Geschichte und Kultur

28 Jahre auf einer einsamen Insel

Auf seinem defekten Katamaran rettete sich Mauro Morandi vor etwa 30 Jahren auf die Insel Budelli und ging nie wieder fort. Donnerstag, 9. November 2017

Von Gulnaz Khan
Bilder Von Michele Ardu
Seit 28 Jahren lebt Mauro Morandi allein auf der italienischen Insel Budelli. „Am meisten liebe ich die Stille“, sagt er. „Die Stille im Winter, wenn es keine Stürme gibt und niemand hier ist. Aber auch die Sommerstille des Sonnenuntergangs.“

Der 78-jährige Mauro Morandi spaziert oft über die felsige Küste von Budelli und blickt auf das trostlose Meer hinaus. In diesen Momenten fühlt er sich winzig im Angesicht der unsichtbaren Kräfte, die an den Gezeiten zerren.

„Wir denken, wir sind Riesen, die über die Erde herrschen können, aber wir sind nur Mücken“, sagt Morandi.

1989 fand er sich zwischen Sardinien und Korsika mit einem defekten Motor und ohne funktionierenden Anker auf dem Meer, als sein Katamaran von jenen unaufhaltsamen Kräften an die Küste von Budelli getrieben wurde. Als er erfuhr, dass der Aufseher der Insel seinen Posten in zwei Tagen verlassen würde, verkaufte Morandi – der von der Gesellschaft schon lange genug hatte – seinen Katamaran und nahm seinen Platz sein.

Die letzten 28 Jahre hat er ganz allein auf der Insel gelebt.

Die Sonne scheint auf Morandis Veranda, auf der er im Sommer gern isst und liest.

 

Der Nationalpark La-Maddalena-Archipel umfasst sieben Inseln, von denen Budelli wegen ihres Spiaggia Rosa (rosa Strand) als die schönste gilt. Der rosafarbene Sand erhält seine ungewöhnliche Färbung durch die mikroskopisch kleinen Fragmente von Muscheln und Korallen, die von den unermüdlichen Wellen im Laufe der Zeit zu Staub zermahlen wurden.

In den frühen Neunzigern wurde der Strand von der italienischen Regierung als Ort von großem natürlichen Wert deklariert. Um sein fragiles Ökosystem zu schützen, wurde er für die Öffentlichkeit gesperrt – nur ganz bestimmte Bereiche sind noch für Besucher zugänglich. In Windeseile wurde aus Tausenden Touristen, die die Insel täglich besuchten, ein einzelner Mensch.

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2016 endete ein dreijähriger Rechtsstreit zwischen einem neuseeländischen Unternehmer und der italienischen Regierung über die Eigentümerschaft der Insel. Das Gericht entschied, dass Budelli zum Nationalpark La-Maddalena-Archipel gehört. Im selben Jahr focht der Park Morandis Recht an, auf der Insel zu leben – und die Öffentlichkeit antwortete. Eine Petition, die gegen seine Vertreibung protestierte, sammelte mehr als 18.000 Unterschriften und zwang die Politiker somit, seine Ausweisung auf unbestimmte Zeit zu verschieben.

Morandi macht jeden Morgen Tai Chi am Strand und lässt sich von der Sonne bescheinen, während er die salzige Luft einatmet.

„Ich werd hier nie weggehen“, sagt Morandi. „Ich hoffe, dass ich hier sterbe, eingeäschert werde und meine Asche im Wind verstreut wird.“ Er glaubt, dass alles Leben letztendlich wieder mit der Erde vereint wird, dass wir alle Teil derselben Energie sind. Die Stoiker im alten Griechenland nannten das sympatheia, das Gefühl, dass das Universum ein unteilbarer, einheitlicher Organismus ist, der sich in ewigem Fluss befindet.

Diese Überzeugung, dass wir alle miteinander verbunden sind, bewegt Morandi dazu, ohne Vergütung auf der Insel zu bleiben. Jeden Tag sammelt er Plastikmüll auf, der an den Strand gespült wurde und die empfindliche Flora und Fauna belastet. Trotz seiner Abneigung Menschen gegenüber wacht er mit Leidenschaft über die Küste von Budelli und klärt die sommerlichen Besucher über das Ökosystem und dessen Schutz auf.

„Ich bin kein Botaniker oder Biologe“, sagt Morandi. „Ja, ich kenne die Namen von Pflanzen und Tieren, aber meine Arbeit ist eigentlich etwas Anderes. Sich um eine Pflanze zu kümmern, ist eine technische Aufgabe. Ich versuche den Menschen zu erklären, warum diese Pflanze überleben muss.“

Morandi glaubt, wenn man Menschen beibringt, die Schönheit der Welt zu sehen, wird das die Welt effektiver vor Ausbeutung bewahren als wissenschaftliche Details. „Ich möchte, dass die Menschen verstehen, dass wir nicht versuchen sollten, die Schönheit zu sehen, sondern sie mit geschlossenen Augen zu spüren“, sagt er.

Die Winter auf Budelli sind besonders schön. Morandi verbringt lange Zeiträume – bis zu 20 Tage – ohne menschlichen Kontakt. Er findet Trost in der Introspektion, die er dadurch erlangt. Oft sitzt er am Strand und lauscht dem Opernklang des Windes und der Wellen, die als einziges die Stille durchbrechen.

„Ich bin hier in einer Art Gefängnis“, sagt er. „Aber es ist ein Gefängnis, das ich selbst gewählt habe.“

Morandi vertreibt sich die Zeit mit kreativen Tätigkeiten. Er fertigt Skulpturen aus Wacholderholz und entdeckt die Gesichter, die sich in den verworrenen Formen verstecken. Er ist ein eifriger Leser und meditiert über die Weisheiten griechischer Philosophen und literarischer Ausnahmetalente. Er macht Bilder der Insel und staunt unentwegt darüber, wie sie sich von Stunde zu Stunde und über die Jahreszeiten hinweg verändert.

Das ist nicht ungewöhnlich für Menschen, die lange Zeit allein verbringen. Wissenschaftler postulieren schon lange, dass Einsamkeit Kreativität fördert. Nicht umsonst haben zahlreiche Künstler, Dichter und Philosophen der letzten Jahrhunderte ihre besten Werke in Abgeschiedenheit fernab der Gesellschaft geschaffen.

Morandis Silhouette vor dem Licht der untergehenden Sonne. Das ist seine liebste Tageszeit, wenn die Welt zu verstummen scheint. „Wir glauben, wir sind Übermenschen und göttliche Wesen, aber meiner Meinung nach sind wir im Grunde nichts“, sagt er. „Wir müssen uns der Natur anpassen.“

Einsamkeit hat aber womöglich nicht nur Vorteile. „Einsamkeit kann stressig sein für Mitglieder technologisch hoch entwickelter Gesellschaften, die trainiert wurden zu glauben, dass man es vermeiden sollte, allein zu sein“, erklärt Pete Suedfeld in seinem Buch „Loneliness: A Sourcebook of Current Theory, Research and Therapy“ (dt. Einsamkeit: Eine Quellensammlung aktueller Theorien, Forschung und Therapie).  Dennoch gibt es noch immer Kulturen auf der Welt, in denen ein einsames Leben eine ehrwürdige Tradition ist. Buddhistisches Mönchtum beispielsweise ermutigt zu spiritueller Hingabe und der Beschäftigung mit den Glaubenslehren anstatt zu körperlichem Vergnügen.

Aber inmitten der rasanten Globalisierung ist die menschliche Fähigkeit, echte Einsamkeit zu erleben, vermutlich eine Sache der Vergangenheit. Durch die zunehmende Erschließung der Region hat ein Internetunternehmen nun auch WLAN nach Budelli gebracht und Morandi und sein geliebtes Paradies per Social Media mit der Welt verbunden. Zugunsten eines größeren Zwecks hat er sich diese neue Kommunikationsform zu eigen gemacht – um die Menschen und die Natur miteinander zu verbinden, zeigt er den Leuten ihre Schönheit. Morandi hofft, dass diese Verbindung die Menschen dazu bewegen wird, sich mehr um den verblühenden Planeten zu kümmern.

„Die Liebe ist die absolute Konsequenz der Schönheit und andersherum“, so Morandi. „Wenn man jemanden aus tiefstem Herzen liebt, dann findet man ihn oder sie schön, aber nicht, weil man die Person als körperlich schön empfindet ... Man fühlt mit der Person, man ist ein Teil von ihr geworden und sie ist ein Teil von einem selbst geworden. Genauso ist es mit der Natur.“