Geschichte und Kultur

Das Ende einer der ältesten Shows der Welt

Was wird inmitten von Tierschutzkontroversen und der rasant wachsenden Unterhaltungsindustrie aus dem Zirkus werden? Donnerstag, 9 November

Von Gulnaz Khan
Bilder Von Brian Lehmann

Der Zirkus ist fast so alt wie die Zivilisation. Bilder von sich drehenden Akrobaten schmücken die Wände ägyptischer Gräber, die auf 1.250 v. Chr. datiert wurden. Das Blut von Mensch und Tier tränkte den Sand des Circus Maximus im antiken Rom. Die Kunststücke von Seiltänzern im mittelalterlichen Europa wurden für Zauberei gehalten von der Kirche verboten.

In seiner heutigen Form lässt sich der Zirkus auf das Jahr 1768 zurückführen. In dem Jahr entdeckte Philip Astley, dass er durch Zentrifugal- und Zentripetalkräfte auf dem Rücken seines Pferdes balancieren konnte, wenn dieses im Kreis galoppierte. Er baute eine Manege, engagierte einen Clown, und der moderne Zirkus war geboren.

„Ich wusste, dass es noch ein paar kleine Zirkusse mit nur einer Manege [in den USA] gab, und ich hatte so ein Gefühl, dass sie gewissermaßen das Ende einer Ära waren“, sagt der Fotograf Brian Lehmann. Er hat die Relikte eines Ortes eingefangen, der in der Zeit stillzustehen scheinen.

Während der letzten zwei Dekaden sind traditionelle Zirkusse nach und nach von der Bildfläche verschwunden, nicht zuletzt durch Berichte über großflächigen Missbrauch von Tieren. In den staubigen Gebieten des Mittleren Westens der USA ist ihr Vermächtnis jedoch noch unberührt. „Das ist noch die alte Schule. Wenn man in eines dieser Dinger geht, bringt es einen zurück in eine extrem einzigartige Zeit ... Es bringt einen in die 1950er“, sagt Lehmann.

Auch wenn es heutzutage nur noch etwa 30 Wanderzirkusse in den USA gibt, wurden sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem nationalen Markenzeichen. Während dieser Blütezeit zogen riesige Karawanen der verzierten Wagen und bunten Schausteller regelmäßig durch die Städte der USA. Die Massen kamen, um sich das Seltsame und Unmögliche anzusehen: farbenprächtige Kostüme, Männer, die Feuer schlucken konnten, Frauen, die ihren Körper auf nahezu unvorstellbare Art und Weise verdrehten. Über allem hing der Zimtgeruch von karamellisiertem Popcorn und Erdnüssen.

Während der Weltkriege erlebten die Zirkusse jedoch wie auch der Rest der Nation eine wirtschaftliche Depression. Neue Gesetze zum Reisepass, Zollverordnungen und Obergrenzen für das im Umlauf befindliche Geld schränkten ihre Bewegungsfreiheit erheblich ein. Gleichzeitig zwangen der Niedergang des Zugverkehrs und der Aufstieg der motorisierten Fahrzeuge viele Zirkusse, die Schienen aufzugeben und sich wieder auf die Straßen zu begeben. Als sich das Land dann endlich von der Großen Depression erholt hatte, stellten das Aufkommen von Kinofilmen und Fernsehen eine neue Bedrohung dar. Die Öffentlichkeit hatte eine zunehmend größere Auswahl an Unterhaltungsmöglichkeiten.

Obwohl die Wandershows während der 50er, 60er und 70er weiterhin florierten, begann auch Kontroversen aufzukommen. Die frühen Zirkusse wurden auf den Rücken von Pferden, Affen und Hunden erbaut. Aber mit dem Beginn des 18. Jahrhunderts wurden auch Elefanten, Löwen, Bären, Nilpferde und Giraffen über den Ozean gebracht und die Ticketverkäufe schossen in die Höhe. Solch exotische Tiere hatte man vorher noch nie in den Straßen von London und New York gesehen. Es gibt ein berühmtes Zitat von Phineas T. Barnum, der als größter Schausteller in der Geschichte der USA gilt: „Elefanten und Clowns sind die Pfähle, auf denen man seinen Zirkus errichtet.“

Im späten 20. Jahrhundert forderte eine neue Generation von Tierschutzaktivisten Zirkusbesitzer in Großbritannien und den USA dazu auf, Tiervorführungen zu verbieten, und verwies auf die Grausamkeiten beim Fangen und Trainieren der Tiere. Ein Bewusstsein dafür manifestierte sich auch in der Bevölkerung und das Geschäft schrumpfte. Das führte letztendlich auch zum Ende des Zirkus Ringling Bros, einem der ältesten und größten amerikanischen Zirkusse.

„Die Ticketverkäufe gingen zurück“, sagt Feld in einer Stellungnahme, aber mit dem Verbot von Elefanten-Vorführungen in diversen Städten hätten sie „einen noch dramatischeren Rückgang“ erlebt. „Das in Kombination mit den hohen Betriebskosten machte den Zirkus zu einem untragbaren Geschäft für das Unternehmen.“ Der Zirkus hatte seine letzte Vorführung am 21. Mai 2017, das große Finale einer turbulenten Vergangenheit.

Das Schicksal der verbleibenden Wanderzirkusse und Nebenvorstellungen in den USA – Relikte einer vergangenen Ära – bleibt abzuwarten. „Ich wäre schockiert, wenn diese kleinen Zirkusse völlig verschwinden würden, denn je weniger und weniger es gibt, desto interessanter werden sie“, sagt Lehmann. Sie würden auch eher zu einem Nischenprodukt. „Die Wahrheit ist doch, dass die meisten dieser Leute Routen haben, die sie sich über viele, viele Jahre aufgebaut haben.“

Andere behaupten, dass die Schließung von Ringling Bros. ein Zeichen der Zeit für eine der ältesten Touristenattraktionen der Welt ist. „Wir haben zwei Weltkriege erlebt, und jeden möglichen Konjunkturverlauf und viele Veränderungen“, erzählte Feld der Associated Press. „In den letzten zehn Jahren gab es auf der Welt mehr Veränderungen als in den 50 oder 75 Jahren davor. Und ich glaube, dass [der Zirkus] für die Menschen nicht mehr auf dieselbe Art von Bedeutung ist.“

Brian Lehmann ist ein Fotojournalist und wohnt in Lincoln, Nebraska. Man kann ihm auf Instagram folgen.

Gulnaz Khan auf Twitter und Instagram folgen.

 

 

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