Geschichte und Kultur

Die Pferde von Pompeji: Beim Fluchtversuch verschüttet?

Mehrere Pferde in einem 2.000 Jahre alten Stall scheinen für eine Flucht vorbereitet wurden zu sein – jedoch zu spät.Dienstag, 5. Juni 2018

Von Kristin Romey
Dieses Pferd starb beim Ausbruch des Vesuvs und wurde von heißer Asche verschüttet. Im Laufe der Jahrhunderte verrotteten seine Überreste und hinterließen einen Hohlraum unter der ausgehärteten Asche, der von Archäologen mit Gips gefüllt und dann freigelegt wurde.

Vor Kurzem entdeckten Archäologen die Überreste eines in Asche eingeschlossenen Pferdes in einer Villa vor Pompeji. Das war allerdings nur die Spitze des Eisberges: Seit die Entdeckung im Mai verkündet wurde, haben Archäologen offenbart, dass während des Ausbruchs des Vesuvs in der Antike mindestens drei Pferde im Stall der Villa starben.

Wenigstens zwei der Tiere waren aufgezäumt und wurden womöglich für eine hastige Flucht vorbereitet, als sie von einem tödlichen Pyroklastischen Strom überrollt wurden, der sich im Sommer des Jahres 79 nach Mitternacht durch Pompeji und die umliegende Landschaft walzte.

Der überraschend vollständige Gipsabdruck von einem der Pferde aus der Villa ist der erste seiner Art aus Pompeji. Als der Vulkan ausbrach, wurden viele menschliche und tierische Einwohner der Stadt von Wellen aus überhitztem giftigen Gas und Asche getroffen. Sie verstarben an Ort und Stelle, und als ihre Leichname im Laufe der Zeit unter den ausgehärteten Ascheschichten verrotteten, blieben nur die unheimlichen, plastischen Formen der alten Körper zurück.

Im späten 19. Jahrhundert entwickelten Archäologen eine Methode, um Gips in diese Hohlräume zu füllen und so mehr Details der Verstorbenen einzufangen. Seither wurde die Methode hauptsächlich bei Menschen – und einem angeketteten Hund – angewendet. Der aktuelle Versuch ist der erste an einem großen Säugetier.

Das Team hat auch Gipsabdrücke von zwei Beinen eines anderen Pferdes von der Fundstelle erstellt. Der Rest des Hohlraums, den der Kadaver hinterließ, wurde jedoch von Grabräubern zerstört, die illegal Tunnel um die antike Villa gruben. Sie wollten dort alte Artefakte ausgraben und stehlen, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.

Die skelettierten Überreste und der Hohlraum eines dritten Pferdes wurden ebenfalls fast vollständig von Grabräubern zerstört, wie die Zooarchäologin Chiara Corbino berichtete.

Spuren von Zaumzeug und Gebissen im Umfeld der zwei abgegossenen Pferde deuten darauf hin, dass sie von Menschen aufgezäumt wurden, die vor dem Ausbruch fliehen wollten, sagt Massimo Osanna, der Direktor des Archäologischen Parks von Pompeji. Corbino zufolge seien die Überreste des dritten Pferdes zu stark beschädigt, um feststellen zu können, ob es zu seinem Todeszeitpunkt ebenfalls aufgezäumt war.

OPERATION ARTEMIS

Die Villa in der Gegend Civita Giuliana vor den Mauern des alten Pompejis wurde eigentlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckt. In den 1950ern wurde sie teilweise ausgegraben und später versiegelt. Vergangenen Sommer entdeckten Forscher dann die Tunnel der Grabräuber und informierten Archäologen des Archäologischen Parks von Pompeji, die im Anschluss die bis dato unbekannten Stallungen der Villa ausgruben.

Am Kopf des Pferdes fand man Spuren eines ledernen Gebisses und Zaumzeugs, das mit Metallornamenten verziert war.

Italienische Behörden haben National Geographic gegenüber seither bestätigt, dass der Fund das Ergebnis eines umfangreichen Ermittlungsverfahrens namens Operazione Artemide (dt. Operation Artemis) ist, das von italienischen Carabinieri durchgeführt wurde. Die mehrjährige Untersuchung begann 2014, nachdem Diebe ein Fresko der Artemis gestohlen haben. Die Darstellung der griechischen Göttin der Jagd befand sich an den Wänden eines antiken Hauses von Pompeji, zu derzeit nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Bis Anfang 2015 hatte die Operation bei simultanen Razzien in 22 italienischen Provinzen mehr als 140 Verdächtige aufgetan, darunter Grabräuber, illegale Kunsthändler und sogar einige Mitglieder der Mafia. Die Teams stellten um die 2.000 antiken Artefakte sicher, zu denen auch illegal ausgegrabene Vasen, Münzen und Gebäudefragmente zählten.

Laut Osanne sind die Forschungen an der Villa vorerst abgeschlossen. Archäologen schließen die Möglichkeiten jedoch nicht aus, die Ausgrabungen später fortzusetzen – womöglich kommen dann noch weitere tragische Momente zum Vorschein, die in der Asche verewigt wurden.

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