Ewiger Koreakrieg: Ein fataler politischer Präzedenzfall

Der Koreakrieg wurde nie offiziell beendet – aber mit seinem zweifelhaften Eingriff ebnete der damalige US-Präsident den Weg für Militäreinsätze ohne Kriegserklärung.

Wednesday, July 1, 2020,
Von Erin Blakemore
Ein südkoreanischer Offizier der Infanterie weist am 10. August 1950 Truppen an den Frontlinien des Koreakrieges ...

Ein südkoreanischer Offizier der Infanterie weist am 10. August 1950 Truppen an den Frontlinien des Koreakrieges an. Der Konflikt war bereits im Sommer desselben Jahres ausgebrochen, als Nordkorea in Südkorea einmarschierte. Die Kämpfe dauerten drei Jahre – und es wurde nie ein Friedensvertrag unterzeichnet.

Bild the AP

Am 25. Juni 1950 löste Nordkoreas Überraschungsangriff auf Südkorea einen Krieg aus, in dem Kommunisten und Kapitalisten um die Kontrolle über die koreanische Halbinsel kämpften. Der zwischen 1950 und 1953 ausgetragene Koreakrieg forderte Millionen Tote, Nord- und Südkorea wurden dauerhaft geteilt.

In den USA ist gern vom „vergessenen Krieg“ die Rede, denn während und nach dem Konflikt erhielt dieser nur unzureichend Aufmerksamkeit. Dennoch ist das Vermächtnis des Koreakriegs tiefgreifend: Er prägt nicht nur nach wie vor geopolitische Angelegenheiten – denn er wurde nie offiziell beendet –, sondern schuf auch einen Präzedenzfall dafür, dass US-amerikanische Präsidenten Kriege ohne Zustimmung des Kongresses führen.

Galerie: 12 Fotos zeigen eine unbekannte Seite Nordkoreas

Die Wurzeln des Krieges liegen in der japanischen Besetzung Koreas zwischen 1910 und 1945. Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging und die alliierten Mächte mit der Zerschlagung des japanischen Imperiums begannen, wurde Koreas Schicksal zu einem Druckmittel zwischen den Vereinigten Staaten und der UdSSR. Die ehemaligen Verbündeten misstrauten einander und gründeten 1948 zum Zweck der gegenseitigen Einflussnahme zwei getrennte koreanische Nationen. Ihre Grenze verlief entlang des 38. Breitengrads, der die Halbinsel durchquert. Nordkorea wurde ein sozialistischer Staat, von Kim Il-sung geführt und von der UdSSR unterstützt. Südkorea hingegen entwickelte sich zu einem kapitalistischen Staat unter der Führung von Syngman Rhee, unterstützt von den Vereinigten Staaten.

Ein südkoreanischer Militärpolizist eskortiert am 21. Juli 1950 einen nordkoreanischen Kriegsgefangenen zu einem Militärgefängnis in Südkorea. Das Schicksal der Kriegsgefangenen war der Knackpunkt bei den Verhandlungen zur Beendigung des Koreakrieges.

Bild AP

Man hatte die Hoffnung, dass die beiden Nationen ein Machtgleichgewicht in Ostasien herstellen würden. Schnell wurde jedoch klar, dass keiner der beiden Staaten den anderen als legitim anerkannte. Nach einer Reihe von kleineren Grenzkonflikten fiel Nordkorea im Juni 1950 in sein südliches Nachbarland ein. Diese Invasion löste einen Stellvertreterkrieg zwischen den beiden Atommächten aus – und den ersten großen Konflikt des Kalten Krieges.

Die USA drängten im neu geschaffenen Sicherheitsrat der Vereinten Nationen darauf, zur Unterstützung Südkoreas die Anwendung von Gewalt zu genehmigen. Derweil verpflichtete US-Präsident Harry Truman bereits Truppen für das Unterfangen – ohne die Zustimmung des Kongresses einzuholen, der allein befugt ist, den Krieg zu erklären. Es war das erste Mal, dass die Vereinigten Staaten ohne eine offizielle Kriegserklärung in einen großen ausländischen Konflikt eintraten.

„Wir befinden uns nicht im Krieg“, beteuerte Truman gegenüber der Presse am 29. Juni 1950. „[Südkorea] wurde unrechtmäßig von einer Bande von Banditen angegriffen, die Nachbarn von Nordkorea sind.“ Trotz der Nachfrage, ob Truman die Befugnisse des Präsidenten überschritten habe, wurde die Beteiligung der USA an dem Konflikt offiziell als „Polizeieinsatz“ verbucht.

US-Soldaten reichen im September 1950 inmitten schwelender Ruinen im südkoreanischen Seoul ein Feuerzeug herum, um ihre Zigaretten anzuzünden. Der Koreakrieg war ein politischer Präzedenzfall: Zum ersten Mal hatte ein US-Präsident Truppen ohne eine Kriegserklärung des Kongresses in einen großen Auslandskonflikt entsandt.

Bild Max Desfor, AP

Die USA gingen davon aus, dass der Krieg schnell gewonnen wäre. Aber diese Annahme erwies sich sehr bald als falsch. In den ersten Tagen des Konflikts drangen UNO-Truppen nach Nordkorea und an die Grenze des kommunistischen China vor. Letzteres reagierte darauf mit der Entsendung von mehr als drei Millionen Soldaten nach Nordkorea. In der Zwischenzeit belieferte und trainierte die UdSSR nordkoreanische und chinesische Truppen und ließ Piloten Einsätze gegen UN-Truppen fliegen.

Im Sommer 1951 hatte sich am 38. Breitengrad eine riskante Pattsituation für die Truppen ergeben. Die Zahl der Opfer stieg. Die Verhandlungen begannen im Juli, am Schicksal der Kriegsgefangenen schieden sich die Geister am Verhandlungstisch. Viele der Soldaten, die von den US-Streitkräften gefangen genommen worden waren, wollten gar nicht in ihre Heimatländer zurückkehren. Nordkorea und China machten ihre Repatriierung aber zur Bedingung für den Frieden. Im Vorfeld des Waffenstillstands von 1953 wurden deshalb in angespannter Atmosphäre eine Reihe von Gefangenenaustauschen durchgeführt. Dabei wurden mehr als 75.000 kommunistische Gefangene zurückgeführt. Über 22.000 sind übergelaufen oder haben Asyl beantragt.

Am 27. Juli 1953 unterzeichneten Nordkorea, China und die Vereinigten Staaten ein Waffenstillstandsabkommen. Südkorea lehnte jedoch die fortbestehende Teilung Koreas ab und stimmte weder dem Waffenstillstand zu, noch unterzeichnete es einen formellen Friedensvertrag. Die Kämpfe waren zwar vorbei, aber technisch gesehen hat der Krieg nie geendet.

Am 26. April 1953 demonstrieren Zivilisten und Soldaten in Seoul gegen die Wiederaufnahme der koreanischen Friedensgespräche.

Bild AP

Nach wie vor ist unklar, wie viele Menschen im Koreakrieg umgekommen sind. Fast 40.000 amerikanische Soldaten und schätzungsweise 46.000 südkoreanische Soldaten wurden getötet. Noch höher war die Zahl der Opfer im Norden, wo schätzungsweise 215.000 nordkoreanische und 400.000 chinesische Soldaten starben. Aber die große Mehrheit der Toten – bis zu 70 Prozent – waren Zivilisten. Man geht davon aus, dass bis zu vier Millionen ihr Leben verloren. Vor allem in Nordkorea kam es durch Bombenangriffe und den Einsatz chemischer Waffen zu verheerenden Verlusten.

August 2000: Eine Südkoreanerin berührt zum ersten Mal das Gesicht ihres nordkoreanischen Sohnes, seit die beiden im Koreakrieg voneinander getrennt wurden. Obwohl der Konflikt auf der koreanischen Halbinsel noch immer schwelt, hoffen viele auf die Wiedervereinigung der beiden Länder.

Bild David Guttenfelder, AP/Nat Geo Image Collection

Siebzig Jahre nach Beginn des Krieges ist Korea immer noch geteilt. Im Jahr 2000 flammte die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung kurz auf, als beide Nationen eine gemeinsame Erklärung abgaben. Darin hieß es, dass sie „konzertierte Anstrengungen“ zur Wiedervereinigung unternehmen würden. Und im Jahr 2018 schüttelten sich die Staats- und Regierungschefs der beiden Länder die Hände und umarmten sich nach einem Gipfel. Mittlerweile sind diese Hoffnungen jedoch verblasst: Im Juni 2020 sprengte Nordkorea ein gemeinsames Büro, das den beiden Nationen als Botschaft diente.

David Guttenfelder über seine Arbeit in Nordkorea

In den Erinnerungen der Amerikaner ist der Koreakrieg vor allem im Schatten des Zweiten Weltkriegs und des Vietnamkriegs weitgehend verblasst. Aber der Präzedenzfall, der durch Trumans Vorgehen in Korea geschaffen wurde, diente US-Präsidenten seither als Rechtfertigung für militärische Interventionen in Vietnam, im Irak und in Afghanistan sowie für UN-Missionen in Bosnien und Haiti. Die erste Entscheidung dieser Art wird seither immer wieder diskutiert. Das beunruhigende Vermächtnis des Krieges lebt also weiter – ohne Erklärung, ohne Lösung und ohne viel Aufsehen.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

Korea

Südkorea verbietet das Töten von Hunden für den Verzehr

Der Beschluss ist ein Teilerfolg, aber der Verzehr von Hundefleisch ist nach wie vor erlaubt.
Wei­ter­le­sen