Blut und Scham: Wie die Menstruation zum Tabuthema wurde

Schon in der Antike wurde die Monatsblutung als etwas Negatives wahrgenommen – ein Stigma, das bis heute Bestand hat. Warum wurde ein natürlicher Prozess im Körper zu einem solchen Tabu und wie lässt es sich auflösen?

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 3. März 2023, 08:51 MEZ
Eine weiße Unterhose mit Blutfleck.

Durch jahrtausendelange Tabuisierung wurde die Menstruation in der Gesellschaft nahezu unsichtbar gemacht. Heute ist sie sichtbarer denn je – doch das Stigma bleibt.

Foto von KYNA STUDIO / Adobe Stock

60 Milliliter oder anderthalb Schnapsgläser – so viel Blut verlieren durchschnittlich derzeit rund zwei Milliarden Menschen auf der Welt an den Tagen ihrer Menstruation. Einige Frauen zelebrieren diese Zeit des Monats mit Ritualen, andere Personen kämpfen mit starken Schmerzen, PMS oder Krankheiten wie Endometriose. Manche erinnert die monatliche Blutung an einen Körper, in dem sie nicht sein wollen, und wieder andere würden sie am liebsten einfach ignorieren. 

Doch egal, wie der persönliche Umgang mit der eigenen Monatsblutung aussieht, eines haben alle menstruierenden Personen gemeinsam: Sie sind von einer seit Jahrtausenden bestehenden Stigmatisierung betroffen. Die Menstruation wird auch heute noch wie ein Fehler behandelt und löst negative Gefühle wie Scham oder Ekel und Assoziationen wie Unreinheit aus. So wird die Menstruation und alles, was mit ihr einhergeht, zum gesellschaftlichen Tabu – und damit unsichtbar gemacht. Das hat verheerende Folgen für Menstruierende weltweit. 

Wie ist die Menstruation aber zum Tabuthema geworden? Und warum wird sie nicht als das betrachtet, was sie ist: ein natürlicher und überlebenswichtiger Vorgang, ohne den wir uns nicht fortpflanzen könnten?

Der Mythos des „mangelhaften“ Körpers 

Mythen und Bewertungen der Menstruation existieren nicht erst seit gestern. „Unsere Sicht auf Menstruation wie sie heute ist, ist ein Produkt der Wissensproduktion, also der Geschichtsschreibung über Menstruation“, erklärt die Autorin und Journalistin Franka Frei. 2018 ging sie mit ihrer Bachelorarbeit zur Enttabuisierung der Menstruation viral und rückte das Thema daraufhin mit ihrem Buch Periode ist politisch. Ein Manifest gegen das Menstruationstabu in den Fokus der Medien. Wie wir die Menstruation heute sehen würden – nämlich am liebsten gar nicht –, werde durch den Umgang mit dem Thema in der Vergangenheit bestimmt, erklärt sie.

Einfluss auf die Tabuisierung der Periode hatten im Laufe der Geschichte vor allem religiöse Prägungen, das Patriarchat und (pseudo-)wissenschaftliche Theorien. Schon in der Antike wurde der weibliche Körper als „mangelhaft“ angesehen. Er galt als feuchter, weniger dicht und schwächer als der männliche. Die Theorie: Frauen mussten menstruieren, um sich ihrer überschüssigen Körperflüssigkeiten zu entledigen. Diese patriarchale Falschannahme machte die Menstruation zum Produkt eines „fehlerhaften“ Körpers – und damit selbst zum Fehler. 

Im Hinduismus ist das Verhältnis zur Menstruation anders als im Christentum: Die menstruierende Göttin Kamakhya wird in Indien verehrt. 

Foto von Subhashish Panigrahi / Wikimedia Commons

Die patriarchalen Weltreligionen und der Unreinheitsgedanke

Mit dem Christentum etablierte sich wenig später der Gedanke der Unreinheit. Im Alten Testament heißt es im Buch Levitikus: „Hat eine Frau Blutfluss und ist solches Blut an ihrem Körper, soll sie sieben Tage lang in der Unreinheit ihrer Regel verbleiben. Wer sie berührt, ist unrein bis zum Abend.“ Im Buch Levitikus werden alle Flüssigkeiten, die aus dem Inneren des Körpers heraustreten, als unrein betrachtet – egal, ob sie durch Krankheiten hervorgerufen wurden oder ‚normaler‘ physischer Natur sind, erklärt die Deutsche Bibelgesellschaft. So wurde der natürliche Vorgang der Menstruation plötzlich zu etwas Unreinem, das gemieden oder bereinigt werden sollte. Eine überholte Behauptung, die sich allerdings hartnäckig bis heute hält. 

Gerade in den patriarchalen Weltreligionen wurde der Unreinheitsgedanke als Legitimation benutzt, um Frauen systematisch zu unterdrücken und auszuschließen, besonders während ihrer Periode. Dass es auch anders laufen kann, zeigen Religionen, in denen es auch weibliche Göttinnen gibt. Im hinduistischen Kamakhya-Tempel in Indien findet beispielsweise jährlich eine viertägige Verehrungszeremonie für eine menstruierende Göttin statt. „Menstruation könnte also eigentlich auch ganz anders gesehen werden. Wir haben nur gelernt, sie auf eine bestimmte Art und Weise zu sehen: als etwas, das störend ist“, erklärt Franka Frei.

Im Kamakhya-Tempel in Assam, Indien, wird während der „Ambubachi Mela“ der Menstruationszyklus der Göttin Kamakhya gefeiert.

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Die Menstruation in der Wissenschaft 

Auf unsere heutige Sichtweise hatte auch die (pseudo-)wissenschaftliche Betrachtung der Menstruation einen großen Einfluss. Bis in die 1980er Jahre gab es kaum gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse darüber, was im Körper während der Periode passiert. Das ließ in den Jahrhunderten zuvor Raum für Spekulationen und falsche Theorien.

So wurde das Menstruationsblut vom 1. Jahrhundert n. Chr. bis Mitte des 20. Jahrhunderts als giftiger Stoff gesehen, erklärt die Kulturwissenschaftlerin Lotte Vera Bauer in Zwischen Normalität, Scham und Tabu. Qualitative Interviews zur Bedeutung von Menstruation im Alltag. Diese falsche Annahme löste eine starke Abwehrhaltung gegenüber der Menstruation aus, die bis heute anhält.  

Auch in der Psychologie wurde die Menstruation lange Zeit fälschlicherweise mit negativen Persönlichkeitseigenschaften und psychischen Störungsbildern in Verbindung gebracht, schreibt Bauer. Das Ergebnis: Frauen werden bis heute mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen. Oft werden sie dafür sogar diskriminiert – und das hauptsächlich von Männern. Laut einem Bericht der Hilfsorganisation Plan International aus dem Jahr 2022 haben 79 Prozent der männlichen Befragten schon einmal einen ‚blöden‘ Spruch über die Menstruation gemacht oder bei einem Freund mitbekommen.

„Das hat wohl etwas damit zu tun, dass Wissenschaften aus einer bestimmten Perspektive und damit sehr einseitig gemacht werden“, sagt Franka Frei. Da hauptsächlich Männer den wissenschaftlichen Diskurs dominiert hätten, sei unbewusst ein einseitiges und sehr negatives Bild der Menstruation reproduziert worden. 

In unserer Sozialisierung festigen sich schließlich all die Annahmen über die Menstruation, die seit Generationen weitergegeben werden. Sie setzen sich zu dem stigmatisierten Bild zusammen, das wir heute von ihr haben. „Dieses Bild ist nicht natürlich entstanden. Es wurde uns beigebracht“, erklärt Frei. 

Transformation eines Tabus

Die negative Bewertung der Menstruation über Jahrhunderte sorgt dafür, dass das Thema auch heute noch lange nicht enttabuisiert ist. Die Indologin Angelika Malinar spricht in einem Interview von einer „Transformation der Tabuisierung“: Auf der einen Seite gebe es eine neue Sichtbarkeit der Menstruation in der Gesellschaft, auf der anderen Seite werde sie im Alltag immer noch verheimlicht. Dadurch werden Ängste, Unsicherheiten und Schamgefühle bei Menstruierenden weiterhin gestärkt. 

Dazu trägt auch die Werbung für Menstruationsprodukte bei: „Hersteller arbeiten deutlich und ganz offensichtlich mit dem vorherrschenden Tabu, indem sie Menstruationsprodukte als etwas verkaufen, das dabei helfen soll, die Periode möglichst unsichtbar zu halten“, sagt Franka Frei. Auch der Unreinheitsgedanke werde bewusst gefördert, indem die Produkte versprechen, dass die menstruierende Person sauber, frisch und rein bleibe. „Es ist ein Problem, dass wir dadurch lernen, die Menstruation und unseren eigenen Körper zu verachten, als Fehler wahrzunehmen und auch die Menstruation zu ignorieren. Sie wird als eine Zeit wahrgenommen, die einfach nur mit Produkten schnell zu Ende gebracht werden muss, ohne dass jemand etwas davon merkt“, so Frei.

“Langsam fließendes Blut ist mit Ekel konnotiert, weil es einen Blick in den sonst geschlossenen Körper ermöglicht.”

von Angelika Malinar
Indologin, Universität Zürich

Unsichtbar und ‚wegperformt‘: Die Folgen der Tabuisierung 

Das Unsichtbarmachen der Menstruation hat gravierende Folgen. Starke Schamgefühle sind die häufigste Reaktion von Menstruierenden, wenn ihre Periode versehentlich sichtbar wird. Laut Plan International empfinden es 97 Prozent der Befragten als unangenehm oder sehr unangenehm, wenn sie sichtbar „durchbluten“. 

Neben Scham ist auch Ekel gegenüber dem Menstruationsblut weit verbreitet. Angelika Malinar erklärt: „Langsam fließendes Blut ist mit Ekel konnotiert, weil es einen Blick in den sonst geschlossenen Körper ermöglicht.“ Noch dazu hätten Menstruierende keine Kontrolle über den Vorgang. Das passe in unserer Zeit nicht zum Bild des funktionierenden und immer leistungsfähigen Menschen. Um in der kapitalistischen und patriarchalischen Gesellschaft mithalten zu können, werde die Menstruation deswegen trotz Beschwerden ‚wegperformt‘. 

„Wir lernen, die Menstruation als etwas zu sehen, das man verstecken muss“, sagt Franka Frei. Das führt zu Unaufgeklärtheit und Unwissenheit: Laut Plan International weiß beispielsweise nur knapp ein Viertel der befragten Männer genau über die Menstruation Bescheid. 

Das negative Bild, das viele Frauen von ihrem Körper und ihrer Periode haben, kann psychische Probleme verursachen. Und die Folgen der Tabuisierung sind auch in der Wissenschaft zu spüren: Da die Menstruation erst in den letzten Jahrzehnten häufiger im Fokus der Forschung steht, sind Krankheiten wie Endometriose bislang wenig erforscht. Dadurch werden die Krankheiten und ihre Betroffenen gesellschaftlich nicht ausreichend anerkannt. 

Eine weitere ernstzunehmende Folge der Tabuisierung ist die unzureichende Versorgung mit Menstruationsprodukten. Gerade in Ländern, in denen Tampons, Binden oder Menstruationstassen nicht einfach zugänglich sind, sorgt das Einsetzen der Periode für Schulabbrüche bei Mädchen. „Aus Mangel an Hygieneprodukten und Angst vor Demütigungen geht jedes vierte heranwachsende Mädchen in Uganda während seiner Periode nicht zur Schule“, heißt es in dem Bericht von Plan International. 

Die repräsentative Umfrage von Plan International zeigt, dass Deutschland noch lange nicht "periodenfreundlich" ist. Menstruationsprodukte sind vielen zu teuer. 

Foto von Plan International

Die Versorgung mit Periodenprodukten ist auch hierzulande Thema. So hat laut Plan International knapp jede vierte Menstruierende in Deutschland Probleme damit, die Produkte zu finanzieren. Viele tragen ein Menstruationsprodukt deshalb zu lange, was zu Infektionen und sogar zu medizinischen Notfällen wie dem Toxischen Schocksyndrom führen kann. Durch einen offeneren Umgang mit der Menstruation und das Bereitstellen von Hygieneprodukten könnte dem vorgebeugt werden.

Das Tabu brechen: Die Zukunft der Menstruation  

Sicher ist: So wie ein Tabu nicht von heute auf morgen entsteht, kann es auch nicht sofort wieder abgebaut werden. „Das sitzt ganz tief in unserer Hirnrinde, in unserer Sozialisierung“, sagt Franka Frei. Es hilft, sich dieser Tatsache bewusst zu werden, und die Gefühle, Bewertungen und Verhaltensweisen, die daraus entstehen, stetig zu reflektieren. „Das Gute ist, dass wir alles, was wir erlernt haben, auch verlernen können“, so Frei.

“Ein Tabu ist nur ein Tabu, weil es so selten zu sehen und zu hören ist. ”

von Franka Frei
Journalistin und Autorin

Eine langfristige Enttabuisierung funktioniere allerdings „über Jahre und Jahrzehnte“. Das Wichtigste dabei sei, über die Menstruation zu sprechen. Denn: „Ein Tabu ist nur ein Tabu, weil es so selten zu sehen oder zu hören ist“, sagt Frei. Ein möglicher Schritt sei eine allumfassende Aufklärung und Sexualbildung in der Schule, damit Sexualität und Menstruation nicht mehr als etwas Seltsames oder Fremdes gesehen werden. 

Plan International konnte durch eine verbesserte Schulbildung in Uganda schon Erfolge erzielen. „Der Umgang miteinander und die Machtverhältnisse änderten sich in den sechs Projektjahren: Die Mädchen werden nicht mehr wegen ihrer Periode gehänselt, sondern von den Jungen und ihren Vätern darin bestärkt, nach dem Beginn ihrer Menstruation in der Schule zu bleiben“, heißt es im Bericht der Hilfsorganisation. 

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