Wissenschaft

Älteste Höhlenkunst stammt wahrscheinlich von Neandertalern

Die neuen Befunde lassen darauf schließen, dass die geistigen Fähigkeiten von Neandertalern denen moderner Menschen ebenbürtig waren. Freitag, 23 Februar

Von Michael Greshko

Schon lange vor Picasso betätigten sich frühe Künstler im heutigen Spanien kreativ – sie mischten Pigmente, bastelten Perlen aus Muscheln und verzierten Höhlenwände mit Wandmalereien. Das Besondere daran? Bei diesen innovativen Künstlern handelte es sich wahrscheinlich um Neandertaler.

Die Höhlenmalereien und Muschelperlen, die auf ein Alter von etwa 65.000 Jahren datiert wurden, sind die ersten bekannten Kunstwerke, die aus der Zeit der Neandertaler stammen – und unter ihnen befindet sich die älteste bisher gefundene Höhlenkunst. In zwei neuen Studien, die in „Science“ und „Science Advances“ erschienen, legen Forscher dar, dass diese Kunstwerke vor der Ankunft des Homo sapiens in Europa entstanden. Das bedeutet, dass jemand anderes sie geschaffen haben muss.

In drei spanischen Höhlen entdeckten die Forscher mehr als ein Dutzend Wandmalereien, die mehr als 65.000 Jahre alt sind. In der Cueva de los Aviones im Südosten Spaniens fanden die Muschelperlen mit Löchern sowie Pigmente, die mindestens 115.000 Jahre alt sind.

„Die Funde aus Aviones sind die derzeit ältesten bekannten persönlichen Schmuckgegenstände der Welt“, sagt der Co-Autor der Studie João Zilhão, ein Archäologe der Universität Barcelona. „Sie sind 20.000 bis 40.000 Jahre älter als alle auch nur vage vergleichbaren Funde aus Afrika. Und sie wurden von Neandertalern gemacht. Muss ich noch mehr sagen?“

Die Autoren argumentieren, dass die Neandertaler dem Homo sapiens geistig ebenbürtig waren, all ihren einfältigen Darstellungen in der Popkultur zum Trotz. Sofern die Befunde nicht widerlegt werden, lassen sie vermuten, dass die Intelligenz hinter den symbolischen Kunstwerken auf den gemeinsamen Vorfahren von Homo sapiens und Homo neanderthalensis zurückgeht, der vermutlich bis vor etwa 500.000 Jahren lebte.

„Die Neandertaler schienen eine kulturelle Kompetenz zu besitzen, die auch dem modernen Menschen zu eigen war“, sagt John Hawks, ein Paläoanthropologe von der Universität Wisconsin-Madison, der an der Studie nicht beteiligt war. „Das waren keine dummen Wüstlinge, sondern [sie waren] ganz erkennbar menschlich.“

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1856 fanden Arbeiter in einem Kalksteinbruch im Neandertal Knochen, die auf den ersten Blick einem missgebildeten Menschen zu gehören schienen. Die damaligen Wissenschaftler kamen bald darauf zu dem Schluss, dass das Wesen mit den ausgeprägten Augenbrauenwülsten und dem breiten Brustkorb zu einer eigenen Art der Gattung Homo gehörte: Homo neanderthalensis.

Zu jener Zeit galten die Neandertaler eher als stupide Kraftpakete denn als Feingeister. Ein Wissenschaftler schlug sogar vor, die Art Homo stupidus“ zu nennen. Aber seit den 1950ern haben Forscher sich zunehmend von dem primitiven Stereotyp verabschiedet. Die Neandertaler bestatteten ihre Toten mit Sorgfalt, stellten Steinwerkzeuge her und nutzen Heilpflanzen.

Genetische Analysen zeigten sogar, dass Neandertaler und moderne Menschen gemeinsamen Nachwuchs zeugten. Etwa zwei Prozent der DNA heutiger Europäer und Asiaten geht auf Neandertaler zurück.

Manche Forscher scheuten sich aber zu behaupten, dass Neandertaler auch symbolische Kunst schaffen konnten. Basierend auf der Beweislage schien es lange Zeit so, als hätte sich die frühe europäische Höhlenkunst erst mit der ersten großen Welle von Homo sapiens ausgebreitet, die vor 40.000 bis 50.000 Jahren den Kontinent erreichten.

Andere Studien machten die Sache noch komplizierter: In Frankreich entdeckten Wissenschaftler Schmuck, der vor etwa 43.000 Jahren von Neandertalern gemacht wurde. In einer spanischen Höhle entdeckte man ähnlich alte Kohlezeichnungen neben anderen Höhlenmalereien. Aber keine dieser Fundstellen reicht wesentlich weiter in der Vergangenheit zurück als die Ankunft des H. sapiens in Europa. Das lässt natürlich auch die Schlussfolgerung zu, dass die Neandertaler ihre neuen, kultivierteren Nachbarn lediglich nachgeahmt haben.

„Wenn man 100 repräsentative Archäologen befragen würde, ob die Neandertaler Höhlenmalereien geschaffen haben, würden 90 Prozent von ihnen nein sagen“, sagt der Co-Autor Alistair Pike von der Universität von Southampton.

EINE ELEMENTARE ANGELEGENHEIT

Um zu zeigen, dass auch die Neandertaler Künstler waren, mussten die Forscher in Europa Kunstwerke finden, die deutlich älter als 50.000 Jahre sind. Pike und Zilhão überlegten 2003, wie sie das anstellen konnten, als sie zufällig Dirk Hoffmann trafen, einen Forscher am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie, der sich auf die Datierung von Mineralien spezialisiert hat.

Hoffmanns Methode beruht auf dem Umstand, dass das radioaktive Element Uran wasserlöslich ist, das Element Thorium aber nicht. Wenn Wasser durch den Boden in die Höhle sickert, lagert sich das vom Wasser gelöste Uran in Mineralkrusten ab. Die radioaktiven Uran-Isotope zerfallen dann in einer berechenbaren Geschwindigkeit zu Thorium. Da die Wissenschaftler sichergehen konnten, dass kein anderes Thorium in die Kruste gelangt ist, kann die relative Uran- und Thoriummenge in den Mineralien ihr Alter offenbaren – und damit auch das Alter der Malereien unter der obersten Schicht.

Für seine Messungen benötigt Hoffmann nur eine kleine Probe des Gesteins, nicht größer als ein Reiskorn. Aber die Entnahme dieser Probe ist dennoch keine Kleinigkeit: Der Wissenschaftler muss nur wenige Millimeter von einem unbezahlbaren Kunstwerk der Geschichte entfernt mit einem Skalpell hantieren.

„Eine falsche Bewegung und man entfernt vielleicht ein paar Pigmente von der Wand, die da schon seit Tausenden und Abertausenden von Jahren waren“, sagt Hoffmann, der Hauptautor beider Studien „Wenn man zum ersten Mal reingeht, ist das ein überwältigendes Gefühl.“

In den drei Höhlen mit den Malereien fanden Forscher einige Mineralkrusten über den Pigmenten, die mindestens 64.800 Jahre alt waren. Die Malereien darunter müssen also mindestens genauso alt, wenn nicht gar älter sein. Die Mineralschichten über den Muscheln und Pigmenten in der Cueva de los Aviones waren aber mindestens 115.000 Jahre alt – mehr als doppelt so alt, wie Zilhão es bei seiner Untersuchung derselben Artefakte 2010 geschätzt hatte.

Insgesamt zeigen die Befunde aus den Höhlen Pike zufolge, dass „dieses Verhalten der Neandertaler sich nicht nur auf einen einzelnen Zeitabschnitt beschränkte. […] Außerdem ist es absolut vergleichbar mit dem, was Menschen in Afrika taten.“

ENG VERWANDT

Angesichts des gemeinsamen Talents für Kunst hinterfragen die Forscher sogar, ob Neandertaler tatsächlich eine eigene Art waren oder ob es sich nicht eher um eine isolierte europäische Untergruppe des modernen Menschen handelte.

„Die Schlussfolgerung muss sein, dass Neandertaler geistig nicht [vom Homo sapiens] unterscheidbar waren und dass die Dichotomie von Neandertalern und Homo sapiens daher hinfällig ist“, argumentiert Zilhão. „Neandertaler waren auch Homo sapiens.“

Andere Experten mahnen allerdings zur Vorsicht. Die Abgrenzung so alter Kunstwerke sei eine große Herausforderung – und die Raffinesse der alten Künstler mit einfließen zu lassen, sei noch viel problematischer, sagt Margaret Conkey, eine emeritierte Professorin der Universität von Kalifornien in Berkeley und eine Autorität auf dem Gebiet prähistorischer Höhlenkunst. Damit die Ergebnisse noch überzeugender sind, sollte sich zukünftige Forschung ihr zufolge darauf konzentrieren, die datierten Kunstwerke explizit mit der Präsenz der Neandertaler in Verbindung zu bringen, deren Überreste in anderen spanischen Höhlensystemen entdeckt wurden.

„Kommt eine Datierung allein schon der Gegenwart von Neandertalern gleich?“, fragt sie. „Ich habe überhaupt kein Problem damit, dass Neandertaler fähig gewesen sein könnten, Materialien wie Ocker und Kohle zu benutzen, um Markierungen oder gar Bilder zu zeichnen. Aber es ist eben die übliche archäologische Herausforderung: das Ganze in Einklang mit diversen konvergierenden Beweislagen zu bringen.“

Pike jedenfalls ist fasziniert von der schieren Zahl der Möglichkeiten, die sich der Forschung eröffnen. „Wir haben gerade mal die Spitze des Eisberges berührt. Wir könnten uns unser ganzes Leben lang damit beschäftigen.“

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