Geschichte und Kultur

Leben im Würfel – die Zukunft, die nie kam

Auf 10 Quadratmetern finden die Bewohner des Nakagin Capsule Tower Platz zur Entfaltung oder zum Arbeiten. Aber wie lange noch? Samstag, 9 Dezember

Von Ye Ming
Bilder Von Noritaka Minami

Am Rande des berühmten Tokyoter Geschäfts- und Vergnügungsviertels Ginza befindet sich der Nakagin Capsule Tower. Das ungewöhnliche Gebäude verkörperte einst Japans Vision der Zukunft.

Es wurde von Kisho Kurokawa entworfen, einem Vertreter des Metabolismus. Die Architekturbewegung der 1960er zeichnete sich durch die Vorstellung aus, dass moderne Gebäude sich der dynamischen und schnelllebigen Stadtlandschaft der Zukunft anpassen mussten, was beispielsweise durch austausch- und erweiterbare Baumodule erreicht werden sollte.

Von außen wirkt der Turm wie ein Stapel Waschmaschinen. Er besteht aus zwei Betonkernen, von denen einer elf und der andere 13 Stockwerke hoch ist. An diesen Kernen befinden sich „austauschbare“ Würfel. Jeder Würfel verfügt über eine Fläche von zehn Quadratmetern, wurde in einer Fabrik zusammengesetzt und dann mit vier hochfesten HV-Schrauben an den Kernen befestigt. Die Kapselzimmer, wie sie genannt werden, sind mit ein paar Haushaltsgeräten ausgestattet und verfügen über ein Bad von der Größe einer Flugzeugtoilette.

Das Gebäude wurde 1972 in nur 30 Tagen gebaut. Für Kurokawa verkörperte es den Beginn eines neuen Zeitalters.

Stattdessen wurde der Nakagin Capsule Tower zu einem Utopia, das nie eintrat. Die Kapseln, die auf 25 Jahre ausgelegt waren, stellten sich als zu teuer heraus, um sie zu ersetzen. Nun wirkt der große Kapselturm wie ein Anachronismus inmitten all der praktischeren Gebäude, die um ihn herum aus dem Boden geschossen sind.

Als Kurokawa 2007 starb, stimmten die Bewohner des Gebäudes – frustriert von bröckelndem Beton und undichten Rohren – für den Abriss seines Meisterwerks. Es sollte durch ein herkömmliches Wohngebäude ersetzt werden. Allerdings kam dieser Plan durch den Börsencrash 2008 zum Erliegen.

Der Fotograf Noritaka Minami begann 2010 damit, das Leben und Schicksal des Nakagin Tower zu dokumentieren. In den folgenden sieben Jahren kehre er mehrfach zu dem Gebäude zurück. „Bei jedem Besuch lerne ich etwas über die Architektur und die Bewohner“, sagt er.

Manche Kapselbesitzer sind ausgezogen oder haben ihre Räume zu Büros umfunktioniert. Andere haben renoviert und beschlossen, weiter in ihrer einzigartigen Bleibe zu wohnen.

Minami vermied es, die Bewohner direkt zu fotografieren. Es zog es vor, ihre Präsenz durch die Gegenstände in ihrem Wohnbereich zu zeigen. „[Der Raum] fungiert als Behälter für die Identität der Menschen, ihre persönlichen Interessen, Hobbys und ihren Geschmack.“

Mit den bevorstehenden Olympischen Sommerspielen in Tokyo 2020 gibt es wieder neue Pläne für Bauvorhaben – und eine Debatte über die Zukunft des historischen Bauwerks.

Minami hofft, dass der Capsule Tower als ein Symbol einer Bewegung erhalten bleibt, deren Konzepte für ein effizientes Stadtleben noch heute von Bedeutung sind. Er erinnert außerdem an einen Weg, der nie beschritten wurde, und an eine Zukunft, die nie eintraf.

„In Japan wird nicht so viel Wert auf den Erhalt moderner Architektur gelegt“, erklärt Minami. „Es ist wichtig, [dass der Turm] dort bleiben kann, anstatt der üblichen Routine zum Opfer zu fallen, zum Wohle des wirtschaftlichen Fortschritts abgerissen zu werden.“

Wei­ter­le­sen