Ursache für Endometriose: Lösen Bakterien die Krankheit aus?

Fusobakterien könnten laut einer neuen Studie aus Japan für die chronische Erkrankung verantwortlich sein, an der jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter leidet. Sind Antibiotika in Zukunft der Schlüssel zur Behandlung?

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 22. Juni 2023, 10:07 MESZ
Eine Frau liegt auf einem Sofa und hält sich den Unterleib.

Wer an Endometriose leidet, erlebt jeden Monat unvorstellbare Schmerzen. Ist nun endlich an eine neue Behandlungsmethode in Sicht?

Foto von Drazen / Adobe Stock

Starke, krampfartige Schmerzen, Übelkeit und Erschöpfung – für bis zu 15 Prozent der gebärfähigen Frauen und Mädchen gehören diese Symptome einmal im Monat zum Alltag. Sie sind betroffen von Endometriose, einer der häufigsten gynäkologischen Erkrankungen. 

In der Forschung fand die chronische Krankheit, die die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränkt, lange Zeit kaum Betrachtung. 2022 sprach sich Gesundheitsminister Karl Lauterbach für die Förderung eines Forschungsprogramms aus, das die Endometriose genauer unter die Lupe nehmen soll. Denn ihre genauen Ursachen sind noch unklar – und die Behandlungsmöglichkeiten dadurch bisher begrenzt. 

Doch das könnte sich bald ändern. Ein Forschungsteam der Universität Nagoya in Japan hat nun einen potenziellen Auslöser der Endometriose ausfindig gemacht: sogenannte Fusobakterien. Sollten sie für die Endometrioseherde im Körper verantwortlich sein, könnte die Krankheit in Zukunft möglicherweise mit Antibiotika behandelt werden – ein großer Schritt für die Medizin. Die Studie der Forschenden erschien in der Zeitschrift Science Translational Medicine.

“Obwohl Endometriose eine häufige Erkrankung ist, von der bis zu 15 % der Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter betroffen sind, sind die der Krankheit zugrunde liegenden Mechanismen noch nicht vollständig geklärt.”

von Melissa Norton
Senior Editor Science

Fusobakterien könnten Endometriose auslösen 

Bei der Endometriose wächst Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, an anderen Organen, zum Beispiel an den Eierstöcken, dem Darm oder der Lunge. Während der Menstruation wird auch dieses Gewebe – genau wie in der Gebärmutter – abgebaut. Es kann den Körper allerdings nicht verlassen und lagert sich aus diesem Grund in der Bauchhöhle in sogenannten Endometrioseherden an. Wenn diese Herde sich zu Endometriosezysten entwickeln, entstehen chronische Entzündungen, Vernarbungen und Gewebeverwachsungen, welche wiederum starke Schmerzen auslösen können. 

Wie die Gewebewucherungen an den Organen zustandekommen, untersuchte nun das Forschungsteam um Erstautorin Ayako Muraoka, Medizinerin an der Universität Nagoya, im Rahmen ihrer neuen Studie. Dabei fokussierten sich die Forschenden auf das Vorkommen von Fusobakterien im Körper von 155 Frauen, von denen die Hälfte an Endometriose erkrankt ist. Die Bakterien kommen normalerweise in der Mundhöhle und im Darm vor und sind dort häufig für Entzündungsreaktionen verantwortlich. 

Das Ergebnis der Untersuchung überraschte das Team: Bei 64 Prozent der Endometriose-Patientinnen konnten die Forschenden tatsächlich Fusobakterien im Uterus nachweisen – bei den gesunden Frauen kamen die Bakterien lediglich bei jeder Zehnten in der Gebärmutter vor. 

Lässt sich Endometriose mit Antibiotika behandeln?

Um sicherzugehen, dass die Fusobakterien die Ursache für das Entstehen der Endometrioseherde darstellen, untersuchten die Forschende Mäuse, an denen sie die Gewebeveränderungen der Endometriose in Anwesenheit und in Abwesenheit der Bakterien beobachten konnten. 

Es zeigte sich, dass sich die Gewebewucherungen der Endometriose bei den Nagern in Anwesenheit der Fusobakterien verschlimmerten – und Antibiotika zu einer Verbesserung führten. In den meisten Fällen konnte mithilfe der Medikamente die Anzahl und der Schweregrad der Endometrioseherde reduziert werden, in manchen Fällen konnte der Ausbruch der Krankheit sogar komplett verhindert werden. 

Ein bahnbrechender Erfolg für die Bekämpfung der Endometriose: In Zukunft könnten Antibiotika eine neue Behandlungsoption für Betroffene darstellen – und damit möglicherweise die operativen Eingriffe und starken Hormonpräparate ersetzen, die bislang genutzt werden, um die Erkrankung in Schach zu halten. 

Da Mäuse allerdings im Gegensatz zu Menschen keinen regelmäßigen Zyklus besitzen, seien die Ergebnisse nicht direkt auf den Menschen übertragbar, so die Forschenden. Klinische Studien mit Betroffenen sollen in Zukunft zeigen, ob Antibiotika auch beim Menschen gegen Endometriose helfen können. 

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