Der nackte Ritter: Die mysteriöse Mumifizierung des Kalebuz

Vor über 300 Jahren starb Christian Friedrich von Kalebuz – und hinterließ der Nachwelt die wohl berühmteste Mumie Deutschlands. Mythen und Legenden ranken um Mann und Leichnam: Eine rätselhafte Geschichte von Mord, Totschlag und Schuld.

Von Lisa Lamm
Veröffentlicht am 2. Juni 2022, 13:58 MESZ
So friedlich wie Kalebuz heute in seinem Sarg aussieht, war er wohl nicht – weder im ...

So friedlich wie Kalebuz heute in seinem Sarg aussieht, war er wohl nicht – weder im Leben noch nach seinem Tod.

Foto von Ev. Kirchengemeinde Neustadt Dosse

Im Jahr 1794 öffneten die Bewohner von Kampehl – einem heutigen Ortsteil von Neustadt (Dosse) in Brandenburg – eine Gruft, in der fast 100 Jahre zuvor der Ritter Christian Friedrich von Kalebuz bestattet worden war. Sie fanden darin drei Särge. In zwei von ihnen lagen verweste Leichen – im Sarg des Ritters Kalebuz eine Mumie.

Dieser Fund ist der Stoff, aus dem Legenden entstehen: Kalebuz soll einen Mord begangen haben, der jedoch nie aufgeklärt wurde – und die Menschen sahen zwischen der Tat und dem erstaunlichen Erhaltungszustand seines toten Körpers schnell einen Zusammenhang. So wurde die Mumifizierung entweder als Strafe oder als Beweis für seine Sünde interpretiert. Bei allen Spekulationen ist heute eines sicher: Kalebuz wurde nicht medizinisch mumifiziert, sondern verwandelte sich auf natürliche Weise in eine Mumie.

In der Wissenschaft werden die Prozesse und Umstände der Mumifikation – also der natürlichen Mumifizierung eines Leichnams – bis heute erforscht. Im Fall des Ritters Kalebuz kamen wohl verschiedene Faktoren zusammen, die zu seinem mysteriösen Dasein als Mumie führten – und die sind fast so spannend wie die Legenden, die sich um den Ritter ranken.

So wird Ritter Kalebuz aktuell in Kampehl ausgestellt: Hinter Glasscheiben.

Foto von Ev. Pfarramt Neustadt Dosse

Ein Adeliger treibt sein Unwesen

Christian Friedrich von Kalebuz wurde im Jahr 1652 geboren und verstarb im Jahr 1702 als Gutsherr von Kampehl. Er stammte aus der Adelsfamilie von Kalebuz, die vielerorts auch unter dem Namen Kahlbutz bekannt ist. Die Schreibweise Kalebuz taucht jedoch im Kirchenbuch-Eintrag des Pfarramts Köritz auf und wird deshalb offiziell verwendet. 

Streng genommen war Kalebuz gar kein Ritter: In der Schlacht bei Fehrbellin gegen Schweden im Jahr 1675 war er als Kornett im Einsatz, also als niederster Offizier der Kavallerie. Die Bezeichnung Ritter ist vielmehr ein Hinweis auf seine Zugehörigkeit zur märkischen Ritterschaft und damit dem niederen Adel. Gutsherr von Kampehl wurde er, nachdem seine Mutter das Gut nach dem Tod von Kalebuz Vater für sich und ihre beiden Söhne kaufte.

Um das Jahr 1682 heiratete Friedrich Christian von Kalebuz die Adelige Margarete Sophie von Rohr, mit der er in den folgenden 20 Jahren elf Kinder zeugte. Doch nicht nur aus dieser Ehe sind Kinder entstanden: Mit Berufung auf das sogenannte Recht der ersten Nacht soll Ritter Kalebuz seine Mägde zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben – und mit ihnen über 30 weitere Nachkommen gezeugt haben. 

Das Recht der ersten Nacht

Ob es das Recht der ersten Nacht offiziell wirklich gab, ist bis heute historisch nicht eindeutig belegt. Das Gesetz soll vom Mittelalter bis in die Neuzeit bestanden und besagt haben, dass Frauen, die im Dienste eines Herrn standen, vor ihrer eigenen Hochzeit zuerst mit diesem schlafen mussten. Anstelle des Bräutigams hatte also der Herr das Recht, „die erste Nacht“ mit seiner Magd oder einer anderweitig ihm unterstellten Frauen zu verbringen – quasi eine Vergewaltigung per Gesetz.

Friedrich von Kalebuz machte von diesem Recht offenbar großzügig Gebrauch – bis eine seiner Mägde ihn abwies. Maria Leppin verweigerte sich dem Adelsherrn, nachdem sie sich im Jahr 1690 mit einem Schäfer aus dem Nachbardorf Bückwitz verlobt hatte. Als Reaktion auf die Zurückweisung soll Kalebuz den Mann kurzerhand umgebracht haben. 

Maria Leppin bezichtigte Kalebuz des Mordes und der Fall landete vor dem Amtsgericht in Dreetz. Doch aufgrund mangelnder Beweise genügte ein Eidschwur des Ritters, der seine Unschuld beteuerte: Kalebuz wurde freigesprochen.

Wie funktionierte Mumifizierung im Alten Ägypten?
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Mumifikation als Strafe Gottes?

Dorit Geu vom Evangelischen Pfarramt Neustadt (Dosse) ist Expertin auf dem Gebiet des Kalebuz und leitet Führungen durch die bis heute erhaltene Kalebuz-Gruft an der Feldsteinkirche von Kampehl. „Der Legende nach soll Kalebuz vor seinem Tod gesagt haben: Wenn ich doch der Mörder gewesen bin, soll mein Leichnam nicht verwesen“, sagt sie. Der Ritter starb etwa zehn Jahre nach der Bluttat. Seine später entdeckte mumifizierte Leiche schien seine Schuld dann posthum zu beweisen: Zur Strafe für den Mord an dem Schäfer bleibt sie nun ewig erhalten.

Natürlich weiß man heute: Der Leichnam des Ritters ist durch den Prozess der Mumifikation entstanden. Unklar ist aber, wie genau dieser Prozess ablief. Wahrscheinlich ist, dass die extrem trockene Luft im Winter in der Gruft sowie die Bauweise seines Sarges, in den kaum Insekten gelangen konnten, die Konservierung begünstigten. 

Geu zufolge war der Sarg des Kalebuz – ein sogenannter Eichendoppelsarg – für die damalige Zeit ohnehin etwas ganz Besonderes. Wahrscheinlich sollte mit der Bestattung in Doppelsarg und Gruft die Leistung des Ritters in der Schlacht bei Fehrbellin geehrt werden. Zusammen mit einer für die Mumifikation günstigen Raumbeschaffenheit hat Kalebuz sein Mumien-Dasein also womöglich auch seinem Erfolg als Kornett zu verdanken. 

Touristenattraktion

Im Jahr 1794, als die Mumie des Ritter Kalebuz gefunden wurde, sollten die drei Verstorbenen in der Gruft eigentlich auf den Friedhof umgebettet und das Gewölbe abgerissen werden. „Dazu kam es dann nicht“, sagt Geu. Für die Menschen der damaligen Zeit war die mumifizierte Leiche ein Wunder, das man nicht vergraben konnte.

Mit der Totenruhe war es für den Leichnam des Kalebuz nach seiner Entdeckung vorbei. Im Laufe der Jahre sollen immer wieder seltsame Dinge mit der Mumie angestellt worden sein: So wird zum Beispiel erzählt, dass Soldaten Napoleons wenige Jahre nach seiner Entdeckung Kalebuz Leiche vor dem Schildehaus Kampehls aufstellten. Einige Jahre später stahl dann eine Gruppe von Studenten der Mumie die Stiefel, um daraus Bier zu trinken. Auch seine Kleidung kam ihm mit der Zeit abhanden – bekannt ist Kalebuz deshalb auch unter seinem Spitznamen „der nackte Ritter”. Bis sie zu der Touristenattraktion wurde, die sie heute ist, hatte die Mumie hatte also ein bewegtes Leben.

Der sagenumwobene Leichnam des Ritters Kalebuz liegt nun in seinem Doppelsarg in der Patronatsgruft, die an die Kirche aus dem 13. Jahrhundert angrenzt und kann im Rahmen einer Führung besucht werden. Seit etwa 50 Jahren ist der Sarg mit Glasscheiben bedeckt – zuvor wurde Besuchern die Leiche offen in ihrem Sarg präsentiert.

Umso erstaunlicher ist wohl, dass die Mumie bis heute erhalten geblieben ist – trotz der wilden Geschichten, die Kalebuz nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch nach seinem Tod erlebte.

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