Geschichte und Kultur

Wie wir uns mit Licht und Farbe das Weltall schufen

1939 stellte sich Charles Bittinger fremde Welten vor, die wir erst Jahrzehnte später aus der Nähe sahen. Mittwoch, 9 Januar

Von Catherine Zuckerman

Als vor Kurzem die NASA-Sonde New Horizons in mehr als 6,5 Milliarden Kilometern Entfernung an einem uralten Gesteinsbrocken vorbeiflog, feierten die Forscher diesen wissenschaftlichen Meilenstein ausgelassen – immerhin war es der fernste Besuch eines Himmelskörpers, den Menschen mit Hilfe ihrer Technologie je vollbracht haben. Die Sonde machte mehrere Fotos des Objekts, die sich nun auf dem langen Rückweg zur Erde befinden.

Natürlich waren keine Menschen vor Ort, die den großen Moment der Sonde dokumentieren konnten. Wie sah diese Begegnung in weiter Ferne von Nahem wohl aus? Solche Fragen sind es, die sich Astronomen seit dem Beginn der Erforschung unseres Weltalls stellen. Und seit Jahrhunderten versuchen Künstler – mithilfe ihrer Pinsel, Farben, wissenschaftlichen Erkenntnisse und Vorstellungskraft –, Antworten zu liefern.

Im Juli 1939 veröffentlichte National Geographic einen Artikel namens „News of the Universe“ (dt.: Neuigkeiten aus dem Universum). Der Künstler Charles Bittinger sollte eine Reihe von Bildern malen, die den Lesern dabei helfen sollten, sich den Weltraum vorzustellen. Damals waren Teleskope zwar schon fortschrittlich genug, um Details der Mondoberfläche zu offenbaren, aber es sollte noch 30 Jahre dauern, bis der erste Mensch einen Fuß darauf setzte. Als der Artikel veröffentlicht wurde, gab es noch nicht einmal einen einzigen Satelliten in der Erdumlaufbahn.

Obwohl die Menschheit noch nicht begonnen hatte, den Weltraum zu erforschen, verdeutlichen die Bilder, wie viel die Wissenschaftler schon damals wussten. In einem Bild der Erde, wie sie von der Mondoberfläche aus zu sehen wäre, sind die Ränder der Mondkrater beispielsweise erhöht, was „technisch sehr korrekt“ ist, wie die Planetenwissenschaftlerin Bethany Ehlmann erklärt. In einem anderen Bild zeigt Bittinger, wie Licht in einem Prisma gebrochen wird und dadurch seine Spektralfarben erkennbar werden. Das scheint zunächst nicht ganz in den Kontext der Bildreihe zu passen, aber „Bittinger fand es wichtig, das zu zeigen, damit die Leser begriffen, wie wichtig dieses Prinzip ist und welche Bedeutung es für die anderen Bilder hat“, sagt Jason Treat, der Chefgrafiker für National Geographic.

Bittinger „kombinierte ein feines Gespür für Farbwerte und künstlerische Kompositionen mit einem akribischen Streben nach wissenschaftlicher Korrektheit“, heißt es in einem Kommentar innerhalb des Artikels.

Damit kann sich auch die wissenschaftliche Illustratorin Dana Berry identifizieren. Obwohl Berry für ihre astronomischen Illustrationen 3D-Software und Photoshop anstelle von Pinseln und Farben benutzt, ist nach wie vor die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kreativität der Schlüssel.

„Ich frage mich, inwieweit sich auch Bittinger mit dem dreiköpfigen Ungeheuer herumschlagen musste, dem jeder gegenübertreten muss, der wissenschaftliche Illustrationen anfertigt“, so Berry. „Jedes Bild ist die Auflösung eines Konflikts zwischen Pädagogik, Glaubwürdigkeit und Dramatik.“

Im kalifornischen Jet Propulsion Lab der NASA arbeitet die Künstlerin Julia Christensen an einem Projekt, bei dem Kunstwerke an Bord eines Raumfahrzeugs nach Proxima b geschickt werden sollen, ein Exoplanet in 4,2 Lichtjahren Entfernung. Ihr zufolge verdeutlichen Bittingers Zeichnungen den entscheidenden Dialog zwischen wissenschaftlicher Forschung und Kunst.

Bilder wie diese, die 1939 veröffentlicht wurden – am Beginn des Zweiten Weltkriegs und nur weniger Jahre, bevor die USA zum ersten Mal die Kármán-Linie überquerte und in den Weltraum vordrang – inspirierten zweifelsfrei die Wissenschaftler, die später den großen Traum der Weltraumreisen verwirklichten.“

Und was hatte der 1970 verstorbene Bittinger zu seinen Zeichnungen zu sagen? „Durch die Planung und Arbeit an den Bildern, die mit diesem Artikel erschienen, begriff ich mehr denn je, dass die Astronomie das größte Denkmal für die menschliche Intelligenz ist, welche die unvorstellbaren Weiten des Weltalls mit kaum mehr als den schwachen Wellen des Lichts erkundet hat.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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