Belebende Bäche: Wird aus München wieder Klein-Venedig?

Einst durchzog ein ganzes System von Bächen und Kanälen die Münchner Altstadt. Verschiedene Konzepte sollen die unterirdischen Stadtbäche wieder an die Oberfläche holen.

Von Marius Rautenberg
Veröffentlicht am 3. Mai 2022, 11:24 MESZ
Der Auer Mühlbach geht am Tierpark östlich von der Isar weg und läuft an den Maximiliansanlagen ...

Der Auer Mühlbach geht am Tierpark östlich von der Isar weg und läuft an den Maximiliansanlagen wieder mit ihr zusammen. Hier eine Fotoaufnahme an der Mondstraße.

Foto von Allie Caulfield

Die Herzog-Wilhelm-Straße am Rande der Münchner Altstadt zählt nicht zu den einladendsten Orten der Stadt. Zwar gibt es eine breite Grünfläche, diese ist jedoch beidseitig von Straßen und Parkplätzen umgeben, daneben eine Tankstelle, Tiefgaragen und zahlreiche Bürogebäude. Es ist offensichtlich: Diese Straße gehört mehr den Autos als den Menschen.

Im Mittelalter verlief hier die Stadtmauer, übrig davon ist noch das Sendlinger Tor, das direkt an die Herzog-Wilhelm-Straße angrenzt. Vor dem Wall verlief in vier Metern Tiefe der Stadtgrabenbach, ausgehoben für den Verteidigungsfall. Um 1900 wurde der Bach unter die Erde verlegt, denn man brauchte die Fläche für Häuser und den aufkommenden Straßenverkehr.

Dem Verkehr fiel in den kommenden Jahrzehnten nicht nur der westliche Stadtgrabenbach zum Opfer. Tatsächlich durchzog die Münchner Altstadt im 19. Jahrhundert ein ganzes Netz von über 50 Bächen, das der Stadt den Spitznamen Klein-Venedig einbrachte. Erst in den 1960er Jahren, mit dem Bau der Münchner U-Bahn, wurde der Großteil der Stadtbäche aufgelassen, also zugemacht. Andere Teilabschnitte wurden unterirdisch verlegt.

Fotografie des nördlichen Pfisterbachs von 1907 mit Blick vom Tal. Heute befindet sich dort die Sparkassenstraße.

Foto von Hans Grässel

Brücken und Hygiene: Erhalt der Stadtbäche war zu aufwändig

Neben der Isar fließen in München nur noch einzelne Bäche an der Oberfläche: Westermühlbach, Auer Mühlbach und Eisbach sind die bekanntesten. Dabei hätte es technische Lösungen gegeben, um einige der Bäche trotz der benötigten U-Bahn-Tunnel zu erhalten, meint Franz Schiermeier, Herausgeber des Buches von Christine Rädlinger über die Geschichte der Münchner Stadtbäche und Autor eines Reiseführers zu dem Thema.

„Man hätte aber alle Stellen mit Brücken überbauen müssen“, wenn man die Bäche erhalten hätte wollen, gibt Schiermeier zu Bedenken. Im rasch wachsenden München der 1950er und 60er Jahre kaum möglich. In diesen zwei Jahrzehnten stieg die Bevölkerungszahl von 800 Tausend auf 1,3 Millionen. Dem wachsenden Bedarf an Straßen standen die Bäche im Weg. Mit dem technischen Fortschritt gingen zudem die meisten ihrer ursprünglichen Funktionen verloren.

Bis ins 19. Jahrhundert waren die Stadtbäche wichtig für die Flößerei zum Transport schwerer Waren. Zudem trieben sie Mühlen an, mit denen wiederum Sägewerke betrieben wurden, Getreide gedroschen oder Grundwasser aus dem Boden gefördert wurde – das Wasser der Bäche selbst war viel zu dreckig zum Trinken. Damit stellten die Bäche auch ein hygienisches Problem dar. Zwar gab es immer eine geregelte Entsorgung, trotzdem landeten häufig Unrat und Schlachtabfälle in den Kanälen. Seit 1883 bezieht München sein Trinkwasser großteils aus dem Mangfalltal, wodurch die Funktion der Bäche zum Betreiben von Mühlen für Pumpen überflüssig wurde.

Karte der Münchner Stadtbäche: Von einst bis zu 57 Bächen und Kanälen westlich der Isar sind heute nur noch wenige oberirdisch erhalten. Der Großteil wurde aufgelassen, das heißt, dass sie beispielsweise mit Beton zugemacht wurden.

Foto von Christine Rädlinger / Stadtarchiv München

Wasser und Grünanlagen verbessern das Mikroklima

Trotzdem gibt es durchaus eine gewisse Nostalgie für die Thematik, wie Schiermeier berichtet. „Wasser hat für viele Leute etwas mystisches.“ Ein plätscherndes Wässerchen statt Autolärm kann eine Straße aufwerten. Die Wasserqualität ist zudem deutlich besser als noch vor hundert Jahren und so hätten fließende Gewässer eine erfrischende Wirkung an heißen Tagen. Silvia Gonzalez von Green City e.V. sieht daher einen Nutzen für das Mikroklima. Die Stadt heize sich mehr auf als das Umland, weshalb es gerade in Zeiten des Klimawandels dringend nötig sei, Anpassungen vorzunehmen.

Der Verein Green City setzt sich dafür ein, wieder Bäche an die Oberfläche zu holen. Dies könne aber nur als Bestandteil eines ganzheitlichen Konzeptes funktionieren: „Bäume und Parks haben meist nur einen sehr lokalen klimatischen Effekt, der maximal bis zur nächsten Straße reicht. Man muss Wasser, Schatten, Fassaden- und Dachbepflanzung, Blumenbeete, Hecken, Entsiegelungen miteinander kombinieren.“

Viele der Versuche, die Stadtbäche wieder aufzumachen, scheitern am Aufwand. Der Glockenbach etwa liegt in vier Metern Tiefe unter der Pestalozzistraße, die eng mit Autos zugeparkt ist und nur über einen schmalen Gehsteig verfügt. Die aufgelassenen Kanäle könne man zudem kaum noch wiederherstellen, wie Schiermeier berichtet: „Die Strecken sind teilweise Kellerräume oder verlaufen durch den Hof. Andere Teile hat man mit Beton gefüllt“.

Gemälde des Westlichen Stadtgrabenbachs am Karlstor von Franz von Paula Mayr, 1842. Heute verläuft dieser Bach unterirdisch. Es gibt jedoch Pläne, den Abschnitt an der Herzog-Wilhelm-Straße zu öffnen.

Foto von Franz von Paula Mayr

Rückkehr des Stadtgrabenbachs an die Oberfläche?

Trotzdem steht zumindest die Umsetzung eines Projektes konkret in Aussicht. 2019 beschloss der Münchner Stadtrat auf Vorschlag von Green City e.V., den Westlichen Stadtgrabenbach in der Herzog-Wilhelm-Straße wieder zu öffnen und an die Oberfläche zu holen. Es könnte eine Chance sein, das Potenzial aus der zentral gelegenen Straße, die heute eher eine lieblose Grünfläche zwischen Parkplätzen ist, zu schöpfen. So haben etwa auf Initiative von Green City e.V. Münchner Studenten der Landschaftsarchitektur Konzepte für eine Gestaltung mit Bars, Freiluftkino, Pavillons oder Flohmärkten entwickelt, in denen der Bach als belebendes Element seinen Platz hätte.

Auch wenn es bereits einen Beschluss gibt, den Bach an die Oberfläche zu holen, so ist trotzdem bisher nicht viel passiert. Ein Zeitplan vom Baureferat liegt derzeit nicht vor. Tatsächlich gibt es die technische Herausforderungen, das Wasser aus vier Metern Tiefe an die Oberfläche zu bringen. Das könne laut Gonzalez geräuscharm mit einer Turbine geschehen, die vom Bachwasser selbst angetrieben wird.

Aktuell steht die Stadt München vor dem Problem, dass in Folge der Corona-Krise die Einnahmen zurückgegangen sind. Da wundert es nicht, dass ein solches Projekt aufgeschoben wird. Trotzdem stellt sich grundsätzlich die Frage, wie wir unsere Städte gestalten wollen. Der Klimawandel macht es notwendig, zversiegelte Innenstädte zu begrünen und Alternativen zum Autoverkehr zu finden. Mobilitätskonzepte mit einem besseren Nahverkehr und Radwegen können Autos in Städten ein Stück weit überflüssig machen. Dann wäre auch Platz für mehr Grün und vielleicht noch den ein oder anderen Stadtbach.

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