Katharina von Bora: Die Reformation war kein Ein-Mann-Projekt

Eine entlaufene Nonne und ein exkommunizierter Mönch: Die gleichberechtigte Partnerschaft der Luthers war Zeitgenossen ein Dorn im Auge, doch sie prägte die Geschichte Europas nachhaltig.

Veröffentlicht am 2. März 2021, 13:41 MEZ
Katharina von Bora, die Frau des Reformators Martin Luther, war keine passive Zuschauerin, wie sie auf ...

Katharina von Bora, die Frau des Reformators Martin Luther, war keine passive Zuschauerin, wie sie auf dieser Abbildung dargestellt wird. Vielmehr war sie die kluge Managerin des Familienhofs (und der Brauerei) und Luthers vertraute Beraterin.

Bild ULLSTEIN BILD VIA GETTY IMAGES

Was die Heiratsaussichten anging, war Martin Luther nicht unbedingt erste Wahl. Der Theologieprofessor mittleren Alters war bekannt dafür, laut, streitlustig und voreingenommen zu sein. Er war ständig unterwegs, stammte aus einer einfachen Familie und hatte nicht mal genug Geld, um einen Ehering zu kaufen.

Und: Der Papst höchstpersönlich hatte den deutschen Theologen mit einem Wildschwein verglichen, ihn zum Ketzer erklärt und angeordnet, alle seine Schriften zu verbrennen.

Doch eine Adelige und ehemalige Nonne namens Katharina von Bora sah in dem 42-jährigen Prediger etwas, das sie in den Bann zog. Als das Paar 1525 heiratete, war das ein Skandal, der in ganz Europa nachhallte – und der Beginn einer Partnerschaft, die mehr als zwei Jahrzehnte dauerte und den Lauf der Geschichte prägte.

Rund ein halbes Jahrtausend ist es her, dass Luther seine 95 Thesen an eine Kirchentür in Wittenberg nagelte – ein Akt, der ihm seinen Platz in der Geschichte sicherte. Doch Historikern zufolge hätte seine spätere Karriere – und die Reformationsbewegung, die er anführte – ohne seine Heirat mit von Bora vielleicht ganz anders ausgesehen.

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Luthers Braut war keine gewöhnliche Frau, besonders für das 16. Jahrhundert. 1504, im Alter von fünf Jahren, wurde von Bora als Tochter verarmter deutscher Adliger in ein Kloster abgeschoben. Die meiste Zeit ihres frühen Lebens verbrachte sie dort zurückgezogen in in Nimbschen bei Grimma, nicht weit von Leipzig, wo sie lesen, schreiben, Latein sprechen und singen lernte. Möglicherweise lernte sie hinter den Klostermauern auch, Bücher zu führen, einen Bauernhof zu bewirtschaften und Kranke zu versorgen.

Irgendwann könnten Kopien von Luthers feurigen Pamphleten, die den Zölibat und die klösterlichen Orden angriffen, Katharina und andere dazu inspiriert haben, ihre Gelübde zu verwerfen und das Kloster zu verlassen. Irgendwie schmuggelte eine Gruppe von Nimbschener Nonnen eine Nachricht an die Außenwelt aus den Klostermauern. Luther arbeitete mit einem örtlichen Kaufmann zusammen, um eine waghalsige nächtliche Rettungsaktion zu planen – zu einer Zeit, als es mit dem Tode bestraft werden konnte, eine Nonne aus dem Kloster zu holen. Am 7. April 1523 wurden die Frauen von einem Kaufmann, der Heringe lieferte, aus Nimbschen herausgeschmuggelt.

In Wittenberg angekommen, wurden die Flüchtigen innerhalb weniger Monate mit geeigneten Junggesellen verheiratet – alle bis auf eine ältere Nonne, die Arbeit als Schulleiterin fand, und von Bora, die mehrere Verehrer abwies und sich schließlich weigerte, irgendwen anderes als Luther zu heiraten. Zunächst widerstrebe ihm das, doch schließlich entschied sich Luther, sie zu ehelichen. „Bei unserer Hochzeit, da werden die Engel lachen und die Teufel, die werden weinen!“, schrieb er.

Porträt der Katharina von Bora, gemalt 1529 von Lucas Cranach dem Älteren, einem engen Freund der Luthers.

Bild DeAgostini, Getty Images

Zu dieser Zeit war Luthers Ehe auf vielen Ebenen ein Skandal: Er war ein Mönch, der sein Gelübde gebrochen hatte, verheiratet mit einer Nonne, die ihres gebrochen hatte. Während Luther seine Karriere als Theologe und Prediger fortsetzte, setzte sich seine Ehe über Jahrhunderte der katholischen Lehre zum Zölibat und Priesteramt hinweg. Und sie etablierte verheiratete Geistliche als Präzedenzfall für die Kirchen der Reformation.

Es war daher nicht verwunderlich, dass Luthers Gegner sich Katharina als möglichen Schwachpunkt suchten: Sie hofften, dass sie durch ihre Diskreditierung Luthers Glaubwürdigkeit als Mann Gottes untergraben könnten. Katharina wurde als Alkoholikerin, geldgierig und als Schlampe bezeichnet. Auf antireformatorischen Pamphleten wurde sie beschuldigt, mit Luther außereheliche Kinder zu haben. Allein die Tatsache, dass sie eine ehemalige Nonne war, war Skandal genug.

„Kaum hatte dieser ehemalige Mönch eine ehemalige Nonne geheiratet, haben sich die Leute sofort dafür interessiert“, sagt Gabriele Jancke, Historikerin an der Freien Universität Berlin. „In dem Moment, in dem jemand aus dem Kloster austrat, zerstörte er sich selbst – aus katholischer Sicht. Das war genauso schlimm wie geschieden zu sein.“

Als Luthers intellektueller Ruhm wuchs, nannten einige seiner Verbündeten, die sich mit der übergroßen Präsenz seiner Frau unwohl fühlten, sie in ihren Briefen „die Lutherin“ – als böswillige Anspielung auf Katharina und ihren Mann. Andere versuchten, Luther auf die Schippe zu nehmen, indem sie behaupteten, dass einige seiner Ideen in Wirklichkeit von Katharina stammten.

„Frauen sollte man damals sehen, nicht hören“, sagt Martin Treu, Historiker der Luther-Gesellschaft in Wittenberg und Autor einer Biografie von von Bora. „Von Bora galt als selbstbewusst, willensstark und unabhängig – alles negative Attribute für Frauen zu dieser Zeit.“

Die 21 Jahre währende Ehe der Luthers war ein für ihre Zeit ungewöhnliches Arrangement. Während Luther seine Zeit mit Lehren, Predigen und Schreiben verbrachte, arbeitete Katharina unermüdlich, um das Familienunternehmen am Laufen zu halten. Nach Luthers Heirat baute Katharina ein dreistöckiges ehemaliges Klostergebäude zu einer Art Hotel, Wohnheim und Tagungszentrum um.

Während einheimische Studenten und Gastprofessoren in den Zimmern im Obergeschoss untergebracht waren und für den Zugang zu Luthers Ideen und Prestige hohe Preise zahlten, investierte Katharina das Einkommen. Schlussendlich umfasste der Besitz der Luthers einen großen Bauernhof, mehrere Gärten, Fischteiche und Obstgärten. Briefe und Rechnungsbücher zeigen, dass sie außerdem mehr Kühe und Schweine besaßen als irgendjemand sonst in Wittenberg. Zu jener Zeit hatte die Stadt mehrere tausend Einwohner. Obendrein betrieb Katharina eine Hausbrauerei, die jährlich 8.800 Humpen Bier produzierte.

Martin Luther war 50 Jahre alt, als Cranach dieses Porträt im Jahr 1533 malte.

Bild Fine Art Images, Heritage Images, Getty Images

Luther bezeichnete seine Frau manchmal als „Morgenstern von Wittenberg“. Sie stand früher als jeder andere in der Stadt auf, um einen Stab von fast einem Dutzend Dienern zu leiten, sich um ihre sechs Kinder zu kümmern und das Äquivalent eines mittelgroßen Unternehmens zu führen. (In einigen der 21 erhaltenen Briefe, die er an sie schrieb, nannte er sie auch „mein Herr Käthe“). Luther war unterdessen frei, um zu reisen, zu lehren, zu schreiben und zu predigen. „Er war nicht so sehr in die täglichen Angelegenheiten verwickelt“, sagt Jancke. „Er war vollkommen zufrieden damit, dass seine Frau das übernahm.“

Zieht man die Kosten für die Führung des Haushalts von dem ab, was Katharina von Untermietern und Gästen verlangte, brachte die entflohene Nonne laut Historikern mit ihren verschiedenen Unternehmungen so viel Geld ein wie ihr Mann, der als Dozent an der örtlichen Universität lehrte. „Im Kloster stand sie ganz unten in der Hierarchie“, sagt Jancke. „Durch die Heirat mit Luther wurde sie zur Chefin.“

Als sich die Reformationsbewegung in ganz Europa ausbreitete, wurde das Haus, das Katharina leitete, zu ihrem Epizentrum. Nach dem Abendessen diskutierten Luther, Katharina und ausgewählte Gäste in lateinischer Sprache über Theologie und Politik und feilten an den geistigen Grundlagen der Reformation. Ihre Anwesenheit bei Luthers „Tischreden“ war ungewöhnlich. Frauen waren in der Regel von solchen Diskussionen ausgeschlossen, und die Zeitgenossen nahmen ihre Anwesenheit missbilligend zur Kenntnis. Sabine Kramer ist eine Historikerin und evangelische Pfarrerin, die ihre Doktorarbeit über von Bora geschrieben hat. Sie sagt, als die Abschriften dieser Debatten Jahrzehnte später bearbeitet und veröffentlicht wurden, wurden viele von Katharinas Beiträge entfernt oder Männern zugeschrieben.

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Bemerkenswert ist, dass Luthers letzter Wille Katharina zu seiner Alleinerbin machte und sie zum Vormund der gemeinsamen Kinder ernannte. (Treu sagt, dass dieser Schritt zu jener Zeit unerhört war und schließlich von ungläubigen Richtern nach Luthers Tod im Jahr 1546 für illegal erklärt wurde.) In ihrer Ehe gab es zwar scharf definierte Rollen, die modernen Feministinnen befremdlich erscheinen würden, „aber sie war eine gleichberechtigte Partnerin“, sagt Treu.

Kramer sagt, von Boras Geschichte sei eine Erinnerung daran, dass die Reformation kein Ein-Mann-Projekt war.

„Luther hat seine Rolle in der Reformation gespielt, aber es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Katharina auch ihre gespielt hat“, so Kramer. „Es hätte keine Tischreden gegeben, wenn sie nicht den Tisch zur Verfügung gestellt hätte.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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