johannes Michalak mitwirkte, erhob ihre Daten aus einer Reihe repräsentativer Stichproben in Russland, den USA, Deutschland und China. In allen Stichproben zeigten sich bei diesen aktuellen Daten allerdings keine Zusammenhänge mehr zwischen vegetarischer Ernährung und psychischer Gesundheit. Lediglich in der chinesischen Stichprobe zeigten sich Zusammenhänge.

Auch eine Publikation von Sebastian Ocklenburg und Jette Borawski von 2021 kam zu dem Ergebnis, dass Vegetarismus mit Depressionen in Verbindung steht. Gegenüber dem Informationsdienst Wissenschaft räumt Borawski aber ein: „Welchen Zusammenhang es dabei gibt, konnten wir auf Basis dieser Daten nicht bestimmen.“

Johannes Michalak ist Psychologe und Universitätsprofessor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke.

Foto von Johannes Michalak

Diese Faktoren begünstigen wirklich eine Depression

Auch Johannes Michalak weiß, wie schwierig die tatsächliche Verbindung zwischen Vegetarismus und psychischen Erkrankungen nachzuweisen ist. Denn die Ernährung ist nur ein Aspekt von vielen, der für die Entwicklung von psychischen Störungen verantwortlich sein kann. Der Psychologe erklärt, dass es dafür in erster Linie drei große Faktoren gibt: die Biologie, die Psychologie und das Sozialleben.

„Unter die biologischen Einflüsse fällt beispielsweise die Genetik“, erklärt Michalak. „Auch, ob es bei der eigenen Geburt zu Komplikationen kam, wie viel man sich bewegt und eben auch die Ernährung fallen unter die Biologie.“ Laut dem Universitätsprofessor spiele es bei den psychologischen Aspekten eine Rolle, wie ein Individuum mit Stress umgeht oder wie seine Beziehungen aussehen. Eine höhere Vulnerabilität gegenüber Stress vermindere die Chance, psychisch zu erkranken. Ebenso könne das Sozialleben beeinflussen, ob sich eine Depression, Angststörung oder eine andere Erkrankung dieser Art ausbildet. Wer Unterstützung bekommt, in seinem Job geschätzt wird und ausreichend Teilhabe an der Gesellschaft hat, werde weniger wahrscheinlich psychisch krank.

Das Zusammenspiel dieser drei Faktoren sei letztendlich verantwortlich für die psychische Gesundheit. Dennoch hat der Psychologe eine Erklärung dafür, warum Vegetarier laut seiner ersten Studie eher zu Depressionen neigen.

Was war zuerst da – die Depression oder der Vegetarismus?

Nach der Auswertung stellten Johannes Michalak und sein Forscherteam schließlich die wichtige Frage, was zuerst da war – die Depression oder der Vegetarismus? Diese Perspektive rückte die gesamte Studie in ein anderes Licht.

„Bei den meisten Befragten war es so, dass sie zuerst an einer physischen Erkrankung litten und dann mit der vegetarischen Ernährung begonnen haben“, so der Psychologe. Er folgert, dass man die vegetarische Ernährung nicht als die Ursache für eine Depression interpretieren kann.

Außerdem liefert das Forscherteam noch weitere Interpretationsmöglichkeiten ihrer Studienergebnisse. Bei einer vegetarischen Ernährung kann es sein, dass dem Körper nicht mehr alle Nährstoffe vollumfänglich zur Verfügung stehen. Beispielsweise kommen Omega-3-Fettsäuren oder das Vitamin B12 dabei häufig zu kurz, was sich auf die Stimmung niederschlagen könnte. Eine weitere Möglichkeit ist, dass Menschen, die ohnehin eher perfektionistisch und neurotisch veranlagt sind, eher eine vegetarische Lebensweise wählen. Diese Eigenschaften begünstigen aber ebenfalls eine psychische Erkrankung. Vegetarismus könnte aber auch die Folge einer psychischen Erkrankung sein: Die Angst vor Medikamenten in Lebensmitteln kann zum bewussten Verzicht von Fleisch führen. Auch, dass Vegetarier noch immer einem gewissen Erklärungsdruck gegenüber Nicht-Vegetariern ausgesetzt sind, kann psychisch belasten.

Trotz der Ergebnisse seiner eigenen Studie hält Michalak eine vegetarische Ernährung für Menschen mit einer psychischen Störung (oder einer Disposition zu einer solchen) für unbedenklich. „Ich möchte keine generelle Empfehlung aussprechen. Für den einen Körper ist viel Obst sehr gut, für den anderen nicht. Man könnte aber einfach mal ausprobieren, wie es dem eigenen Körper mit der vegetarischen Ernährung geht.“

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