Wie viele lebende Verwandte wir in Zukunft haben werden

Erlebt die Großfamilie eine Renaissance oder werden unsere Familiennetzwerke kleiner? Forschende aus Rostock haben anhand von demografischen Daten eine Prognose erstellt.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 18. Jan. 2024, 10:25 MEZ
Eine altes schwarz-weiß-Foto einer Großfamilie.

Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Cousins und Cousinen – früher war einfach mehr Familie. 

Foto von Suzy Hazelwood / Pexels

Der demografische Wandel ist mehr als ein abstraktes Konstrukt. Er betrifft jeden von uns auch auf ganz persönliche Weise, denn er wirkt sich nicht nur auf den Arbeitsmarkt und die Rentenkassen aus, sondern auch auf Familien. Wie drastisch sich die familiären Strukturen in den kommenden Jahrzehnten verändern werden, zeigt eine Studie des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock, die in der Zeitschrift PNAS erschienen ist. Ihr zufolge müssen sich alle Menschen weltweit darauf einstellen, in Zukunft weniger lebende Verwandte zu haben.  

„Wir haben uns gefragt, wie sich der demografische Wandel auf verwandtschaftliche Beziehungen auswirken wird“, sagt Hauptautor Diego Alburez-Gutierrez, Sozialwissenschaftler und Leiter der Forschungsgruppe Ungleichheiten in Verwandtschaftsbeziehungen am MPIDR. „Wie war früher die Altersverteilung, Struktur und Größe von Familien und wie wird sie sich in Zukunft entwickeln?“

Globaler, dauerhafter Trend in den Familiennetzwerken

Um das herauszufinden, wertete das Studienteam Daten aus dem World Population Prospects-Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2022 aus. Darin aufgeführt sind die Ergebnisse von 1.758 Volkszählungen in 237 Ländern oder Gebieten zwischen den Jahren 1950 und 2022, sowie Informationen aus Melderegistern und hunderten repräsentativen Erhebungen.

Mithilfe von mathematischen Modellen war es den Forschenden möglich, die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen einer Person, ihren Vorfahren und Nachkommen über einen bestimmten Zeitraum darzustellen. „Das Modell liefert durchschnittliche Alters- und Geschlechtsverteilungen für verschiedene Arten von Verwandtschaft für jedes Kalenderjahr“, erklärt Alburez-Gutierrez. Insgesamt wurden für jedes Land 1.000 Verwandtschaftsverläufe berechnet.

Die Ergebnisse zeigen einen weltweiten, dauerhaften Trend zu kleineren Familiennetzwerken. Während im Jahr 1950 eine 65-jährige Frau im globalen Durchschnitt 41 lebende Verwandte hatte, werden es demnach im Jahr 2095 nur noch 25 sein.

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Ältere Eltern, weniger Kinder

Je nach Region ist diese Entwicklung stärker oder schwächer ausgeprägt. In Nordamerika und Europa, wo die Familien bereits heute vergleichsweise klein sind, werden die Veränderungen geringer sein. Hier hatte eine Frau im Alter von 65 Jahren im Jahr 1950 etwa 25 lebende Verwandte, der Prognose zufolge werden es im Jahr 2095 15,9 sein. In Südamerika und der Karibik hingegen ist ein Rückgang von rund 67 Prozent zu erwarten: Von 56 lebenden Verwandten einer 65-jährigen Frau im Jahr 1950 zu nur noch 18,3 im Jahr 2095. Global betrachtet gleichen sich die Familiengrößen also an.

Ein Grund für diese Entwicklung ist den Studienautoren zufolge, dass die Menschen heute in einem sehr viel höheren Alter Kinder bekommen – und entsprechend weniger. Das hat zwei Effekte.

Zum einen führt es dazu, dass die Familiennetzwerke vertikaler werden, also in erster Linie aus Kindern, Eltern und Großeltern bestehen. Horizontale Netzwerke, die sich aus Tanten, Onkeln, Nichten, Neffen und Cousins und Cousinen zusammensetzen, schrumpfen aufgrund der geringen Anzahl von Geschwistern.

Urgroßeltern statt Cousins und Cousinen

Zum anderen hat es zur Folge, dass die Familiennetzwerke erheblich altern werden, weil durch späte Geburten der Altersunterschied zwischen Eltern und Kindern wächst. In Italien war die Großmutter einer 35-jährigen Frau im Jahr 1950 im Schnitt 77,9 Jahre alt. Im Jahr 2095 wird die Großmutter einer Frau dieses Alters im Schnitt 87,7 Jahre alt sein. Ein Phänomen, das sich vor allem in Ländern, deren Bevölkerung heute im Durchschnitt relativ jung ist, bemerkbar machen wird.

Die Studienautoren gehen außerdem davon aus, dass es in Zukunft mehr Urgroßeltern geben wird, die möglicherweise aber zu alt und gebrechlich sein werden, um in der Familie eine unterstützende Funktion einzunehmen. Stattdessen werden sie vermutlich selbst auf Pflege angewiesen sein, was die mittlere Generation, die sich sowohl um ihre Eltern und Großeltern als auch ihre Kinder kümmern muss, zunehmend unter Druck setzen wird.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Verfügbarkeit verwandtschaftlicher Ressourcen weltweit abnimmt“, sagt Alburez-Gutierrez. „Nehmen wir den Fall der Großeltern und Urgroßeltern, die in Zukunft durch strukturelle Veränderungen in Familien wahrscheinlich in größerer Zahl zur Verfügung stehen werden. Während dies theoretisch dazu beitragen könnte, die Eltern bei der Kinderbetreuung zu entlasten, könnten diese (Ur-)Großeltern in der Realität selbst pflegebedürftig werden.“

Belastung für Menschen und Sozialsysteme

Das ist ein Problem, denn selbst in Weltregionen mit fortschrittlichen Sozialsystemen bedeutet das, dass kleine Geburtskohorten für die Pflege von älteren Erwachsenen, die wenige oder gar keine Verwandten haben, aufkommen müssen. Die Studienautoren betonen darum die Notwendigkeit von Investitionen in die Kinderbetreuung und Altenpflege, um die Belastung zu reduzieren und eine gute Versorgung in allen Lebensphasen zu gewährleisten – vor allem in Ländern, in denen die Menschen derzeit noch wenig Zugang zu solchen Systemen haben und auf die Unterstützung ihrer Familie angewiesen sind.

„Die Verschiebungen in der Familienstruktur werden wichtige gesellschaftliche Herausforderungen mit sich bringen, die von politischen Entscheidungsträgern im globalen Norden und Süden berücksichtigt werden müssen“, sagt Alburez-Gutierrez.

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