Höhle der tausend Mumien: Auf den Spuren der Guanchen-Kultur

Die Guanchen lebten über Jahrhunderte isoliert auf der kanarischen Insel Teneriffa. Aufschluss über ihre Herkunft und den Beginn ihrer Geschichte könnten ihre mumifizierten Verstorbenen – die sogenannten Xaxos – geben.

Von Emma Lira
Veröffentlicht am 4. Mai 2022, 09:52 MESZ
Ein Xaxo aus der sagenumwobenen „Höhle der tausend Mumien“ auf Teneriffa.

Ein Xaxo aus der sagenumwobenen „Höhle der tausend Mumien“ auf Teneriffa.

Foto von Fernando Velasco Mora

Im Jahr 1764 machte der spanische Regent und Infanteriekapitän Luis Román im Süden der kanarischen Insel Teneriffa eine sensationelle Entdeckung: In der Barranco de Herques-Schlucht fand er eine riesige Höhle, in der unzählige Mumien lagerten. Sein Zeitgenosse, der Priester José Viera y Clavijo, beschrieb den Fund mit den Worten: „Die Höhle ist so voll mit Mumien, dass man nicht weniger als tausend zählt.“ Dieser Umstand brachte Barranco de Herques den Beinamen „Schlucht der Toten“ ein – und dem Fundort die Bezeichnung „Höhle der tausend Mumien“.

„Als Archäologen gehen wir davon aus, dass der Ausdruck ‚tausend Mumien‘ wahrscheinlich eine Übertreibung war, um anzudeuten, dass es tatsächlich viele, viele Hunderte waren“, sagt Mila Álvarez Sosa, Historikerin und Ägyptologin am Casa Museo Cayetano Gómez Felipe auf Teneriffa.

Einbalsamierung bei den Guanchen

Bei den als Xaxos bekannten Mumien handelt es sich um die Toten der Guanchen, der ersten Bewohner Teneriffas. Sie bestatteten ihre Verstorbenen in den Höhlen, die im Laufe der Jahrhunderte aus den Lavaströmen des Teide entstanden waren. Als Teneriffa als letzte Insel der Kanaren im Jahr 1494 an die kastilische Krone fiel, trafen die ankommenden Soldaten dort auf Menschen, die geradewegs der Neusteinzeit entsprungen zu sein schienen: Höhlenbewohner, die Tierhäute trugen und Werkzeuge aus Stöcken und Steinen benutzten. „Und doch ehrten sie ihre Toten und bereiteten sie auf ihre letzte Reise vor“, sagt Álvarez Sosa. Fasziniert von dem Bestattungsritual dokumentierten die Kolonisten den Prozess bis ins kleinste Detail, wobei sie sich vor allem für den Vorgang der Einbalsamierung interessierten.

Lavaströme haben auf Teneriffa ein Höhlensystem entstehen lassen, das die ersten Bewohner der Insel für die Bestattung ihrer Toten nutzten.

Foto von Robert Harding, Nat Geo Image Collection

Laut Álvarez Sosa wendeten die Guanchen dabei das gleiche Verfahren an wie für die Haltbarmachung von Lebensmitteln. „Die Leichen wurden mit trockenen Kräutern und Schmalz behandelt, in der Sonne getrocknet und im Feuer geräuchert“, erklärt sie. Dabei unterschied sich der Vorgang von der ägyptischen Arbeitsweise: Die Vorbereitung eines Xaxo dauerte 15 Tage, die einer ägyptischen Mumie hingegen 70 Tage – 40 Tage für die Trocknung in Natronsalz und 30 Tage für die Einbalsamierung mit Ölen und Gewürzen. Den Aufzeichnungen der Kastilier zufolge waren auf den Kanarischen Inseln im Gegensatz zum Alten Ägypten außerdem auch Frauen an der Einbalsamierung beteiligt: Sie bereiteten die weiblichen Leichname auf ihre letzte Reise vor. Die Familie des Verstorbenen legte den Xaxo im Anschluss an die Einbalsamierung in einen gepökelten und sorgfältig genähten Beutel aus Tierhaut, wobei die Anzahl der Fellschichten den sozialen Status des Toten widerspiegelte.

Doch die letzte Ruhe der Toten wurde im 18. Jahrhundert nach Entdeckung ihres Höhlengrabs jäh unterbrochen. Luis Román ließ die Xaxos aufs europäische Festland bringen, wo sie bei den Menschen seiner Zeit als wissenschaftliche Kuriosität zwar auf großes Interesse stießen, jedoch nichts für ihre Bewahrung getan wurde. „Es war eine systematische Plünderung“, sagt María García, Kuratorin am Institut für Bioanthropologie in Santa Cruz de Tenerife. „Unsere Xaxos reisten um die Welt, landeten in Museen und Privatsammlungen und wurden teilweise sogar zu aphrodisierenden Pulvern zermahlen.“ Manche warf man vermutlich auch während der Überfahrt nach Europa über Bord, nachdem die milden Temperaturen auf dem Schiff den Verwesungsprozess in Gang gesetzt hatten. „Wir haben noch so viele Fragen, aber kaum Proben, die wir untersuchen können“, sagt García.

Diese Zeichnung eines Höhlengrabs auf Teneriffa aus dem Jahr 1764 beruht auf dem Bericht eines Arztes aus Wales, der behauptete, die Stätte besucht zu haben.

Foto von Charles-Nicolas Cochin, Antiqua Print Gallery / Alamy

Xaxos: anders als ägyptische Mumien

Nur etwa 40 unversehrte Xaxo-Exemplare sind heute noch erhalten und werden in Museen verwahrt. Javier Carrascosco, stellvertretender Leiter der Radiologie am Universitätskrankenhaus Quirón-Salud in Madrid, hat einen Xaxo aus dem Museo Arqueológico Nacional seiner Stadt mithilfe von CT-Scans untersucht. Diese konnten belegen, dass die Mumie, die er auf ein Alter von 800 bis 900 Jahre schätzt, nicht auf natürliche Weise dehydriert ist. Außerdem lieferten sie einen weiteren Hinweis darauf, dass sich das Mumifizierungsverfahren der Guanchen von dem ägyptischen unterschieden hat. „Es war beeindruckend“, sagt Carrascosco. „Die Mumie der Guanchen war viel besser erhalten als Ägyptische es sind.“ Die Muskeln wären noch gut zu erkennen gewesen, vor allem an Händen und Füßen. „Im Gegensatz zu ihren ägyptischen Gegenstücken ist die Guanchen-Mumie nicht ausgeweidet worden. Ihre Organe, einschließlich des Gehirns, sind vollkommen intakt.“

Von der Erforschung der Xaxo erhoffen sich die Wissenschaftler, mehr über die Ursprünge der Guanchen zu erfahren. Bevor die Europäer im Mittelalter auf die Kanaren kamen, hatten die Menschen hier seit Jahrhunderten isoliert gelebt. Mithilfe neuester DNA-Sequenzierungstechniken konnte inzwischen nachgewiesen werden, dass die Guanchen nordafrikanischer Abstammung sind. Die CT-Scans unterstreichen das: Javier Carrascosco stellte an der Wirbelsäule des von ihm untersuchten Xaxo eine Dysmorphie fest, die bei nordafrikanischen Völkern üblich ist. Auch die Gesichtszüge weisen auf den Nachbarkontinent hin.

Rätsel um die Herkunft der ersten Menschen der Kanaren

Doch wie und wann kamen die Guanchen nach Teneriffa – und warum? Darüber gibt es einige Theorien, von denen bisher jedoch keine konkret bestätigt werden konnte.

„Wir haben immer von Einwanderungswellen gesprochen“, sagt Teresa Delgado, Kuratorin des Kanarischen Museums in Las Palmas. „Aber vielleicht waren es nur Gruppen von Familien, die zu verschiedenen Zeiten ankamen. Vielleicht waren die Ereignisse in Nordafrika, von der römischen Herrschaft bis zur Ankunft des Islam, der Auslöser für die Migrationswellen.“

Einem Szenario zufolge könnte es sich bei den ersten Bewohnern der Kanaren um verbannte Berberrebellen handeln. Sie sollen zwischen den Jahren 25 v. Chr. und 25 n. Chr. während des Berberaufstands gegen Rom auf die Inseln gebracht worden sein. „Das römische Recht sah die Verbannung auf die Inseln als Strafe vor“, sagt Antonio Tejera Gaspar, Autor des Buchs Guanches.

Links: Oben:

Genetikerin Rosa Fregel entnimmt einem Xaxo einen Zahn. Die Analyse der DNA soll Hinweise auf die Ursprünge der ersten Bewohner der Insel liefern.

Foto von The Golden Mummy, Story Productions
Rechts: Unten:

Im Jahr 2016 wird ein Xaxo im Universitätskrankenhaus in Madrid einem CT-Scan unterzogen, der einen Einblick in sein Innenleben erlaubt, ohne ihn zu beschädigen.

Foto von Raúl Tejedor, RTVE / Story Productions

Nach dem Fund von Keramikscherben auf der kanarischen Insel Lobos im Jahr 2012 kam jedoch die These auf, dass Saisonarbeiter hier zur Zeit des Römischen Reichs temporäre Siedlungen errichtet hatten. In diesen lebten sie während der Rotmund-Leistenschnecken-Ernte, die zur Herstellung des Farbstoffs Purpur verwendet wurde. „Wir haben eine Werkstatt zur Herstellung des Farbstoffs gefunden, was beweist, dass der Archipel zur römischen Sphäre gehörte und das Gebiet zu jener Zeit bekannt war“, erklärt María del Carmen del Arco, Archäologin an der Fundstätte von Lobos.

Sie räumt jedoch ein, dass der römische Gelehrte und Offizier Plinius der Ältere in seinen Aufzeichnungen aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. eine frühere Bevölkerung aus der Zeit vor der römischen Ära auf den Kanaren erwähnt. Deren Existenz kann auch archäologisch bestätigt werden: So gibt es auf Teneriffa einige Stätten, die auf das 6. Jahrhundert v. Chr. datiert wurden, und auf La Palma Stätten aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. „Das macht alles Sinn. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Inseln von Osten nach Westen besiedelt wurden – von der nächstgelegenen bis zur am weitesten von der afrikanischen Küste entfernten“, sagt José Farrujia, Archäologe und Historiker an der La Laguna Universität auf Teneriffa.

Links: Oben:

Radiologe Javier Carracosco vergleicht das Aussehen der 900 Jahre alten Mumie mit dem einer Holzfigur von Jesus Christus.

Rechts: Unten:

Hände und Füße der Mumie waren damals vorsichtig zusammengebunden worden.

bilder von Fernando Velasco Mora, Courtesy of the National Archeological Museum, Madrid

Er berichtet von Höhlenmalereien, die auf mehreren der Inseln gefunden wurden und Boote abbilden, die denen der Phönizier ähneln. Ein Argument gegen die These, dass die Bewohner der Inseln zwangsläufig isoliert lebten, weil sie keine Kenntnis vom Bootsbau oder dem Segeln hatten. „Wahrscheinlich hatten sie Boote, von denen aber keine archäologischen Spuren die Zeit überdauert haben“, sagt Farrujia. Eine andere Erklärung für die Malereien könnte jedoch auch sein, dass die Menschen versklavt und unfreiwillig mit dem Boot auf die Inseln gebracht und dort zurückgelassen wurden.

Höhle der tausend Mumien – nur ein Mythos?

Wann und wie auch immer die Geschichte der Guanchen begann, sie endete gegen Ende des 16. Jahrhunderts, als die Kultur durch religiöse und soziale Assimilierung vollständig ausgelöscht wurde. Ihr Niedergang nahm bereits im 15. Jahrhundert mit der Ankunft der Kastilier seinen Anfang, als tausende Guanchen in Schlachten oder an eingeschleppten Krankheiten starben oder versklavt wurden. Eine genaue Untersuchung der „Höhle der tausend Mumien“ könnte möglicherweise weitere wichtige Hinweise für die Rekonstruktion ihres Lebens liefern – doch niemand weiß, wo genau sie sich befindet. Ihre Koordinaten wurden nie schriftlich festgehalten, sondern lediglich mündlich weitergegeben.

Manche der heutigen Bewohner Teneriffas sagen, die Höhle sei durch einen Erdrutsch zugeschüttet worden. Andere behaupten, den Ort zu kennen, ihn aber nicht verraten zu wollen, um die Erinnerung an das Volk der Guanchen zu schützen. Es ist aber auch durchaus möglich, dass die Information inzwischen endgültig verloren gegangen ist – oder es sich nur um eine Legende handelt. Bisher hat jedenfalls „kein Archäologe jemals einen Xaxo in seiner ursprünglichen Umgebung gefunden“, erklärt María García. Das macht diesen mystischen Ort zu einem, nach dem Forscher auf Teneriffa weiterhin auf der Suche sind –  und zum heiligen Gral der kanarischen Archäologie.

Der Artikel wurde ursprünglich in englischer Sprache auf NationalGeographic.com veröffentlicht. Überarbeitung und zusätzliche Berichterstattung in Deutschland von Katarina Fischer.

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