Trotz Wohlstand: Mönche hatten mehr Darmparasiten als das Volk

Trotz weitaus besserer sanitärer Anlagen im Kloster: Ordensbrüder im mittelalterlichen Cambridge hatten weitaus häufiger mit Darmparasiten zu kämpfen als die restliche Bevölkerung.

Von Marina Weishaupt
Veröffentlicht am 26. Aug. 2022, 09:48 MESZ
Ausgrabung der Mönche: Zwei Skelette in ihrem Grab.

Augustinermönche werden von der Cambridge Archaeological Unit ausgegraben. Auswertungen der Bodenproben aus ihren Gräbern bestätigen: Ein großer Teil der Ordensbrüder hatte Würmer.

Foto von Cambridge Archaeological Unit

Unterschiedliche Lebensstile gehen mit unterschiedlich hohen Risiken für Krankheiten einher. Im Mittelalter gab es bezüglich der Ernährungsweise und der sanitären Ausstattung besonders zwischen Geistlichen und der allgemeinen Bevölkerung eine Kluft. Während im Kloster bereits Latrinen und fließendes Wasser zum Händewaschen genutzt wurden, blieb dieser Luxus den normalen Bürgern noch lange Zeit verwehrt. 

Doch wie stand es vor dem Hintergrund dieser Voraussetzungen um die Gesundheit der einzelnen Bevölkerungsgruppen? Dieser Frage widmete sich nun ein Foschungsteam des Department of Archaeology der University of Cambridge. „Das ist das erste Mal, dass jemand versucht hat herauszufinden, wie häufig Parasiten bei Menschen mit unterschiedlichen Lebensstilen in derselben mittelalterlichen Stadt vorkamen", sagt Piers Mitchell vom Department of Archaeology in Cambridge, Co-Autor der Studie. Die Ergebnisse, die im Fachmagazin ScienceDirect erschienen, sind überraschend: Augustinermönche hatten im mittelalterlichen Cambridge im Vergleich zur Bürgerschaft ein bis zu doppelt so hohes Risiko, von Darmwürmern befallen zu werden.

Bemerkenswerte Unterschiede

Für ihre Untersuchungen analysierte das Team das Erdmaterial aus insgesamt 44 Gräbern zweier Friedhöfe aus der Zeit zwischen dem 10. und 14. Jahrhundert. 25 der Verstorbenen fanden ihre letzte Ruhe auf dem Allerheiligenfriedhof nahe der Schlosspfarrkirche, auf dem meist Menschen mit niedrigem sozioökonomischen Status begraben wurden. Anders auf dem ehemaligen Klostergelände, auf dem ehemals das Augustinerkloster der Stadt Cambridge lokalisiert war. Hier, wo es hauptsächlich Begräbnisse von Geistlichen oder gut betuchten Bürgern gab, wurden zusätzlich 19 Skelette exhumiert: ehemalige Mönche.

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Den Status der Toten innerhalb der Klostermauern konnte die Arbeitsgruppe anhand noch vorhandener Überreste ihrer Kleidung bestätigen. „Die Brüder wurden mit den Gürteln begraben, die sie als Standardkleidung des Ordens trugen, und wir konnten die Metallschnallen bei der Ausgrabung sehen“, sagt Craig Cessford von der Cambridge Archaeological Unit. 

Um die damalige Darmgesundheit der einzelnen Individuen nachvollziehen zu können, nahmen die Forschenden vor allem die Bodenproben rund um die Beckenknochen in Augenschein – auf der Suche nach Überresten von Eiern von Darmparasiten wie Peitschenwürmern oder Spulwürmern. Um eine anderweitige Kontaminierung auszuschließen, kontrollierten sie auch Proben aus den restlichen Teilen der Gräber. Fanden sie in der Gegend rund um den Unterleib der Toten viermal so viele Eier wie beispielsweise im Bereich der Füße oder des Kopfes, so galt eine Infektion als bestätigt. 

Das Ergebnis: 58 Prozent der Mönche und lediglich 32 Prozent der normalen Stadtbewohner waren zum Zeitpunkt ihres Todes mit Darmparasiten infiziert. Wobei das Team um Tianyi Wang davon ausgeht, dass die tatsächliche Anzahl an Infizierten noch höher gewesen sein muss. Denn obwohl die Wurmeier durchaus beständig sind, vermuten sie, dass viele Spuren im Laufe der Jahrhunderte durch natürliche Prozesse verschwunden sind oder durch Insekten und Pilze zerstört worden. Doch auch das bisherige Ergebnis ist bereits beachtlich. „Die Mönche des mittelalterlichen Cambridge scheinen von Parasiten übersät gewesen zu sein“, so Mitchell.

Dünger aus menschlichen Fäkalien

Laut Wang war die häufigste bei den Untersuchungen gefundene Infektion der Spulwurm. Es habe aber auch Hinweise auf eine Peitschenwurminfektion gegeben. „Diese werden beide durch schlechte sanitäre Einrichtungen verbreitet“, sagt er. Da die Kloster aber zu dieser Zeit bereits mit fortschrittlichen Wassersystemen zur Händehygiene und zur Reinigung der Latrinen ausgestattet waren, mussten die Forschenden eine andere Erklärung für die hohe Infektionsrate der Mönche finden. 

Eine mögliche These: Die unterschiedlichen Infektionsraten hingen mit dem jeweiligen Umgang mit menschlichen Ausscheidungen zusammenhängen. „Eine Möglichkeit ist, dass die Mönche ihre Gemüsegärten mit menschlichen Fäkalien gedüngt haben. Das war im Mittelalter nicht ungewöhnlich”, so Mitchell. Es könne durchaus denkbar sein, dass sich die Ordensbrüder durch einen selbst herbeigeführten Teufelskreis so wiederkehrend mit den Würmern infiziert hatten. 

Mittelalterliche Medizin gegen Parasiten

Als Ergänzung zu ihren Erkenntnissen durch die archäologischen Grabungen zogen Wang und ihre Kollegen mittelalterliche Aufzeichnungen von Ärzten und Mönchen hinzu. Diese gaben dem Wissenschaftsteam eine Idee davon, von welchem Ursprung des Befalls die Menschen früher ausgingen – und welche gängigen Behandlungsmethoden es damals gab.

John Stockton, ein Arzt in Cambridge, hinterließ im Jahr 1361 ein Manuskript, in dem er sich unter anderem mit Würmern befasste. „Bittere Heilpflanzen“ wie Aloe und Wermut waren laut ihm in der Lage, Abhilfe zu schaffen – besonders, wenn ihre Wirkung mit „Honig oder anderen süßen Dingen“ unterstützt wurde. Ebenso sollte ein Pflaster mit Heilkräutern, aufgetragen auf die Bauchdecke, den ungebetenen Gästen den Garaus machen. Eine weitere Schrift beruft sich unter anderem auf den Franziskanermönch Symon Welles – und auf ausgefallenere Medizin. Ein Trunk aus Pulver, gewonnen aus Maulwürfen, wird darin angepriesen. 

Medizinische Gelehrte waren sich also durchaus schon im mittelalterlichen Cambridge der Existenz verschiedenster Darmparasiten bewusst. Dies würden laut der Studie auch genaue schriftlich festgehaltene Beschreibungen belegen. Als „langer runder Wurm” war wohl der bis zu 40 Zentimeter lange Spulwurm, auch Ascaris lumbricoides, deklariert worden. Auch der rund fünf Zentimeter „kurze runde“ Peitschenwurm war bereits bekannt. 

Doch selbst dieses Wissens und der gehobenen Lebensstandard der Geistlichen konnte die Mönche offenbar vor den Darmparasiten schützen.

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