45.500 Jahre altes Schwein ist die älteste Figurenmalerei der Welt

Die Höhlenmalerei ist älter als vergleichbare Kunstwerke in Europa. Auch deshalb spekulieren Forscher über die Frage, wo und wann sich die Kunstfertigkeit früher Menschen zuerst entwickelte.

Veröffentlicht am 18. Jan. 2021, 15:16 MEZ
Schwein

Das auffallend große Schwein auf der Höhlenmalerei könnte eine besonders geschätzte Beute für den prähistorischen Künstler gewesen sein.

Bild Maxime Aubert

Vor etwa 45.500 Jahren wagten sich auf der indonesischen Insel Sulawesi Menschen in eine Höhle und skizzierten die rundliche Form eines heimischen Schweins – komplett mit borstigem Rücken und Gesichtswarzen. Archäologen glauben nun, dass dieses korpulente Schwein die älteste Zeichnung eines Lebewesens darstellt, die bisher entdeckt wurde.

Eine Studie, die in „Science Advances“ veröffentlicht wurde, zeigt ein Bild von der Zeichnung des Tieres, das anscheinend zwei andere Schweine ansieht, die gerade zu streiten scheinen. Die Umrisse zweier menschlicher Hände sind in der Nähe des Steißes des Schweins positioniert. Ein borstiger Fleck in der Mitte der Gruppe könnte auf ein viertes Lebewesen hindeuten.

Die Malerei, die mit rotem Ocker auf die Innenwände der Höhle gemalt wurde, wurde im Dezember 2017 von dem lokalen Archäologen Basran Burhan entdeckt. Derzeit promoviert er an der australischen Griffith University. Er leitete ein kleines Team, das in Höhlen im Süden Sulawesis nach Spuren alter menschlicher Aktivitäten suchte, als er die Schweinezeichnung an einem Ort namens Leang Tedongnge entdeckte.

Wissen kompakt: Höhlenkunst

Laut Adam Brumm, dem Erstautor der neuen Studie und einem Archäologen an der australischen Griffith University, könnten die alten Schweinemalereien besonders geschätzte Jagdtrophäen darstellen.

„Das sind eigentlich sehr, sehr kleine Schweinchen. Aber diese alten Künstler haben sie so prächtig fett dargestellt – ich kann mir vorstellen, dass es etwas mit ihrem Streben danach zu tun hat, die größten und fettesten Schweine zu töten, die sie finden konnten, da sie die größte Menge an Fleisch und Protein lieferten“, sagt er.

Das neu entdeckte Gemälde ist zwar die weltweit älteste bisher gefundene figurative Kunst, aber nicht unbedingt das älteste Kunstwerk. „Es hängt davon ab, welche Definition von ‚Kunst‘ man verwendet“, sagt die Mitautorin Maxime Aubert, eine Archäologin an der Griffith University. Erst kürzlich entdeckte man beispielsweise eine 73.000 Jahre alte Skizze in Südafrika. Die Striche, die einem Hashtag ähneln, halten einige für die älteste bekannte Zeichnung der Welt.

Die Höhlenmalerei auf Sulawesi fügt sich in eine reiche Tradition der Höhlenkunst ein, die in ganz Indonesien zu finden ist. Allein auf Sulawesi haben Wissenschaftler in den letzten 70 Jahren Bilder in etwa 300 Höhlen identifiziert. Dazu gehören auch die zweitältesten figurativen Höhlenmalereien: eine mindestens 44.000 Jahre alte Darstellung, die den Nervenkitzel einer Jagd zeigt, bei der zwei bis vier Zentimeter große Humanoide Schweine und kleine Verwandte des Wasserbüffels jagen.

Die Höhlenmalerei könnte eine Szene mit mehreren Schweinen darstellen, die miteinander interagieren. Aber die Erosion hat den Großteil der Körper von zwei oder eventuell drei Tieren weggespült, sodass sich nur schwer genau sagen lässt, was das ursprüngliche Bild darstellte.

Bild AA Oktaviana

Dank dieser Reihe von Entdeckungen in Indonesien begann sich auch das Denken der Wissenschaftler darüber zu verändern, wann, wo und wie die ersten Funken menschlicher Kreativität flogen, sagt Aubert. Die Vorstellung geht weg von der „eurozentrischen Weltsicht“, laut der hochentwickelte Malerei erst mit der Ankunft der Menschen in Europa begann.

Die Anfänge der Kunst

Um festzustellen, wann das große Schweinebild entstanden ist, nutzte ein internationales Forscherteam radioaktives Uran, das sich natürlich im Kalkstein bildet. Wenn Wasser durch die Höhle sickert, löst es Teile des Kalksteins und das darin enthaltene Uran auf und lagert beides in dünnen Schichten an den Höhlenwänden ab. Da Uran mit einer bekannten Rate zu Thorium zerfällt, können die Wissenschaftler ein Mindestalter für die Kunstwerke schätzen, indem sie die relativen Mengen dieser beiden Elemente analysieren.

Die Forscher verwendeten einen kleinen Meißel, um für die Uran-Thorium-Datierung eine knorrige Ansammlung von Mineral zu entfernen, das sich am hinteren Bein der vollständigsten Schweinefigur abgelagert hatte. Die Ergebnisse zeigten, dass die Malerei mindestens 45.500 Jahre alt ist. Es ist auch möglich, dass die Zeichnungen noch älter sind, da diese Methode nur die Mineralablagerungen auf den Kunstwerken datiert, nicht aber die Kunstwerke selbst.

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Ohne zusätzliche Datierung der anderen Elemente in der Szene können die Autoren noch nicht bestätigen, ob das gesamte Wandbild auf einmal entstanden ist. Eines der unvollständigen Schweine besteht aus zwei verschiedenen Farbpigmenten, was nach Ansicht der Autoren dafür sprechen könnte, dass zu verschiedenen Perioden an dem Kunstwerk gearbeitet wurde.

Einer der Mitautoren der Studie ist der Forscher Adhi Agus Oktaviana vom Pusat Penelitian Arkeologi Nasional in Jakarta, Indonesien. Er erzählt, dass er neuen Respekt vor den prähistorischen Künstlern gewann, als er für die Studie Fotos der Figuren digital nachzeichnete.

„Ich finde das unglaublich. Ich glaube, sie wussten genau, wie sie die Werkzeuge zum Zeichnen einsetzen und wie sie die Komposition für die Bildausschnitte gestalten mussten“, sagt Oktaviana, der derzeit an der Griffith University promoviert.

Solche frühen Anfänge der Kunst spiegeln eine wichtige Veränderung in der Art und Weise wider, wie unsere Vorfahren sich mit ihrer Umwelt und der umgebenden Landschaft auseinandersetzten, sagt April Nowell. Die Paläo-Archäologin an der Universität von Victoria in British Columbia gehörte nicht zum Studienteam. „Sie geben ihrem Ort eine Bedeutung, eine Wichtigkeit, vielleicht eine symbolische Dimension“, sagt sie.

Die Studie in „Science Advances“ dokumentiert auch das Alter einer weiteren Schweinemalerei in einer nahegelegenen Höhle namens Leang Balangajia 1, die das Team bei einer Expedition 2018 entdeckte und auf mindestens 32.000 Jahre datierte. Der Fund von Werkzeugen zur Ockerverarbeitung an der nahegelegenen Fundstelle Leang Bulu Bettue bestätigte zuvor außerdem, dass die Geschichte der menschlichen Aktivität auf Sulawesi mindestens 40.000 Jahre alt ist.

„Es ist möglich, dass sie dieses Pigment für ihre Felsbildkunst verwendet haben. Aber wir waren noch nicht in der Lage, die direkte Verbindung zwischen den [Werkzeugen] und der Kunst selbst herzustellen“, sagt Brumm. Dennoch hält er diese Verbindung aufgrund der Anzahl von Höhlenmalereifunden ähnlichen Alters in der Region für wahrscheinlich.

Evolution der Kunst

Bis vor kurzem konzentrierte sich ein Großteil der wissenschaftlichen Diskussion über komplexe Höhlenmalereien auf Europa. Die Menagerien an den Wänden der südfranzösischen Höhle Chauvet-Pont d'Arc sind etwa 36.000 Jahre alt. Die Bisonherde, die die Höhlendecke von Altamira in Nordspanien ziert, stammt aus der gleichen Zeitspanne. Und die Ansammlung der ausgestreckten Hände und roten Scheiben in der spanischen Castillo-Höhle ist mehr als 40.800 Jahre alt.

Doch 2014 wendete ein Team um Aubert und Brumm das Blatt, als sie die Entdeckung von mindestens 39.000 Jahre alten Höhlenmalereien auf Sulawesi bekanntgaben. Bis dato war man davon ausgegangen, dass die Kunstwerke nicht älter als 12.000 Jahre sind.

„Das untergräbt wirklich die Idee, dass Europa die hohe Schule der menschlichen Evolution ist“, sagt Nowell. Auch wenn das neu entdeckte Schweineporträt nur einen Hauch älter ist als der bisherige Rekordhalter, verleiht seine Entdeckung der Kunst in der Region noch mehr Tiefe.

„Manch einer meint vielleicht, das sei nur ein weiteres Schwein“, sagt Nowell. „Aber das ist nicht der Punkt. Es spricht wirklich für eine größere, nachhaltige Veränderung im Verhalten.“

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Die zunehmende Zahl von Funden in Indonesien lege die Möglichkeit nahe, dass sich komplexe Kunstfertigkeit unabhängig voneinander in Europa und Asien entwickelt haben könnte, sagt Aubert. Oder vielleicht hatten die Menschen bereits die Fähigkeit zu solchen Kunstwerken, als sie aus Afrika auswanderten, „und jetzt fangen wir an, Spuren davon überall dort zu finden, wo sie hingingen“.

Die neu entdeckten Kunstwerke machen nun auch den Anfang damit, eine 20.000 Jahre lange Lücke in den archäologischen Aufzeichnungen zu füllen, während der unsere Vorfahren im heutigen Indonesien und Australien Inseln besiedelten. Jüngste Ausgrabungen in Nordaustralien deuten auf die Präsenz moderner Menschen vor mindestens 65.000 Jahren hin. In Indonesien schienen sie auf Basis bisheriger Funde erst 20.000 Jahre später in Erscheinung zu treten.

Doch selbst mit dem neuen Fund bleibt eine chronologische Lücke. Es gebe keinen Grund zu der Annahme, dass die Bewohner Sulawesis plötzlich vor 45.000 Jahren zu malen begannen, sagt Aubert. Ihr zufolge gibt es in der Region wahrscheinlich noch ältere Kunstwerke.

Eines ist sicher, sagt Brumm: Es warten noch mehr Überraschungen auf uns. „Es zeigt einfach, wie viele Kunstwerke auf dieser Insel darauf warten, gefunden zu werden“, sagt er. „Sie verstecken sich direkt vor unseren Augen.“

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht.

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