Welche Menschen sich besonders gut Gesichter merken können

Manche vergessen nie ein Gesicht, andere grübeln regelmäßig, woher sie eine Person kennen. Zu welcher Gruppe man gehört, ist keine Frage der Persönlichkeit. Stattdessen besteht ein Zusammenhang mit einem anderen sozialen Faktor.

Von Katarina Fischer
Veröffentlicht am 28. Juni 2024, 14:52 MESZ
Nahaufnahme eines Mannes, der in die Kamera schaut.

Sehen und gesehen werden: Wer sich Gesichter gut merken kann, hat sozial viele Vorteile – und laut einer neuen Studie höchstwahrscheinlich viele gute Beziehungen.

Foto von Jaime Lopes / Unsplash

Das Gesicht kommt einem bekannt vor, doch wo, wann und unter welchen Umständen man diese Person schon einmal getroffen hat, weiß man nicht mehr. Unangenehm, wenn man auf der Straße einer flüchtigen Bekanntschaft begegnet, die offenbar nie ein Gesicht vergisst und einen sogar mit Namen anspricht.

Man könnte annehmen, dass sich vor allem gesellige Menschen, die soziale Situationen suchen, Gesichter gut merken können. Tatsächlich besteht aber zwischen der Fähigkeit und dem Persönlichkeitsmerkmal gar kein Zusammenhang. Zu diesem Ergebnis kommt ein Team aus australischen und US-amerikanischen Forschenden, das untersucht hat, wie sich Menschen, die Gesichter gut erkennen und zuordnen können, hinsichtlich ihrer Persönlichkeit und sozialen Verbindungen von denen unterscheiden, die das nicht können.

Partylöwen, scheue Rehe und ihre Netzwerke

Die Studie, die in der Zeitschrift Cognition erschienen ist, basiert auf vier separaten Studien, für die über 3.000 Personen Fragen zu ihrer Persönlichkeit und ihren sozialen Beziehungen beantwortet haben. Außerdem machten sie einen Test, für den sie die Gesichter von Prominenten und ihren Doppelgängern unterscheiden mussten.

Bei der Auswertung der Testergebnisse in Verbindung mit den persönlichen Auskünften zeichnete sich ein klarer Trend ab: Je mehr Gesichter eine Testperson erkannte, desto mehr enge soziale Beziehungen pflegte sie. Die niedrigste Anzahl erkannter Gesichter lag bei zwei, die höchste bei 28. Personen, die Probleme mit der Gesichtserkennung hatten, verfügten im Schnitt über neun enge Beziehungen. Menschen, die Gesichter gut erkannten, gaben an, 15 enge Beziehungen zu haben. „Das sind zwei Drittel mehr“, sagt Hauptautorin Laura Engsfor, Psychologin an der University of South Australia in Adelaide.

Während der Zusammenhang zwischen der Fähigkeit zur Gesichtserkennung und der Größe des persönlichen sozialen Netzwerks deutlich war, konnte das Studienteam nicht feststellen, dass sich eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur positiv auf das Erkennen von Gesichtern auswirkt. „Unsere Ergebnisse widerlegen die Annahme, dass kontaktfreudige Menschen besonders gut im Erkennen von Gesichtern sind“, sagt Engfors. Außerdem widersprächen sie dem weitverbreiteten Irrglauben, „dass das Nicht-Erkennen von Personen bedeutet, dass man weniger kontaktfreudig ist“.

Fundament einer Beziehung: Erinnern und Erkennen

Partylöwen sind also nicht prinzipiell vor „Gesichtsblindheit“ geschützt. In Bezug auf den Aufbau sozialer Beziehungen haben Introvertierte mit der Gabe, sich Gesichter gut merken zu können, der Studie zufolge sogar viel bessere Karten.

Denn völlig egal, ob gesellig oder in sich gekehrt: „Menschen mit der Fähigkeit, Gesichter zu erkennen, bauen schneller Beziehungen auf“, so Engfors. Führe man ein interessantes Gespräch mit jemandem, den man vorher nicht kannte, und treffe diese Person ein paar Wochen später wieder und erkenne sie, baue man die Beziehung, für die bei der ersten Begegnung der Grundstein gelegt wurde, weiter aus.

Das liegt laut der Studienautorin Linda Jeffrey, Psychologin an der Curtin University in Perth, daran, dass es unser Selbstwertgefühl stärkt, wenn sich jemand an uns erinnert. „Es gibt uns das Gefühl, wichtig zu sein und geschätzt zu werden“, sagt sie. „Das führt dazu, dass wir uns dieser Person gegenüber herzlicher verhalten. Wenn uns hingegen jemand, den wir schon einmal getroffen haben, nicht erkennt, fühlen wir uns brüskiert.“ Die Chance, eine potenzielle Beziehung zu stärken, ist damit verpasst.

BELIEBT

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    Durch subtile Hinweise Defizite ausgleichen

    Doch niemand sucht sich aus, Schwierigkeiten mit dem Zuordnen von Gesichtern zu haben. Wie schützt man also Menschen mit diesem Defizit davor, unfreiwillig ins soziale Aus zu geraten? Laut Jeremy Wilmer, einem der Autoren der Studie und Psychologe am Wellesley College in Massachusetts, hilft es bereits, sich bewusst zu machen, dass jemand dieses Problem haben könnte. „Die Erkenntnis, dass es nicht jedem leichtfällt, Personen zu erkennen, kann uns dazu bewegen, unsere Mitmenschen bei sozialen Interaktionen zu unterstützen“, sagt er.

    Ein so einfaches wie effizientes Mittel seien außerdem Namensschilder, die ihm zufolge den Unterschied zwischen Aufbau und Verlust einer sozialen Verbindung ausmachen können. Außerdem kann man selbst dazu beitragen, die Gemeinschaft und menschliche Beziehungen zu stärken, indem man in Situationen des Nicht-Erkennens nicht beleidigt, sondern unterstützend reagiert. „Wenn Sie bei der Begrüßung ein Aufflackern von Unsicherheit im Gesicht einer Person bemerken, helfen Sie ihr subtil dabei, Sie einzuordnen“, sagt Wilmer. „Das wird in der Regel sehr geschätzt.“

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