Heller als die meisten Sterne: Astronomen warnen vor Satelliten am Nachthimmel

BlueWalker 3, der größte kommerzielle Satellit, leuchtet heller als die meisten Sterne – und stört mit seinen Funkwellen astronomische Instrumente. Die Wissenschaft äußert sich besorgt über potenzielle Gefahren.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 8. Dez. 2022, 08:46 MEZ
Nachthimmel mit der Spur des Satelliten BlueWalker 3.

Das Kitt Peak National Observatory in Arizona bei Nacht. Am Himmel wird die helle Spur sichtbar, die der Satellit BlueWalker 3 hinterlässt. 

Foto von KPNO/NOIRLab/IAU/SKAO/NSF/AURA/R. Sparks

Die zunehmend erhellten Nächte trüben die Sicht ins ursprünglich so dunkle nächtliche Firmament – sowohl für Hobby-Sternengucker, als auch für die Wissenschaft. Doch Lichtverschmutzung ist ein Thema, das nicht nur die irdische Umwelt massiv beeinflusst. Auch in der Umlaufbahn der Erde tummeln sich immer mehr hell erleuchtete Objekte. 

Eines davon ist der vor rund drei Monaten gestartete Satellit BlueWalker 3. Nach seiner kompletten Entfaltung überstrahlt er die meisten Sterne und Planeten. Stimmen aus der Astronomie äußern sich kritisch und blicken besorgt in den Nachthimmel. Denn neben dem neuen Riesen stören auch hunderte andere Satelliten die wissenschaftliche Arbeit mit den Teleskopen.

BlueWalker3: Extravaganter Prototyp

Hinter dem umstrittenen und Rekorde brechenden Satelliten BlueWalker 3 steht das US-amerikanische Unternehmen AST SpaceMobile. Mit einer Oberfläche von 64 Quadratmetern gilt er als größter kommerzieller Satellit des Orbits. Ziel des gigantischen Antennensystems ist es, herkömmliche Mobiltelefone mit Telefonie und Internet in 5G-Qualität zu versorgen – selbst in den entlegensten Gebieten. Das sorgt auf einer Seite für Begeisterung und auf der anderen für Kritik. 

„Jeder Mensch sollte das Recht auf Zugang zu Mobilfunk-Breitband haben, unabhängig davon, wo er lebt oder arbeitet“, sagt Abel Avellan, CEO von AST SpaceMobile. Das Unternehmen will die Lücken der Konnektivität schließen – ein großer Vorteil für Millionen von Menschen auf der ganzen Welt. 

BlueWalker 3 ist allerdings nur Prototyp dieses großen Projekts. Das Unternehmen will noch eine ganze Gruppe weiterer Satelliten in den Orbit schicken.

Sind die dunklen Nächte nun passé?

Für die Wissenschaft scheinen derartige Innovationen Fluch und Segen zugleich zu sein. Vor allem Stimmen aus der Astronomie bringen Kritikpunkte an. So zeigte sich die Internationale Astronomische Union (IAU) beispielsweise bereits nach dem Start des Starlink Satellitennetzes des Unternehmens SpaceX besorgt. 

Derart große Satellitensysteme würden gleich zu mehreren Problemen führen. Zunächst wird die Sicht in den dunklen, klaren Nachthimmel gestört: Lediglich 15 Sterne, der Mond und etwa fünf Planeten erstrahlen derzeit noch heller als BlueWalker 3. Mit einer Helligkeit von +1 ist er in etwa so sichtbar wie Antares oder Aldebaran – die auffälligsten Himmelskörper der Sternbilder Skorpion und Stier.

Das Unternehmen SpaceX reagierte bereits auf die Lichtverschmutzung durch seine Satelliten: Um das Problem zu lösen, wurden die Starlinks erfolgreich um die Hälfte abgedunkelt. Auch das von der IAU im Februar dieses Jahres neu gegründete Zentrum für den Schutz des Nachthimmels vor Störungen durch Satellitenkonstellationen (CPS) soll künftig an derartigen Lösungen arbeiten. So können Unternehmen in Zusammenarbeit mit den Forschenden dafür sorgen, dass ihre zukünftigen Satelliten weniger sichtbar und störend ihre Kreise am Nachthimmel ziehen. 

„Mobilfunktürme im Weltraum“ gefährden Astronomie

Doch nicht nur die massive Reflexion der Satellitenoberflächen macht den Astronomen zu schaffen. Auch die starken Frequenzen, mit denen die Funkwellen übertragen werden, stellen ein Problem dar. Die Sender unterlägen nicht den Beschränkungen der Funkruhezonen am Boden, so die IAU in ihrer Stellungnahme. Deshalb hätten derartige Funkwellen das Potenzial die Radioastronomieforschung und Weltraumphysikexperimente stark zu beeinflussen. 

Auch Studien der Geodäsie – wie die Wissenschaft der Ausmessung und Abbildung der Erdoberfläche genannt wird – wären davon betroffen. Stören könnte dies beispielsweise die Suche nach potenziell gefährlichen Asteroiden. 

Zwar gibt es mittlerweile spezielle Software, die Behinderungen durch Satelliten zeitlich und örtlich lokalisiert. Dennoch fehlt es an politischen Richtlinien, welche die Astronomie unterstützen. Eine Durchsetzung entsprechender Gesetze erscheint schwierig – in einer Zeit, in der das Internetgeschäft weiterhin boomt und das Wettrennen im All gerade erst begonnen hat.

„Der Nachthimmel ist ein einzigartiges Labor, das es Wissenschaftlern ermöglicht, Experimente durchzuführen, die in terrestrischen Labors nicht durchgeführt werden können“, erklärt das CPS. Er sei ein wichtiger Teil des gemeinsamen kulturellen Erbes der Menschheit – und sollte auch in Zukunft geschützt werden. 

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