Wie ein magischer Spiegel der Azteken an den Hof von Elisabeth I. gelangte

Der königliche Berater und berühmte Okkultist John Dee soll den schwarzen Spiegel aus Obsidian im 16. Jahrhundert benutzt haben, um Geister zu beschwören. Jetzt haben Wissenschaftler herausgefunden, woher das mystische Objekt stammt.

Dieser Obsidianspiegel soll im 16. Jahrhundert am Hofe von Elisabeth I. von ihrem königlichen Berater für okkulte Praktiken genutzt worden sein und einen aztekischen Ursprung haben.

Bild S. Campbell
Veröffentlicht am 18. Okt. 2021, 11:12 MESZ

Der Name des im Jahr 1527 in London geborenen Mathematikers, Geographen, Astrologen und Mystikers John Dee ist unlösbar mit der englischen Monarchie verbunden – sein Status und Ansehen in diesen Kreisen änderte sich jedoch im Laufe seines Lebens. Wurde er unter Maria I., der Tochter Heinrich VIII., noch der Zauberei und schwarzen Magie angeklagt, schwang er sich nach deren Tod zum königlichen Berater und Hofastrologen von Elisabeth I. auf.

Eines seiner Arbeitsinstrumente – ein „magischer Spiegel“ – wurde kürzlich genaueren Untersuchungen unterzogen, die seinen Ursprung aufklären sollten. Die abschließende Studie wurde in der Zeitschrift „Antiquity“ veröffentlicht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass der mysteriöse Gegenstand, den John Dee unter anderem nutzte, um mit Engeln und Geistern zu kommunizieren, vor etwa 500 Jahren im aztekischen Mexiko angefertigt worden ist.

Dieses Porträt zeigt John Dee, der zwischen 1527 und 1608 lebte. In der neuen Studie schreiben die Autoren über ihn: „Er bewegte sich auf einem schmalen Grat zwischen ‚natürlicher Magie‘, die als Wissenschaft wahrgenommen wurde, und ‚dämonischer Magie‘, die als Perversion der Religion galt – und von der er schließlich stärker angezogen wurde.“

Bild Courtesy Ashmolean Museum, University of Oxford

Dem Okkultisten, der William Shakespeare als Vorlage für den Magier Prospero in dem Stück „Der Sturm“ gedient haben soll, wird nachgesagt, dass er verschiedene magische Praktiken betrieben haben soll: von der Wahrsagerei bis hin zur Geister- und Engelbeschwörung, die er mithilfe von Kristallen und Spiegeln kontaktierte, um mit ihnen zu sprechen. Den Azteken-Spiegel erwarb John Dee vermutlich Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, im 18. Jahrhundert kaufte ihn dann der Schriftsteller Horace Walpole, der ihn ebenfalls im Rahmen magischer Rituale einsetzte.

Im späten 19. Jahrhundert gelangte der Spiegel schließlich in die Sammlung des British Museum in London, wo er seitdem in der „Enlightment Gallery“ ausgestellt wird, deren Kollektion Artefakte aus den Jahren 1620 bis 1860 umfasst.

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Der Spiegel von John Dee war nicht das einzige Objekt, dass sich die Wissenschaftler genauer ansahen. Drei andere Gegenstände, die das British Museum im 19. Jahrhundert über eine Sammlerin aus Mexiko bezogen hatte, wurden ebenso untersucht: zwei fast identische Spiegel und eine polierte, rechteckige Platte. Die vier Objekte sind alle aus demselben Material gefertigt: Obsidian, ein natürlich vorkommendes vulkanisches Gesteinsglas.

Die chemische Zusammensetzung von Obsidian variiert je nach Ursprungsort in ihren Anteilen an Titan, Eisen, Strontium und anderen Elementen. Jedes dieser Elemente leuchtet auf distinktive Weise, wenn es Röntgenstrahlen ausgesetzt ist. Das machte es den Wissenschaftlern mögliche, mithilfe eines Röntgenfluoreszenz-Scanners die Anteile der verschiedenen Elemente in dem Gesteinsglas und damit den geochemischen Fingerabdruck der Objekte zu bestimmen. Sie fanden heraus, dass das Material für den Spiegel von John Dee und einen der beiden anderen in der Nähe von Pachuca in Zentralmexiko abgebaut wurde.

Der Obsidian, aus dem der andere Spiegel und die Platte, bei der es sich vermutlich um einen tragbaren Altar handelt, gefertigt sind, stammt aus der Umgebung von Ucareo, etwa 245 Kilometer westlich von Pachuca.

In alten aztekischen Kodexen wie dem hier gezeigten Kodex Tepetlaoztoc aus dem 16. Jahrhundert finden sich oft Darstellungen von Obsidianspiegeln. Die Menschen des antiken Mesoamerikas hielten sie für Tore zur Geisterwelt.

Bild Courtesy The Trustees of the British Museum

Laut Stuart Campbell, Archäologe an der University of Manchester in England und leitender Autor der Studie, befanden sich beide Abbaugebiete zum Herstellungszeitpunkt der Objekte unter aztekischer Herrschaft. Die Anfertigung von Obsidianspiegeln für den magischen Gebrauch hätte bei den Azteken eine lange Tradition gehabt, erklärt er. In Kodexen, die kurz nach der Spanischen Eroberung im frühen 16. Jahrhundert entstanden, fänden sich Darstellungen solcher Spiegel. Auch in Bildnissen des aztekischen Gottes der Nacht, Tezcatlipoca, der auch „Rauchende Spiegel“ genannt wurde und zu Weissagungen fähig war, sind die Spiegel zu sehen.

Laut dem aztekischen Glauben zeigten die Spiegel zunächst Rauch, der, nachdem er sich verzogen hatte, den Blick auf eine andere Zeit oder einen weitentfernten Ort freigab.

Die Menschen im antiken Mesoamerika sahen die Spiegel als Pforten in andere Welten, „ein bisschen wie bei ‚Alice im Wunderland – Hinter den Spiegeln‘“, erklärt Karl Traube, Anthropologe an der University of California in Riverside. „Wenn man tief genug hineinschaute, konnte man eine Verbindung zu dieser Welt herstellen.“ Taubes, dessen Fachgebiet aztekische Spiegel sind, war nicht an der Studie beteiligt.

Die Erkenntnis, dass der „magische Spiegel“ im British Museum aztekischen Urspungs ist, stützt die These, dass John Dee ihn für die Wahrsagerei und die Beschwörung von Engeln und Geistern verwendet hat. Stuart Campbell hält es für sehr wahrscheinlich, dass der königliche Berater, dessen Interesse an der Entdeckung und Erforschung der Neuen Welt bekanntermaßen groß war, von den vermuteten Zauberkräften des Spiegels wusste. Während einer Reise durch Europa im späten 16 Jahrhundert soll er ihn vermutlich erworben haben.

Aufzeichnungen belegen, dass, kurz nachdem Hernán Cortés im Jahr 1521 mit seinen Truppen die aztekische Hauptstadt Tenochtitlan eingenommen hatte, eine Reihe solcher Spiegel von Mexiko nach Europa verschifft wurden. Wie die Azteken glaubten auch die Europäer dieser Zeit, dass Spiegel über magische Kräfte verfügten – ein zusätzlicher Aspekt, der die Annahme, dass John Dee den Spiegel für okkulte Praktiken einsetzte.

In Großbritannien ist der elisabethanische Protowissenschaftler auch heute noch bekannt – zum Beispiel inspirierte er den Sänger der Band Blur, Damon Albarn dazu, eine Oper mit dem Namen „Dr Dee“ zu komponieren, deren Hauptfigur er ist. Er findet außerdem in auffällig vielen historischen Berichten Erwähnung.

„Oft liest man etwas, das in keinem Zusammenhang mit John Dee steht – und plötzlich taucht sein Name auf“, sagt Stuart Campbell. „Er war auf so vielen verschiedenen Gebieten aktiv und schon früh in neue Ansätze bei der Erforschung der Natur involviert.“

Dieser Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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