Rhythmus im Blut – wie Gene uns (un)musikalisch machen

Forschende des Max-Planck-Instituts haben die Gene erforscht, die unserem Taktgefühl zugrunde liegen. Ihre Studie zeigt, warum manche Menschen musikalischer sind als andere.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 18. Nov. 2022, 08:45 MEZ
Trommelnde Menschen.

Ob Menschen rhythmisch klatschen oder trommeln können, hat auch etwas mit ihren Genen zu tun. Doch beeinflussen diese Gene auch noch weitere musikalische Fähigkeiten?

Foto von lightpoet / Adobe Stock

Bei Konzerten im Takt mitklatschen oder den Körper rhythmisch zur Musik bewegen: Nicht jeder Person fällt das leicht. Doch obwohl fehlendes Taktgefühl oft für Spott sorgt, kann die einzelne Person oft gar nichts dafür. Zwillingsstudien zeigen, dass nicht nur das Interesse an Musik – sowohl am Hören als auch am Musizieren – genetisch beeinflusst wird, sondern auch die Fähigkeiten, die dazu benötigt werden. Kurz: Rhythmus hat man nicht nur im Blut, sondern auch in den Genen.

Doch wie sehr beeinflusst die genetische Veranlagung für das Taktgefühl andere musikalische Fähigkeiten? Dieser Frage ist ein internationales Forschungsteam, darunter Forschende des Max-Planck-Instituts für empirische Ästhetik (MPIEA), in einer neuen Studie nachgegangen. Für diese verglichen die Forschenden die genetischen Daten von 2.824 Zwillingspaaren – also 5.648 Einzelpersonen – mit ihren musikalischen Fähigkeiten und ihrem musikalischen Interesse. Die Ergebnisse veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift Nature.

Wird Musikalität angeboren?

Basis der Studie war zunächst ein Fragebogen, in dem die 5.648 schwedischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer musikbezogene Aufgaben lösen und Fragen zu ihrem eigenen musikalischen Werdegang beantworten sollten. Darunter Angaben zur Zahl der Stunden, die sie wöchentlich mit dem Musikhören verbringen, ob und seit wann sie ein Instrument spielen und wie lange sie täglich musizieren. Zusätzlich wurde die musikalische Begabung auf Grundlage eines standardisierten Tests ermittelt. Dieser misst beispielsweise die Fähigkeit, Tonhöhen, Melodien und Rhythmen zu unterscheiden.

Die Ergebnisse der Auswertung der Fragebögen wurden dann mit einem sogenannten Polygenetic Score für Rhythmusgefühl – PGSrhythm – abgeglichen. Der Score ist eine Art Indikator für die genetische Veranlagung für das Rhythmusgefühl. Die Auswertung zeigte: Der PGSrhythm war in der Lage, die allgemeine Musikalität der teilnehmenden Personen vorherzusagen. Das bedeutet: Menschen mit einer angeborenen Veranlagung für Taktgefühl entwickeln oft weitere musikalische Fähigkeiten – eher als Menschen ohne diese Veranlagung. „Genetische Varianten, die dem Rhythmusgefühl zugrunde liegen, stehen auch im Zusammenhang mit anderen Aspekten von Musikalität“, sagt Laura Wesseldijk, Erstautorin der Studie und Verhaltensgenetikerin am MPIEA. 

Musik im Alltag – eine Frage der Gene?

Wesseldijk zufolge kann der PGSrhythm auf Basis der genetischen Varianten im Genom einer Person jedoch noch mehr vorhersagen als die Fähigkeit zum Unterscheiden von Tonhöhe oder Rhythmus. Auch die Zeit, die Menschen mit dem Üben oder Hören von Musik allgemein verbringen, oder wie sehr sie Musik genießen können, kann der Score prognostizieren. Basierend auf der Zwillingsforschung kann man laut den Experten außerdem sagen, dass der PGSrhythm musikalische Fähigkeiten höchstwahrscheinlich direkt vorhersagt und nicht von indirekten Faktoren wie dem familiären Umfeld beeinflusst wird.

In Zukunft sollen die Ergebnisse der Studie dabei helfen, die genetischen Ursprünge von Musikalität noch weiter zu erforschen. „Welche Gene im Einzelnen für die musikalischen Fähigkeiten relevant sind, ist noch nicht genau bekannt“, heißt es in der Studie. Der PGSrhythm sei aber ein vielversprechendes Werkzeug, um die genetischen Grundlagen individueller Musikalität konkreter zu erfassen.

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