Müssen wir täglich weniger trinken als gedacht?

Eine neue Studie zeigt: Die bekannte Trink-Empfehlung von zwei Litern am Tag ist zu hoch gegriffen. Denn beim Wasserbedarf spielen individuelle Faktoren eine Rolle – beispielsweise, wie viel Wasser bereits im Essen steckt.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 2. Dez. 2022, 09:17 MEZ
Menschen trinken Wasser aus einem Brunnen.

Der Tipp, man solle etwa zwei Liter Wasser am Tag trinken, hat sich in den letzten Jahren nahezu überall herumgesprochen. Doch was ist dran an der Empfehlung?

Foto von Artem Beliaikin / Unsplash

Acht Gläser oder zwei Liter am Tag – so viel Wasser soll ein Mensch laut der gängigen Trink-Empfehlung zu sich nehmen. Das ist mehr als die meisten von uns schaffen. Deshalb gibt es mittlerweile sogar Apps, die Menschen an das Wassertrinken erinnern oder spielerisch zu einem höheren Wasserkonsum verhelfen sollen.

Doch eine neue Studie eines internationalen Teams könnte unseren Blick auf das tägliche Wassertrinken nun grundlegend verändern. Darin widerlegen die Forschenden den Mythos der allseits bekannten Trink-Empfehlung. Einen wissenschaftlichen Ursprung hat die Mengenangabe laut ihnen nämlich nicht. „Die Forschung hat die alten acht Gläser nie als angemessene Richtlinie unterstützt“, sagt Dale Schoeller, Ernährungswissenschaftler an der University of Wisconsin-Madison, der an der Studie mitgearbeitet hat. Woher die Rechnung – achtmal 250 Milliliter am Tag – komme, sei unklar.

Laut Schoeller und seinen Kolleginnen und Kollegen ist die pauschale Trink-Empfehlung schon deshalb hinfällig, weil sie die verschiedenen Lebensumstände der Menschen völlig außer Acht lässt. Diese haben sie in ihrer Studie nun berücksichtigt und die Ergebnisse im Fachmagazin Science veröffentlicht.

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Wie viel Wasser (ver-)braucht ein Mensch?

Die Idee, dass zwei Liter Wasser am Tag ein allgemeiner Richtwert sind, stützt sich hauptsächlich auf den sogenannten Wasserumsatz des Menschen. Gemeint ist damit die Menge Wasser, die vom Körper täglich aufgenommen, verbraucht und abgesondert wird – quasi die gesamte Bewegung des Wassers durch den Körper. Diesen hat das Team für seine Studie erstmals großflächig an 5.604 Probandinnen und Probanden untersucht.

Dabei reichte das Alter der Teilnehmenden, die insgesamt aus 26 verschiedenen Ländern stammten, von acht bis 96 Jahren. Mithilfe von behandeltem Wasser verfolgten sie den Weg des Wassers durch den Körper und konnten so den Wasserumsatz der Teilnehmenden beispiellos genau nachvollziehen. Wichtige Faktoren wie Alter, Geschlecht und Wohnort konnten sie aufgrund der vielen unterschiedlichen Teilnehmenden ebenfalls mit einbeziehen.

Ihre Ergebnisse zeigen: Die Wasserumsätze der Teilnehmenden schwankten zwischen einem und sechs Litern. Weit entfernt von einem allgemeingültigen Richtwert.

Individuelle Umstände 

Laut Schoeller ist aber nicht nur der Durchschnittswert, der in Trink-Empfehlungen oft genutzt wird, ein Problem. Laut ihm ist es ebenso falsch, den durchschnittlichen Wasserumsatz mit dem benötigten Trinkwasser gleichzusetzen. Vergessen würden dabei nämlich gleich mehrere Faktoren. So würde ein Teil des umgesetzen Wassers beispielsweise bereits während des Stoffwechsels im Körper gebildet. Und auch der tägliche Wasserverlust in Form von Form von Urin, Schweiß oder Wasserdampf im Atem kann sich stark unterscheiden.

Zum Beispiel setzt ein Mensch, der in einem tropischen Klima wohnt, deutlich mehr Wasser um als eine Person, die in einer gemäßigten Zone lebt. Und ein Mensch, der körperlich hart arbeitet oder viel Sport treibt, hat einen höheren Wasserumsatz als jemand, der sich wenig bewegt.

Doch auch die Aufnahme von Wasser geschieht individuell. Beispielsweise nehmen die meisten Menschen einen nicht unbeachtlichen Teil des pro Tag benötigten Wassers bereits mit der Nahrung auf. Bis zu 50 Prozent des Wasserumsatzes können bestimmte Ernährungsweisen laut Studie möglicherweise decken. Die benötigte Trinkmenge ist dementsprechend einerseits nicht mit dem Wasserumsatz eines Menschen gleichzusetzen und hängt andererseits auch von den Ernährungsgewohnheiten des Einzelnen ab.

Je nach Lebensstil, Geschlecht und Ernährungsweise kann die Trink-Empfehlung deshalb sogar weit unter zwei Litern liegen. Wenig aktive Frauen zwischen 20 und 30 Jahren beispielsweise benötigen nur circa 1,3 Liter Trinkwasser am Tag – sehr aktive, große Menschen hingegen sind mit zwei Litern gut bedient. Generell muss man sich laut Studie wohl weniger Sorgen um die Trinkwassermenge machen als bisher suggeriert wurde. Eine neue pauschale Empfehlung will das Studienteam auch deshalb nicht herausgeben.

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