Fortschrittliche Jungsteinzeit: Die bisher ältesten Radspuren der Welt stammen aus Deutschland

Die ältesten Nachweise des Rades fand man bislang vor allem in Mesopotamien und nördlich des Schwarzen Meeres. Nun bricht ein Fund aus Norddeutschland diese Rekorde: Es sind die ältesten Radspuren der Welt – von einer der ersten rollenden Innovationen.

Die beiden dunklen, linearen Verfärbungen konnten eindeutig als Radspuren, die zu einem Wagen gehört haben mussten, identifiziert werden. 

Foto von Dieter Stoltenberg
Veröffentlicht am 14. Apr. 2022, 08:51 MESZ

Sie ist eine der wohl spannendsten Fragen der Menschheitsgeschichte: Wer hat das Rad erfunden? Bisher gab es verschiedenste Hinweise auf den Entstehungsort des vermeintlich ersten Rades, etwa Funde von Rädern aus Holz oder bildliche Darstellungen von Fahrzeugen mit Rädern. Mehrere Regionen der Welt – von Mesopotamien bis hin zu Gebieten nördlich der Alpen – kamen demnach als Innovationszentrum von rollenbasierten Technologien in Frage. Mit einem Alter von ungefähr 5.400 Jahren führen in Norddeutschland gefundene Radspuren diese Reihe nun an – und schreiben die Geschichte der Verbreitung des Rades in Europa neu.

Entdeckt wurden die Radspuren im Rahmen einer Ausgrabung auf einem Gräberfeld aus der Jungstein- und Bronzezeit in Flintbek bei Kiel. Doris Mischka, Professorin am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, hat den Fund nun in einer aktuellen Publikation dokumentiert. Laut dem Kieler Archäologen und Herausgeber des Buches Johannes Müller zeigt dieser erstmals, wie weit die Menschen in Mitteleuropa bereits um 3.000 v. Chr. technologisiert waren. „Das Ergebnis rückt Flintbek in das Zentrum einer der entscheidenden Innovationen der Menschheit“, sagt er.

In diesem Langbett wurden die Radspuren bei den Ausgrabungen entdeckt. 

Foto von Dieter Stoltenberg

Jungsteinzeit auf Rädern

Als einer der größten Megalith-Friedhöfe Europas ist das Gräberfeld von Flintbek schon lange ein Zentrum archäologischer Ausgrabungen. Zwischen 1976 und 1996 fand dort eine Ausgrabungsreihe statt, bei der zunächst steinzeitliche Großsteingräber – sogenannte Langbetten – sowie 14 Grabhügel freigelegt wurden. Weil sich die Grabmonumente auf dem Gräberfeld sichelförmig aneinanderreihen, wird das Feld auch Flintbeker Sichel genannt. Mithilfe der Radiokarbonmethode konnten die Forschenden damals bestätigen, dass auf dem Areal bereits vor über 5.800 Jahren Bestattungen durchgeführt wurden. 

Die tausende Jahre alten Radspuren waren unter einem der Langbetten verborgen – für Mischka einer der bedeutendsten Aspekte des Fundes: „Der Clou in Flintbek ist die Möglichkeit der präzisen Datierung durch die Überbauung der Spuren durch einen der langrechteckigen Grabhügel“. Ein Abgleich der Spuren mit anderen aus der Jungsteinzeit stammenden Holzrädern und jungsteinzeitlichen Wagenachsen zeigte, dass sie von einer wagenähnlichen Konstruktion hinterlassen wurden: Die Breite der Räder und der Abstand zwischen ihnen, der sich in den Spuren abzeichnete, stimmte mit dem bekannter Funden überein.

Die Forschenden gehen deshalb davon aus, dass bereits bei der Erbauung der Flintbeker Sichel eine wagenähnliche Konstruktion zum Einsatz kam. Damit kann in der Region die bisher älteste Nutzung eines Rades und der Technik, die mit dem Rad in Verbindung steht, nachgewiesen werden.

Wer hat das Rad erfunden?

Wer nun tatsächlich das Rad erfunden hat, lässt sich anhand des Fundes dennoch nicht genau bestimmen. Doris Mischka zufolge steht diese Frage allerdings auch nicht unbedingt im Mittelpunkt. „Wir sprechen erst von Innovation, wenn sich eine Erfindung auch durchgesetzt hat. So verstanden spielt es keine Rolle, wer oder wie oft eine Erfindung gemacht wurde.“ Viel wichtiger seien die Zusammenhänge, die sich aus den einzelnen Funden für die Geschichte der Region und die Verbindungen ergeben, die zwischen verschiedenen Ländern oder Zivilisationen bestanden. Dies gilt auch für die Radspuren in Norddeutschland. „Tatsache ist, dass der Norden um 5.400 v. Chr. – vielleicht sogar vorher – im Austausch mit anderen Regionen stand und sich die Innovation großräumig bis 3000 v. Chr. ausbreiten konnte“.

Auch Johannes Müller betont die Bedeutung des Fundes für die Region. „Es ist eindeutig, dass die Menschen in Mitteleuropa ebenso früh wie jene des Nahen Osten hochtechnologisiert waren“, sagt er. Somit sei Norddeutschland mindestens ein Kandidat, wenn es um die Frage geht, wo das Rad erfunden wurde. Darüber, dass sich das Rad und die damit verbundenen Technologien unter anderem in dieser Region erstmals durchsetzen konnten, bestünde nun in jedem Fall kein Zweifel mehr.

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