Geschichte und Kultur

Anbruch einer neuen Ära: Am 1. Mai beginnt die Reiwa-Zeit

Seit mehr als 1.300 Jahren brach mit der Thronbesteigung jedes japanischen Kaisers eine neue Zeit an. Dienstag, 30 April

Von Erin Blakemore

Wenn Prinz Naruhito am 1. Mai zum Kaiser von Japan gekrönt wird, findet die Heisei-Zeit seines Vaters, Kaiser Akihito, nach 31 Jahren ein Ende. Dann beginnt die Reiwa-Zeit, die 248. Ära der japanischen Nengo-Zeitrechnung, die einen Namen trägt.

Traditionell wird jedem japanischen Tenno oder Kaiser ein Nengo (auch Gengo) zugeordnet. Dieser Äraname gruppiert jene Jahre des japanischen Kalenders, welche in die Regierungszeit des jeweiligen Kaisers fallen. Das Nengo findet sich auch auf offiziellen Dokumenten wie Führerscheinen und Geldscheinen.

Das System wurde im Jahr 645 aus China übernommen und auch heute noch hat die chinesische Sprache einen gewissen Einfluss auf die Namenstradition: Jeder Äraname wird mit zwei chinesischen Schriftzeichen geschrieben und entstammt Texten aus der klassischen chinesischen Literatur. Für gewöhnlich schlagen japanische Gelehrte diverse Optionen vor, aus denen der Kaiser oder die Regierung dann den Namen für die neue Ära wählen.

Auch die neue Reiwa-Zeit, die am 1. Mai beginnen wird, wird mit zwei chinesischen Schriftzeichen geschrieben. Dieses Mal diente jedoch zum ersten Mal ein japanisches Gedicht als Inspiration. Offiziell wird der aus „rei“ und „wa“ zusammengesetzte Begriff als „schöne Harmonie“ übersetzt. Die Schriftzeichen finden sich in einem mehr als 1.200 Jahre alten Gedicht aus der Feder von Otomo no Yakamochi, einem berühmten Dichter, der über einen Frühlingstag und die ersten Pflaumenblüten schrieb.

Um einen Namen für die neue Ära zu finden, ließ sich die japanische Regierung Vorschläge von etwa 30 anonymen Gelehrten aus den Bereichen Literatur und Geschichte schicken. Trotz der schrumpfenden Bedeutung dieser Nengo – laut einer aktuellen Befragung von Kyoto News gaben nur 18,8 % der Befragten an, dass sie lieber den Nengo-Kalender als den gregorianischen Kalender oder eine Mischform benutzen würden –, löste die Ankündigung in Japan eine Menge Begeisterung und Spekulationen aus.

Für japanische Nutzer stehen mit der ersten neuen Kaiserzeit im Zeitalter der Computertechnologien auch spezielle Software-Updates an. Außerdem wurde ein neues Unicode-Zeichen für das Nengo entworfen.

Obwohl es eine bewährte Tradition fortsetzt, fällt das neue Nengo auch aus dem Rahmen, da es noch während der Lebzeiten des vorigen Kaisers verkündet wurde. Für gewöhnlich wird das Nengo erst verkündet, wenn ein Kaiser stirbt und damit eine neue Zeit einläutet. In diesem Fall dankt Akihiro allerdings aus gesundheitlichen Gründen ab. Damit ist er der erste Tenno seit mehr als 200 Jahren, dessen Zeit als Kaiser nicht mit seinem Tod endet.

Ein Geschichtswissenschaftler vom Kaiserhof erzählte in einem Interview mit Justin McCurry vom „Guardian“, dass Naruhitos „schöne, harmonische“ Herrschaft wahrscheinlich nicht allzu sehr von der Norm abweichen wird. „Jegliche stilistischen Änderungen werden kaum wahrnehmbar sein und nur allmählich eingeführt“, schreibt McCurry.

Das Japanische Kaiserhaus wird vermutlich weiterhin eher unauffällig bleiben – die Position des Kaisers ist nur zeremoniell, da er über keine politische Macht verfügt. Allerdings deuten die Umstände von Naruhitos Thronbesteigung sowie die japanischen Ursprünge seines Nengo darauf hin, dass womöglich gerade ein paar neue Traditionen entstehen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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