Animierte Höhlenkunst aus Montastruc: Die Zeichentrickfilme der Steinzeit

Mithilfe experimenteller Methoden und neuer Technologien haben britische Forscher Kalksteinplaketten aus dem prähistorischen Frankreich untersucht. Ihre Ergebnisse legen nahe: Schon Steinzeitmenschen liebten animierte Bildergeschichten.

Von Insa Germerott
Veröffentlicht am 28. Apr. 2022, 10:12 MESZ
Darstellung der echten Plaketten neben den Nachbildungen, bei denen die Verfärbungen deutlich zu erkennen sind.

Vergleich zwischen der Montastruc-Plakette (a, b) und der Nachbildung (c, d), die im Experiment verwendet wurde. Die rosa Verfärbungen wurden durch die Erwärmung der Steine verursacht.

Foto von Andy Needham et al.

Höhlenmalereien und Venusfigurinen – schon in der Steinzeit war die Kunst eine gängige Form des Ausdrucks. Die Menschen des Jungpaläolithikums, also der jüngeren eurasischen Altsteinzeit, verewigten sich bevorzugt auf Steinplaketten. Das belegen häufige Funde dieser Objekte aus dem Magdalénien, einer archäologischen Kulturstufe, die in dieses Zeitalter fällt.

Bereits in den Fünfzigerjahren wurden fünfzig dieser mit Gravuren versehenen Plaketten aus Kalkstein in der Nähe von Montastruc in Südfrankreich entdeckt. Diese werden heute im British Museum in London verwahrt, Archäologen schätzen sie auf ein Alter von 15.000 Jahren. Die Gravuren stellen verschiedene Motive dar, unter anderem Tiere der eiszeitlichen Fauna.

Unter der Leitung des Archäologen Andy Needham von der University of York, England, wurden die Plaketten nun im Rahmen einer experimentellen Studie neuen Untersuchungen unterzogen. Mithilfe von Technologien wie Virtual Reality und 3D-Modellen wollte das Forschungsteam herausfinden, wie die steinzeitlichen Plaketten hergestellt und genutzt worden sein könnten. Ihre Ergebnisse sind beeindruckend: Vermutlich wurde die Kunst aus der Höhle nicht einfach nur betrachtet, sondern zudem animiert – eine Art Steinzeit-Zeichentrickfilm.

Wissen kompakt: Höhlenkunst

Feuer erweckt Bilder zum Leben

Einige der gravierten Steine wiesen rötliche Verfärbungen auf, deren Ursprung schnell erklärt war: Sie entstehen, wenn bestimmte Substanzen im Kalkstein auf hohe Temperaturen reagieren. Somit belegten die Spuren, dass die Steine in unmittelbarer Nähe zu Feuerstellen gelegen haben müssen. 

Die Frage war nun, warum sie dort platziert wurden. Um das herauszufinden, wendete das Forschungsteam verschiedene Verfahren der experimentellen Archäologie an. Sie fertigten 3D-Modelle der Steine an und gravierten sie nach Vorlage der gefundenen Plaketten. Mit diesen Modellen führten sie anschließend Versuche durch, bei denen sie die Nachbildungen in unterschiedlichen Entfernungen und Anordnungen zur Feuerstelle positionierten und mithilfe von Virtual Reality visuelle Effekte reproduzierten.

So stellten sie fest, dass die Gravuren, wenn man sie im richtigen Winkel positionierte, durch das Zusammenspiel mit dem flackernden Feuer dynamisch und lebendig wirkten. „Die menschliche Neurologie ist darauf abgestimmt, sich abwechselnde Licht- und Schattenverhältnisse als Bewegung zu interpretieren sowie visuell bekannte Formen unter solch variierenden Lichtbedingungen zu erkennen“, heißt es in der Studie. Das Steinzeitkino hat sich damit einen Mechanismus zu Nutzen gemacht, der Pareidolie genannt wird – eine Sinnestäuschung.

Gemeinsamer Kinobesuch

Die Erkenntnisse der Studie lassen neue Einblicke in die ursprüngliche Anwendung der Plaketten von Montastruc zu: Sie wurden vermutlich bei nächtlichen Zusammenkünften gemeinsam hergestellt und betrachtet und hatten soziokulturelle Bedeutung. Die animierten Tierbilder könnten laut Needham auch dazu gedient haben, das damalige Verhältnis von Mensch und Tier zu thematisieren.

Izzy Wisher, Doktorandin an der Universität Durham und Co-Autorin der Studie, erklärt: „Unsere Ergebnisse untermauern die Annahme, dass die warme Glut des Feuers den Mittelpunkt der Gemeinschaft bildete, um sich zu treffen, Geschichten zu erzählen – und sich künstlerisch auszudrücken.“ Die Studie belege das komplexe Denkvermögen prähistorischer Menschen. Außerdem zeige sie, dass gemeinschaftliche Freizeitaktivitäten schon vor Tausenden von Jahren im Sozialleben unserer Vorfahren verankert waren – und etwas sind, das uns Menschen ausmacht.

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